Pkw in Schaufenster

In Berlin ist ein Auto in eine Schülergruppe gerast, eine Lehrerin aus Bad Arolsen wurde dabei getötet. Sie war mit einer zehnten Klasse in der Hauptstadt. 14 weitere Menschen aus der Gruppe wurden verletzt. Bundeskanzler Scholz bezeichnete den Vorfall als "Amoktat".

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Auto rast in Menschenmenge in Berlin – Schülergruppe aus Bad Arolsen betroffen

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  • Lehrerin aus Bad Arolsen von Auto in Berlin erfasst und getötet
  • 14 Menschen verletzt – Schulgruppe war auf Abschlussfahrt in Berlin
  • Der 29 Jahre alte Autofahrer wurde festgenommen
  • Die Hintergründe des Vorfalls sind noch nicht geklärt
  • Trauer und Entsetzen in Bad Arolsen – Politik reagiert schockiert

Eine Lehrerin aus Bad Arolsen (Waldeck-Frankenberg) ist in Berlin ums Leben gekommen, als ein Auto auf einer beliebten Einkaufsmeile nahe der Berliner Gedächtniskirche am Mittwochvormittag in eine Menschenmenge fuhr.

Die Frau sei mit einer zehnten Klasse einer Schule in Berlin gewesen, teilte die hessische Landesregierung am Nachmittag mit. Bei der Schule handelt es sich um die Kaulbach-Schule, bei der Gruppe um eine Abschlussklasse mit 24 Realschülern.

Polizei: 14 Verletzte aus der Schülergruppe

Verletzt wurden nach Erkenntnissen der Polizei vom Mittwochabend 14 Menschen. Bei ihnen handele es sich ausschließlich um Menschen aus der Schülergruppe, sagte eine Polizeisprecherin der Nachrichtenagentur dpa.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sagte am Donnerstagmorgen, von den 24 Schülerinnen und Schülern der zehnten Klasse lägen sieben im Krankenhaus. Insgesamt seien sechs Menschen lebensgefährlich und drei weitere schwer verletzt worden. Darunter ist auch ein Lehrer. Für Angehörige wurde eine Telefonhotline eingerichtet. Die unverletzten Schülerinnen und Schüler sind in der Nacht zum Donnerstag nach Bad Arolsen zurückgekehrt.

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Telefonhotline für Angehörige

"Unsere Personenauskunftsstelle für Angehörige ist erreichbar unter 030-84854460", twitterte die Berliner Polizei.

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Fahrer festgenommen

Nach bisherigem Kenntnisstand war das Auto im Berliner Stadtteil Charlottenburg gegen 10.30 Uhr auf den Gehweg gefahren und hatte mehrere Menschen erfasst. Anschließend fuhr es noch 200 Meter auf der Tauentzienstraße weiter, geriet erneut auf den Bürgersteig, rammte ein anderes Fahrzeug und landete in einem Schaufenster.

Der 29 Jahre alte Fahrer des Autos aus Berlin wurde festgenommen. Die Umgebung wurde weiträumig abgesperrt. Allein die Polizei war nach eigenen Angaben mit rund 130 Einsatzkräften vor Ort. Hinzu kamen rund 60 Feuerwehrkräfte. Auch ein Hubschrauber war im Einsatz.

Schriftstücke im Auto gefunden

Nach dpa-Informationen aus Polizeikreisen soll der Verdächtige, der nach dem Vorfall gefasst wurde und in ein Krankenhaus kam, psychisch auffällig sein. In dem Wagen, den er fuhr, wurden neben Schriftstücken auch Plakate mit Aufschriften gefunden.

"Ein richtiges Bekennerschreiben gibt es nicht", sagte Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Zuvor hatte es aus Polizeikreisen geheißen, es sei ein Bekennerschreiben in dem Auto gefunden worden. Spranger sprach von "Plakaten", auf denen Äußerungen zur Türkei stehen würden. Von einem zufälligen Unfall war in den Stellungnahmen nicht die Rede.

Ermittlungen in alle Richtungen

Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik betonte am Abend im rbb, man ermittele in alle Richtungen. Psychische Beeinträchtigungen seien zwar nicht auszuschließen, aber alle anderen Hintergründe ebenso wenig. Die Ermittlungen würden von einer Mordkommission geführt.

"Hinweise auf eine politische Tat haben wir derzeit so nicht, dass wir jetzt den Staatsschutz sozusagen die Ermittlungen übernehmen lassen würden." Unter anderem wurde die Wohnung des Fahrers im Berliner Stadtteil Charlottenburg durchsucht. Viel versprechen sich die Ermittler auch von Videos und Fotos von Zeugen.

Bus unterwegs, um Schüler nach Hause zu holen

Trauer und Anteilnahme kamen am Mittwoch aus ganz Deutschland. Es sei "ein schlimmer Tag mit schlimmen Nachrichten", sagte Waldeck-Frankenbergs Landrat Jürgen van der Horst (parteilos) in einem von der Schule anberaumten Pressegespräch am Mittwochnachmittag.

Die Schule öffnete am Donnerstag regulär. Vor Ort waren Psychologen, um Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte zu betreuen. Das Kollegium an der Schule steht laut van der Horst unter Schock.

Der Bürgermeister von Bad Arolsen, Marko Lambion (parteilos), erklärte, dass bereits ein Bus unterwegs sei, der die Schülerinnen und Schüler aus Berlin abholen soll. "Wir setzen alles daran, sie nach Hause zu holen", sagte er auf der Pressekonferenz.

Zwei Männer sitzen an einem Tisch vor einer Schul-Tafel

Politik reagiert schockiert

Auch die Landes- und Bundespolitik reagierte bestürzt. "Diese schockierende Nachricht aus Berlin macht mich fassungslos und tief betroffen", sagte Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) in Wiesbaden. "Meine Gedanken sind bei den Opfern, die voller Freude auf einer Klassenfahrt in der Hauptstadt waren." Den Hinterbliebenen der verstorbenen Lehrerin sprach er sein tief empfundenes Beileid aus. Er hoffe inständig, dass alle Verletzten vollständig genesen.

Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sagte: "Wir haben umgehend Notfallbetreuungsteams nach Bad Arolsen geschickt, um den Angehörigen, Mitschülerinnen und Mitschülern sowie den Lehrkräften beizustehen." Ein Team aus der Schule sei auf dem Weg nach Berlin, um den Jugendlichen sowie ihren Eltern zur Seite zu stehen. "Neben der Aufklärung dieses Vorfalls ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler über die traumatischen Erlebnisse sprechen können", so Lorz.

Die hessische SPD-Vorsitzende und Bundesinnenministerin Nancy Faeser drückte den Betroffenen ihr Mitgefühl aus. "Ich bin zutiefst betroffen und spreche der Familie der getöteten Lehrerin mein tief empfundenes Mitgefühl aus und wünsche den Angehörigen sehr viel Kraft", sagte sie am Mittwoch dem hr in Berlin. "Den verletzten Schülerinnen und Schülern sowie den Betroffenen wünsche ich baldige Genesung."

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Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD): "Bin zutiefst betroffen"

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD)
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Faeser rief dazu auf, nicht über die Ursachen des Vorfalls zu spekulieren. Sie sei mit der Berliner Innensenatorin Iris Spranger in engem Kontakt. Die Polizei werde die Hintergründe aufklären. Diese bat Zeugen, Hinweise und Mediendateien nicht zu veröffentlichen, sondern an ein Hinweisportal zu senden.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich bestürzt: "Meine Gedanken sind bei den schwer und sehr schwer Verletzten, bei dem Todesopfer", erklärte Steinmeier. "Und sie sind bei denen, die Schreckliches erleben mussten. Mein tiefes Mitgefühl gilt ihnen, allen Angehörigen und Hinterbliebenen."

"Die Reise einer hessischen Schulklasse nach Berlin endet im Alptraum", twitterte am Abend Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Er bezeichnete den Vorfall in der Tauentzienstraße in Berlin als "grausame Amoktat".

Die grausame Amoktat an der #Tauentzienstraße macht mich tief betroffen. Die Reise einer hessischen Schulklasse nach Berlin endet im Alptraum. Wir denken an die Angehörigen der Toten und an die Verletzten, darunter viele Kinder. Ihnen allen wünsche ich eine schnelle Genesung.

[zum Tweet]

Ebenfalls von einer "Amoktat" sprach am Donnerstagmorgen auch Giffey (SPD). "Das hat sich gestern Abend verdichtet", sagte Giffey im RBB-Inforadio. Durch die Ermittlungen der Polizei sei klar geworden, "dass es sich um die Amoktat eines psychisch schwer beeinträchtigten Menschen handelt". Mit Hilfe eines Dolmetschers werde versucht, mehr "aus den teilweise wirren Äußerungen, die er tätigt, herauszufinden".

Erinnerungen an Attentat am Breitscheidplatz und Vorfall 2019

In Berlin weckt der Vorfall auch Erinnerungen an das Attentat am Breitscheidplatz. Am 19. Dezember 2016 fuhr ein islamistischer Attentäter mit einem Lkw auf den dortigen Weihnachtsmarkt. Dabei starben 12 Menschen, mehr als 70 wurden verletzt. Später erlag auch ein 13. Opfer seinen Verletzungen.

Ähnlichkeiten gibt es auch mit einem Unfall im Bezirk Mitte im Jahr 2019: Ein Mann war damals mit seinem schweren Wagen von der Invalidenstraße abgekommen. Der SUV überschlug sich und tötete auf dem Gehweg einen Dreijährigen und seine Großmutter sowie zwei Männer. Im Februar 2022 war der Fahrer zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Er war trotz einer Epilepsie-Erkrankung und einer Gehirnoperation einen Monat vor dem Unfall Auto gefahren.

Die Gegend, in der sich der tödliche Vorfall ereignete, ist wegen der vielen Geschäfte, Cafés und Sehenswürdigkeiten oft sehr belebt. Sie ist ein Anziehungspunkt für Touristen aus dem In- und Ausland. In der Nähe befinden sich zum Beispiel der Zoologische Garten, der Bahnhof Zoo und das Kaufhaus des Westens (KaDeWe).

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