NSU-Prozess

Am Montag hat in München der NSU-Prozess begonnen. Zu den rund 80 Nebenklägern gehören die Kinder des ersten Opfers Enver Simsek aus Schlüchtern. In seiner Heimatstadt verfolgen Angehörige und Bekannte die Verhandlung aufmerksam.

Von hr-Reporterin Kathrin Rudolph 

Knapp 13 Jahre nach dem Mord an Enver Simsek soll die blutige Tat endlich aufgeklärt, sollen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Angehörige und Freunde des Schlüchterners haben lange auf diesen Tag gewartet. Seine Tochter Semiya ist eine der Nebenklägerinnen. 

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Sie sagt, sie ist neugierig auf den Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht, ist gespannt auf Gestik, Mimik und Haltung der Angeklagten. "Ich möchte gucken, ob man Reue spürt oder nicht, ob diese Ideologie immer noch festsitzt." Für den Prozess ist Semiya Simsek aus der Türkei angereist, wo sie mittlerweile lebt.

"Sicher nur die Spitze des Eisbergs"

Ihre Cousine Fadime Simsek wohnt noch immer in Schlüchtern. Auch sie ist erleichtert, dass es jetzt endlich los geht. Sie glaubt, dass das, was man bisher über die Hintergründe der Taten weiß, nur die Spitze des Eisbergs ist. "Wir wollen wirklich mal wissen, wie es dazu kam und warum sie das gemacht haben." Dass nun auch türkische Medien Plätze im Gerichtssaal bekommen haben, findet sie gut. 

Fehti Demirbag kritisiert allerdings, dass bei der Diskussion um die Presseplätze die Morde in den Hintergrund geraten seien. Von dem Prozess selbst erhofft sich der langjährige Freund von Enver Simsek nicht sehr viel. "Dass der Hintergrund von diesen Sachen rauskommt, glaube ich nicht."

Wut und Enttäuschung über die Tat

Zeynep Kiremitci ist seit Kindertagen mit Semiya Simsek befreundet. Eine Verurteilung von Beate Zschäpe würde die Opfer-Familien sicherlich beruhigen, glaubt sie. Allerdings geht sie davon aus, dass hinter den Taten noch viel mehr Menschen stecken, als man bislang weiß. "Dass das NSU-Trio das ganz alleine gemacht hat, halte ich für unmöglich." Dass Beate Zschäpe ihre Strafe bekommen werde, reiche nicht aus. Die junge Frau kann sich noch gut daran erinnern, wie wütend und enttäuscht die türkische Gemeinde war, als vor anderthalb Jahren herauskam, dass Neonazis hinter den zehn Morden stecken. 

"Man verallgemeinert das schnell und denkt sich, dass die deutsche Gesellschaft immer noch rassistische Züge hat", sagt Emine Demirel. "Es muss ja eine Vorgeschichte haben, jemand muss diese Personen auf die Idee gebracht haben, sowas zu machen." Den meisten Deutschen aus ihrem Bekanntenkreis sei der Prozess nicht so wichtig, sagt die junge Frau. Bei den Mitgliedern der türkischen Gemeinde in Schlüchtern ist das ganz anders. Sie werden den Prozess sehr aufmerksam verfolgen.