Geschlossene Praxen wegen Protestaktion "Wir wollen zeigen, wie es ist, wenn der Arzt nicht da ist"

Viele Praxen sind am Mittwoch zugeblieben - zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen. Die Ärzte protestieren mit der Aktion gegen geplante Sparmaßnahmen und deren Folgen. Sie sehen die Versorgung der Patienten in Gefahr. Es soll nicht der letzte Protest dieser Art sein.

Halboffene Tür mit der Aufschrift "Wartezimmer", dahinter verschwommen leere Stühle
Kein Arzt, keine Patienten: Viele Praxen blieben am Mittwoch leer. Bild © Imago Images
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Geschlossene Praxen wegen Ärzteprotest

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Sauer macht ihn die Situation nicht, sagt Bernhard Wagner. "Da bin ich drüber hinaus." Aber gefrustet sei er, beschreibt es der Hausarzt aus dem Odenwald. Seit 2018 führt er seine Praxis in Oberzent, zwei Jahre später eröffnete er mit einem befreundeten Arzt eine zweite Praxis im benachbarten Erbach. Rund 3.500 Patienten behandeln sie pro Quartal - eine stolze Zahl. Am Mittwoch aber haben sie nicht einen einzigen empfangen.

Die Türen der beiden Hausarztpraxen blieben geschlossen, ebenso wie die vieler anderer niedergelassener Ärztinnen und Ärzte in ganz Hessen und bundesweit. Es ist die zweite Protestaktion dieser Art innerhalb gut eines Monats. Die Ärzte wollen damit Alarm schlagen: Wegen geplanter Sparmaßnahmen der Bundesregierung und aus ihrer Sicht zu niedrigen Honoraren sehen sie die ambulante Versorgung von Patientinnen und Patienten in Gefahr, bei Haus- und bei Fachärzten.

Erste Maßnahme: Kürzere Sprechzeiten

Auch für Wagner sind Überlegungen, wie er Geld einsparen kann, längst Realität. "Wenn ich merke, es bleibt nicht genug übrig, um alles zu zahlen, dann muss ich etwas streichen - eine Leistungskürzung sehe ich direkt vor mir." Konkret könnte das im ersten Schritt bedeuten, die Sprechstundenzeiten zu kürzen. Die Folge: längere Wartezeiten und eine schlechtere Versorgung, sagt Wagner. "Das ist nicht das, was ich will – aber wenn es finanziell nicht anders geht, muss man schauen, wo man bleibt."

Doch das ist nur die erste Auswirkung, fürchtet er. Wenn die Bezahlung nicht stimme, werde sich keiner mehr für den Beruf entscheiden. "Geld ist nicht alles, aber nach 13 Jahren Schule, sechs Jahren Studium und fünf Jahren Facharztausbildung muss auch irgendwas hängen bleiben." Gerade bei Arbeitszeiten von bis zu zwölf Stunden, die wenig Raum für Freizeit und Familie lassen, so Wagner.

"Zeigen wie es ist, wenn dein Arzt nicht da ist"

Schon jetzt ist der Ärztemangel in vielen Regionen spürbar. Das sei nicht nur ein ländliches Problem, sagt Christoph Claus, Vorstandsmitglied des Hausärzteverbands Hessen (HÄVH). Dort spüre man es aber deutlicher, weil man weite Wege bis zur nächsten Praxis auf sich nehmen müsse. "Das ist mit ein Grund für die Schließung der Praxen an den Protesttagen: Wir wollen exemplarisch darstellen, wie das ist, wenn dein Arzt nicht da ist und du zum nächsten vielleicht 50 Kilometer fahren musst."

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Überalterung sei eines der Probleme, sagt Claus, der selbst in Grebenstein (Kassel) praktiziert - gerade auch bei Kinder- und Jugendärzten. "Die Kollegen sagen dann mitunter: 'Unter den Bedingungen tue ich mir das nicht mehr an und mache einfach zu'". Nachwuchs zu finden sei die andere große Schwierigkeit. "Wie wollen Sie bei solchen Arbeitsbedingungen junge Leute in die Basisversorgung bekommen?" Das führe dazu, dass es weniger Hausarztpraxen und insgesamt eine schlechtere Grundversorgung gebe.

Kein Anreiz mehr für neue Patienten

Die Liste der Kritikpunkte ist lang, und viele haben sich über Jahre oder Jahrzehnte aufgestaut. Einige sind aber auch mit aktuellen Entscheidungen des neuen Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD) und der Krankenkassen hinzugekommen. So soll ab Januar die Neupatientenregelung gestrichen werden, die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten bisher finanzielle Anreize gab, neue Patientinnen und Patienten aufzunehmen.

Verbände befürchten, dass es dadurch zu Aufnahmestopps in Praxen kommt. Die Streichung würde für die Ärzte zudem bundesweit zu Verlusten von rund 400 Millionen Euro führen, teilte die Kassenärztliche Vereinigung mit. Für Claus ist das "der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt".

Aber auch die Steigerung der Honorare ist den Ärzten zu niedrig. Für das kommende Jahr erhalten sie zwei Prozent mehr von den Krankenkassen, das ist das Ergebnis zäher Verhandlungen und eines Schiedsspruchs. Das decke nicht einmal die gestiegenen Personalkosten und den zusätzlichen Hygieneaufwand durch die Pandemie, so Claus. Dazu komme die Inflation. "Wir haben Praxen, die wir beheizen müssen. Aber wir können nicht einfach wie der Bäcker unsere Brötchen teurer machen."

Ärzte beklagen mangelnde Wertschätzung

Nicht ganz ohne Neid blicke man da auf die Krankenhäuser, die bei den Energiekosten und einem Inflationsausgleich massiv gefördert würden. "Wir sind es, die die Pandemie gewuppt haben in der Masse - nicht die Krankenhäuser", so Claus. 97 Prozent der Covid-Patienten seien beim Hausarzt in Behandlung gewesen. Auch Bernhard Wagner ärgert das. "Das ist eine grobe Missachtung, ein grobes Wegsehen gegenüber den Niedergelassenen, das schwer erträglich ist."

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen schließt sich dieser Kritik an. "Wir, die wir den Kliniken in der Pandemie ein verlässlicher Partner und Schutzwall waren, sollen nun dabei zusehen, wie man die Kliniken für ihr Nichtstun weiter üppigst alimentiert, uns aber angemessene Zuwächse verweigert", teilte die KV vor dem ersten Protesttag mit. "Politik und Kassen fahren derzeit einen Kurs, der mit mangelnder Wertschätzung der Niedergelassenen nicht einmal ansatzweise richtig beschrieben ist."

Krankenkassen: "Kein Verständnis für die Aktion"

Die Krankenkassen können die Kritik von Ärzten und Verbänden nicht nachvollziehen. "Im kommenden Jahr steigen die Honorare um insgesamt 1,4 Milliarden Euro", teilte der Spitzenverband GKV auf hr-Anfrage mit. Rechnerisch seien das für jeden Arzt und jede Ärztin 11.000 Euro mehr. "Vor diesem Hintergrund haben wir kein Verständnis für die Protestaktionen."

In jedem Jahr würden die gestiegenen Praxiskosten aus der Vergangenheit ausgeglichen. "Das heißt, die steigenden Energie- und Lohnkosten, die in diesem Jahr zum Beispiel durch Tarifabschlüsse entstehen, bekommen die Ärzte im nächsten Jahr ausgeglichen." Es dürfe dabei nicht vergessen werden, dass die zusätzlichen Arzthonorare aus den "Portemonnaies der Beitragszahlerinnen und Beitragszahler finanziert" würden.

Weitere Proteste geplant

Nach einer schnellen Einigung klingt das nicht. Doch können zwei Protesttage Politik und Krankenkassen zum Umdenken bewegen? "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt Hausarzt Bernhard Wagner. "Ich male mir aus, dass gehört und verstanden wird, was die Probleme sind." HÄVH-Vorstandsmitglied Christoph Claus würde sich wünschen, dass die Abschaffung der Neupatientenregelung zurückgenommen und an besseren Arbeitsbedingungen gearbeitet wird – inklusive mehr Geld und mehr Zeit für den einzelnen Patienten.

Wie viele Praxen sich am Mittwoch beteiligt haben, war im Vorhinein nur schwer abzusehen. Claus rechnete aber mit einer höheren Beteiligung als beim ersten, kurzfristig angesetzten Termin. Die Aktion war auf den Vormittag beschränkt. "Wir wollen ein Zeichen setzen, nicht die Patientenversorgung gefährden", begründet er. Es soll nicht der letzte Protest dieser Art sein: Im Januar soll es weitergehen, nächste Termine sind in Planung. "Wir werden auch die Frequenz steigern, wenn sich da nichts bewegt und man in Berlin nicht einsieht, dass man so Menschenleben gefährdet."

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 30.11.2022, 19.30 Uhr

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Quelle: hessenschau.de