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Wildgehege in Herborn vor dem Aus?

Kaum noch Platz für Damhirsche und Rotwild: Weil eine Autobahnbrücke neu gebaut werden muss, soll das Wildgehege in Herborn schrumpfen. Der Förderverein wittert einen Vorwand – und hat eine Petition aufgesetzt.

Ein Wildgehege ohne Wildtiere? Klingt kurios - aber so könnte es bald in Herborn (Lahn-Dill) aussehen. Am Rande des Stadtwalds haben Muffel-, Dam- und Rotwild genauso wie Esel, Ziegen und Lamas ein idyllisches Zuhause gefunden – trotz der A45, die direkt nebenher verläuft.

Doch genau die könnte den Tieren nun zum Verhängnis werden. Wegen des anstehenden Neubaus der Kallenbachtalbrücke, über die die Autobahn auf Höhe des Wildgeheges führt, plant die Stadt, die eingezäunten Flächen radikal zu verkleinern. Bis in drei Jahren die Bauarbeiten für die neue Brücke beginnen, muss ein Großteil der Tiere umgezogen sein.

Nur noch 15 Prozent der jetzigen Fläche sollen bleiben

Doch wohin? Das ist die Frage, mit der sich ein Arbeitskreis aus Politik, Förderverein und externen Gutachtern nun seit fast zwei Jahren beschäftigt. Ausgeschlossen ist demnach ein Umzug des gesamten Wildparks, weil die Stadt kein anderes freies Gelände besitzt, das annähernd groß genug wäre für die neun Hektar Wildgehege. Die Flächen neben den jetzigen Gehegen sind in Privatbesitz oder als Naturschutzgebiet gekennzeichnet und somit ebenfalls nicht geeignet. Auch eine Zusammenarbeit mit dem Tierpark in Herborn oder dem Wildgehege in Dillenburg wurde, vor allem aufgrund von Platzmangel, ausgeschlossen.

Was jetzt noch bleibt, ist ein Erhalt in reduzierter Größe: Der aktuelle Entwurf sieht vor, dass nur noch 15 Prozent der jetzigen Fläche für die Tierhaltung übrigbleiben können. Das wären etwa 1,5 Hektar, also umgerechnet ziemlich genau zwei Fußballfelder. Aus dem jetzigen Tierbestand könnten dann zwar ein paar Esel, Lamas oder Ziegen bleiben - aber für die Wildtierarten würde der vorgeschlagene Platz nicht ausreichen.

Der Förderverein Wildgehege kritisiert die Stadt

Das möchte der Förderverein Wildgehege nicht auf sich sitzen lassen – und hat eine Petition gestartet. "Wir wollen, dass die Stadt aus ihrer Komfortposition rausgeht und zusammen mit unabhängigen Gutachtern prüft, was hier oben tatsächlich möglich ist", sagt Vorstandsmitglied Christian Stuhl. Der Plan, auf den verbliebenen 1,5 Hektar nur noch drei Tierarten zu halten, ergebe wenig Sinn. Der Förderverein wirft der Stadt vor, dass sie den Brückenneubau als Vorwand für die Verkleinerung nehme, sodass "eine Schließung die letzte logische Konsequenz" sei.

Dem widerspricht Herborns Bürgermeisterin Katja Gronau auf hr-Nachfrage deutlich: "Wenn ich das Wildgehege schließen wollte, dann hätte ich das 2020 ganz einfach machen können", sagt sie. Im Gegenteil: Der Magistrat versuche händeringend, das Gehege zu retten – "nur vielleicht nicht in der Form wie jetzt", räumt sie ein.

Keine Genehmigung für die Gehege

Die parteilose Politikerin verweist auf ein womöglich entscheidendes Detail: Das Wildgehege existiert seit 60 Jahren – allerdings ohne, dass jemals eine Genehmigung dafür eingeholt worden ist. Besonders im Waldgebiet dürften die Tiere rein rechtlich gesehen eigentlich gar nicht gehalten werden, sagt Gronau. Denn der Wald ist ein sogenannter Erholungswald, in dem Tierhaltung nach dem hessischen Waldgesetz streng reguliert ist. Wenn die Tiere wegen der Bauarbeiten ihre Gehege ohnehin verlassen müssen, dann soll das zu schützende Waldgebiet wenigstens gleich nach geltendem Recht aufgeforstet werden, plant die Bürgermeisterin.

Dass auch der Natur- und Waldschutz zu beachten ist, kann der Förderverein nachvollziehen. Auch er setzt sich für den Erhalt der Bäume ein. "Am Eselsgehege zum Beispiel ist der Wald kaputt - aber, dass die Fichten nicht mehr stehen, liegt am Borkenkäfer und nicht an den Eseln", sagt Christian Stuhl. Ahorn wachse dort schon jetzt natürlich nach – "und wir sind auch gerne bereit, weitere Bäume zu pflanzen und gegebenenfalls von den Tieren abzuzäunen." Es liege sogar noch eine zweckgebundene Geldspende vor, die ausschließlich für die Anschaffung von Bäumen genutzt werden soll, so Stuhl weiter. Das ändere aber nichts daran, dass die Tiere mehr Platz bräuchten.

"Mir geht es nicht darum, das Gehege kaputt zu machen oder ein Naherholungsgebiet zu schließen – aber das geht nur durch Zusammenarbeit", sagt Bürgermeisterin Gronau. Der Förderverein hat nun Zeit, bis Mitte August eine Stellungnahme zu den Plänen der Stadt abzugeben. Eine erste Frist ist bereits verstrichen, die Entscheidung soll im September fallen.

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