Christoph Zimmermann

Als Kind sah er die Premier League im Fernsehen, später spielte er selbst in England und wurde zum Publikumsliebling bei Norwich City. Was macht den Zauber des englischen Fußballs aus, Christoph Zimmermann?

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Christoph Zimmermann: "So bin ich in England gelandet"

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Fünf Jahre spielte Christoph Zimmermann bei Norwich City, zweimal stieg er mit den "Canaries" in die Premier League auf, wo er gegen die größten Stars des Planeten spielte. Seit Sommer ist Zimmermann zurück in Deutschland und steht beim SV Darmstadt 98 unter Vertrag.

Christoph Zimmermann, nach Ihrer Station bei Norwich City steht in diesem Jahr erstmals seit fünf Jahren kein Boxing Day für Sie an. Freut Sie das? Oder werden Sie die Spiele über die Feiertage vermissen?

In den ersten Jahren in England war es ungewohnt, am Boxing Day zu spielen. Aber man gewöhnt sich an alles (lacht.). Aber ich bin ehrlich: Am 24. Dezember auf dem Trainingsplatz zu stehen, am 25. zu reisen, am 26. zu spielen – das wird mir eher nicht fehlen. Da verbringe ich die besinnliche Zeit als Familienmensch lieber mit meiner Familie. Mit zwei kleinen Kindern hat Weihnachten ohnehin einen ganz besonderen Zauber.

Didi Hamann, der auch lange in England spielte, sagte: "In den Stadien herrscht zum Boxing Day eine ganz besondere Stimmung". Haben Sie das auch so empfunden?

Im Stadion eigentlich nicht, aber um die Stadien herum, in den Städten, merkt man eine besondere Atmosphäre. In England wird rund um Weihnachten oder auch an Ostern traditionell Fußball gespielt. Da wird der Spielplan extra noch einmal aufgefächert, damit möglichst viele Spiele übertragen werden können. Man merkt, dass das für die Menschen dazugehört. Aber ich komme in dieser Zeit lieber zur Ruhe, wenn ich die Wahl habe.

Sie waren fünf Jahre in Norwich und wurden dort zum Publikumsliebling. Wie hat es Sie eigentlich nach England verschlagen?

Über Daniel Farke, der knapp anderthalb Jahre mein Trainer bei Borussia Dortmund II in der Regionalliga war. Er ging nach Norwich und zwei, drei Wochen später fragte er mich, ob ich mir vorstellen könne, auch nach Norwich zu kommen. Der Transfer eines anderen Innenverteidigers hatte sich zerschlagen, Farke wollte mich als Innenverteidiger Nummer vier. Stuart Webber, der Sportdirektor, kannte mich auch schon, weil er zuvor bei Huddersfield gearbeitet hatte, wo David Wagner Trainer war, den ich wiederum vom BVB II kannte. So kam eins zum anderen.

Sie befanden sich damals am Scheideweg zwischen Profitum und Karriere abseits des Fußballs, richtig?

Ich hatte bis dahin nicht die blumigste Karriere hingelegt. Ich war 23, hatte vier Saisons in der Regionalliga und eine in der dritten Liga gespielt und meinte zu erkennen, dass es nicht für ganz oben reicht. Also habe ich mich umgeguckt. Ich wollte nicht mit Mitte dreißig dastehen, auf 16 Jahre Regionalliga zurückblicken und kein zweites Standbein haben. Deswegen habe ich mich 2016 an der TU in Dortmund eingeschrieben und Lehramt studiert. Aber dann tat sich ein Jahr später die Möglichkeit in Norwich auf – und ich habe mich exmatrikuliert.

Hatten Sie zuvor schon eine Beziehung zum englischen Fußball?

Ja. Als ich klein war, zeigte das DSF montagabends die Zusammenfassungen der Spiele aus der Premier League. Das war das absolute Highlight für mich und meinen Bruder, die Sendung haben wir immer mit unserem Vater geschaut, der auch sehr fußballaffin ist.

Was hat Sie am englischen Fußball fasziniert?

Ich habe den englischen Fußball schon damals als etwas schneller, härter und intensiver empfunden. Auch die Stimmung kam anders rüber. Die Tore waren irgendwie besser, schneller, da war mehr dahinter als in Deutschland, so wirkte das zumindest auf mich. Und die Vereinsnamen waren etwas klangvoller, genauso die Stadien, White Hart Lane, Anfield Road, das hat sich für mich als Teenie cooler angehört. Aber als Junge in Deutschland war mein erster Wunsch natürlich trotzdem, mal in der Bundesliga zu spielen.

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Christoph Zimmermann: "Old Trafford war ganz besonders"

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Wie hat es sich denn dann zehn, zwölf Jahre später angefühlt, in der englischen Championship auf dem Rasen zu stehen?

Vom Tempo her war es extrem. Ich kam aus der vierten deutschen Liga in die zweite englische, das war ein Unterschied wie Tag und Nacht. In England ist schon die zweite Liga mit Nationalspielern gespickt, Tempo und Qualität sind sehr hoch. Und die Premier League halte ich für die beste Liga der Welt.

Wie lief ihr erstes Spiel?

Mein erstes Ligaspiel machte ich in Fulham im Craven Cottage. Es war der Saisonauftakt, das Stadion war voll. Fulham hatte den Aufstieg als Ziel ausgegeben, auch Norwich hat in der zweiten Liga oft eine gute Rolle gespielt, das war also direkt ein Knaller zum Auftakt. Und das hat man dem Stadion auch angemerkt, die Luft hat geknistert. Ich kam aus der Regionalliga, habe zuvor bei Schalke II vor 400 Zuschauern gespielt, für mich war das elektrisierend. Sicher eines der besondersten Spiele, die ich je gemacht habe. Fulham hatte auf beiden Seiten extrem schnelle Außenspieler, das war echt eklig (Lacht.) Aber wir haben kurz vor Schluss das 1:1 gemacht. Es gab also ein Happy End.

Sie sind in Norwich schnell zum Publikumsliebling geworden. Warum eigentlich?

Dass man, wie in Deutschland, nach den Spielen gemeinsam mit den Fans feiert und sich für die Unterstützung bedankt, gibt es in dem Ausmaß in England nicht. Unter Farke fing es an, dass wir nach dem Spiel ab und zu eine Runde gedreht haben, um uns zu bedanken. Das kam extrem gut an und hat eine intensive Bindung zwischen den Spielern und den Fans geschaffen. Nach dem Spiel bedanken, vor dem Stadion ein bisschen Zeit für die Fans nehmen, ein bisschen quatschen, ein Foto machen, ein Autogramm geben, damit die Fans merken, dass sie Teil des Ganzen sind – das habe ich gelebt. Aber es kam noch etwas anderes hinzu.

Was denn?

Norwich City hat einen festen Wohltätigkeits-Partner, die Community Sports Foundation. Da hat man als Spieler oft Termine. Mal ein Training mit Kindern, mal an Weihnachten ins Krankenhaus, mal ältere Dauerkartenbesitzer anrufen und fragen, wie es geht. Wir waren auch mal in einen Kinder-Hospiz. Das war hart. Was sagt man den Kids, die teilweise nur noch sechs Monate zu leben haben? Wie geht es dir? Sicher nicht. So etwas erdet enorm. Und es ist auch eine tolle Erfahrung, diesen Kindern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ich war bei diesen Aktionen immer sehr involviert. Unser Job hört nicht auf dem Fußballplatz auf, wir haben auch neben dem Platz eine Verantwortung.

So etwas kommt natürlich gut an. Was auch gut ankommt, ist ein Tackling mit dem Kopf, oder?

(Lacht). Da werde ich immer noch drauf angesprochen. Das war eine Szene in einem Spiel gegen Wolverhampton, in der ich dem Gegenspieler im Sechzehner im Liegen mit dem Kopf den Ball vom Fuß gespitzelt habe. Woran sich die wenigsten erinnern ist, dass ich vorher auch den Ball verloren und also nur meinen eigenen Fehler ausgebügelt habe. Aber mit der Aktion habe ich das Team im Spiel gehalten und wir haben noch spät ausgeglichen. Es hat sich also gelohnt.

Irgendwann hatten Sie eine Art eigenen Fanclub in Norwich, die "Zimbo Appreciation Society".

(Lacht.). Das war eher eine Art Bewegung auf Social Media, die sich so ergeben hat. Die Leute haben gemerkt, dass ich mich auf dem Platz reinhaue und mir neben dem Platz die Stadt und Region am Herzen liegen. Da haben ein paar Fans die Zimbo Appreciation Society ins Leben gerufen, online gab es dann Sticker, Karten und Fanartikel wie beispielsweise Kaffeetassen. Das war sehr amüsant und eine schöne Bestätigung.

Der Humor englischer Fußballfans ist berühmt. Ist er Ihnen auch aufgefallen?

Klar, die Schadenfreude ist ganz groß, bei jedem Ball, der drei Meter drüber geht, gibt es höhnischen Applaus. Oder auch die Fangesänge. Über Zlatan Ibrahimovic haben die Fans wegen seiner großen Nase "Zlatan, your nose is offside" gesungen, deine Nase steht im Abseits. Mein Highlight aber war in Millwall. Zwei unserer Auswechselspieler machten sich warm, wir waren Tabellenführer, Millwall im Tabellenmittelfeld, wir führten 3:1. Als Auswechselspieler kannst du dir da von den Tribünen ordentlich was anhören, so auch meine beiden Teamkollegen. "Ihr seid so schlecht, ihr spielt ja nicht mal von Anfang an", riefen die Fans. Da sagte ein anderer Fan: "Moment mal, wenn die für Norwich zu schlecht sind, dann können die doch eigentlich gut für uns spielen." Das war sehr witzig. Und typisch für Millwall, deren Stadion war eine gute Adresse für sowas.

Was war das beeindruckendste Stadion, in dem Sie in England gespielt haben?

Old Trafford. Da haben wir leider eine 0:4-Reise bekommen. Aber das Stadion ist riesig, Manchester United einer der größten Klubs der Welt, auch wenn sie in den letzten Jahren nicht mehr so erfolgreich waren. Wenn man da auf dem Rasen steht und sich bewusst macht, dass man gerade im Old Trafford gegen Manchester United spielt, ist das etwas ganz Besonderes.

Wie war es in Norwich an der Carrow Road?

Da war die Stimmung generell gut, es war immer ausverkauft, von 27.000 Plätzen gingen 20.000 an die Dauerkarteninhaber. Ich habe ein Spiel gegen Manchester City verletzt auf der Tribüne verfolgt. Wir schossen das 1:0, aber ich dachte immer noch, dass die irgendwann aufdrehen, uns überrollen und wir 1:4 verlieren. Dann legten wir das 2:0 nach. Vor der Pause schoss City das 2:1, direkt nach der Pause trafen wir aber zum 3:1. Und dann passierte etwas im Stadion. Ich habe richtig gemerkt, wie die Leute anfingen, an die Sensation zu glauben. Wie eine Verbindung zwischen den Menschen auf der Tribüne und den Spielern auf dem Platz entstand. Das Stadion hat gebrannt. Von solchen Spielen erlebt man als Spieler nur ein paar, das ist ein ganz besonderes Gefühl. Das habe ich hier in Darmstadt übrigens wieder erlebt, als wir Gladbach im Pokal geschlagen haben.

Wer war der beste Spieler, gegen den Sie in England gespielt haben?

Kevin de Bruyne von Manchester City. Der war für mich als Innenverteidiger gar nicht der direkte Gegenspieler, aber wie er die Fäden zieht und eine Abwehr mit seinen Pässen sezieren kann, ist echt fies. Man hat seine Abstände und Ordnung und denkt, man steht als Abwehr gut. Und dann kommt ein Ball von ihm und es ist alles ausgehebelt. Das zeigt einem arg die Grenzen auf. Wir haben damals 0:5 verloren, Manchester hatte noch zwei Pfostentreffer, ein Ball wurde auf der Linie geklärt. Das war die Saison, in der sie hinter Liverpool zweiter wurden. Und sie hatten die Möglichkeit, über 100 Saisontore zu erzielen, das wollten sie unbedingt schaffen. Die haben immer weitergemacht, angeführt von einem De Bruyne, der sich in anderen Sphären bewegt hat.

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Christoph Zimmermann: "De Bruyne war in anderen Sphären"

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Was war Ihr Highlight in Norwich?

Abseits vom Sportlichen hat mich die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen sehr beeindruckt. Das ist auch der Grund, warum wir noch viele Freunde in Norwich haben. Sportlich herausragend war der vorletzte Spieltag meiner zweiten Saison. Wir spielten zuhause und brauchten noch einen Punkt, um aufzusteigen. Wir führten 2:1, und das Gefühl in der Nachspielzeit, als mir klar wurde, dass wir das Ding nicht mehr verlieren werden, war unglaublich. Das ganze Stadion ist explodiert, die Emotionen brachen sich Bahn. Das war etwas ganz Besonderes.

Das Gespräch führte Stephan Reich