Manu von Darmstadt 98

Wer 16 Zweitliga-Spiele in Folge ungeschlagen bleibt und Gladbach aus dem DFB-Pokal kegelt, darf zu Recht vom Aufstieg träumen. Darmstadt 98 hat das Potenzial für die Bundesliga, die Winterpause muss aber genutzt werden.

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Highlights: Darmstadt 98 – Greuther Fürth

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In Darmstadt hört man Vergleiche mit Eintracht Frankfurt zwar nicht gerne. Aber es ist auch die jüngere Vergangenheit des ungeliebten hessischen Nachbarn, die den Lilien im Aufstiegsrennen der 2. Bundesliga zusätzlich Mut machen sollte. Denn die Eintracht wäre wohl 2018 nicht DFB-Pokal-Sieger und 2022 nicht Europa-League-Sieger geworden, wäre vorher immer alles glatt gelaufen.

Vor dem Final-Sieg gegen die Bayern stand die Final-Pleite gegen Borussia Dortmund, vor dem Europapokal-Triumph in Sevilla stand der Halbfinal-K.o. beim FC Chelsea. Sprich: ohne Enttäuschungen keine Erfolge. Und genau diese erfolgsversprechende Enttäuschung hat auch der SV Darmstadt 98 mit dem vierten Platz in der vergangenen Saison bereits hinter sich.

"Wir hatten den Aufstieg verdient, die Minuten nach dem Abpfiff waren die schmerzhaftesten Momente meiner Karriere", sagte Torhüter Marcel Schuhen im Nachgang des letzten Spieltags der Spielzeit 2021/22 der Bild und schob nach: "Die Frage ist: Was man macht damit? Heult man ein Jahr weiter oder ziehen wir daraus Energie?" Die Lilien entschieden sich für Letzteres.

Darmstadt 98 kann Bundesliga

Angeführt von Trainer Torsten Lieberknecht gelang es den Südhessen trotz des emotionalen Tiefschlags, auf eine außergewöhnliche Saison eine außergewöhnliche Hinrunde folgen zu lassen. Nach der Auftakt-Pleite gegen Jahn Regenburg folgten 16 Spiele ohne Niederlage in der 2. Liga sowie der Einzug ins DFB-Pokal-Achtelfinale.

Der wohl eindeutigste Nachweis der Bundesliga-Tauglichkeit dabei: der Pokal-Erfolg gegen Borussia Mönchengladbach. "Ein Duell auf Bundesliga-Level", wie nicht nur Gladbachs Trainer Daniel Farke richtig feststellte. Doch wie haben die Lilien das geschafft?

Lilien wie die Musketiere

Den wichtigsten Schritt gingen die Darmstädter im mentalen Bereich. Trotz der eingeschränkten finanziellen Mittel und der prominenten Abgänge von Luca Pfeiffer und Tim Skarke entwickelten alle Beteiligten einen besonderen Ehrgeiz und legten noch einmal eine Schippe obendrauf. Es mag in der 2. Liga Mannschaften mit größeren Etats oder talentierteren Spielern geben. Der unbedingte Siegeswille ist am Böllenfalltor aber so deutlich spürbar wie sonst nirgends. Die Lilien, die sonst in keiner Statistik zu den Topteams gehören, haben ligaweit die mit Abstand meisten Zweikämpfe gewonnen. Kein Zufall.

Hinzukommt, dass die Mannschaft von Coach Lieberknecht noch enger zusammengewachsen ist. Die Phrase, dass das Team in Darmstadt wirklich ein Team ist, wirkt zwar irgendwann ausgelutscht. Bei den Lilien wird das alte Musketier-Motto aber tatsächlich mit Leben gefüllt. "Der Teamspirit ist unser großes Plus", sagte passend dazu Abwehrchef Klaus Gjasula. Einer für alle – alle für einen.

Lieberknecht verordnet Flexibilität

Eine Weiterentwicklung gab es – notgedrungen – aber auch im fußballerischen Bereich. Da mit Pfeiffer und Skarke zwei der besten Offensivkräfte wegbrachen und nicht adäquat ersetzt werden konnten, verordnete Lieberknecht seiner Mannschaft mehr taktische Flexibilität. Nachdem die Lilien in der vergangenen Saison so gut wie immer im 4-4-2 aufliefen, setzte Lieberknecht in dieser Spielzeit auf verschiedene Anordnungen.

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SV98-Trainer Lieberknecht erklärt die zweigeteilte Vorbereitung

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Die neue Stamm-Formation ist ein 3-4-1-2, fünfmal kehrte Lieberknecht aber auch zur Viererkette zurück. Die Lilien sind in mehreren Systemen eingespielt und für alle Gegner schwer einzuschätzen.

Neuzugänge würden helfen

Klar ist aber auch, dass der Darmstädter Kader Grenzen hat. Dass Lieberknecht die prominenten Abgänge und die Verletzungen von Abwehrchef Gjasula oder Stamm-Sechser Fabian Schnellhardt mit immer neuen Ideen kompensieren konnte, ist ihm hoch anzurechnen. Irgendwann werden aber auch ihm die Tricks – und den Spielern die Luft – ausgehen. "Jeder sieht, dass wir auf dem Zahnfleisch laufen", gab Routinier Tobias Kempe zu.

Da das Aufgebot aktuell keine Rotation zulässt, gab es für die Leistungsträger so gut wie keine Verschnaufpause. Ein Punkt, an dem man ansetzen sollte.

Konkret heißt das: Die Lilien müssen die Pause nutzen, um wieder zu Kräften zu kommen. Auch externe Verstärkungen, vor allem in der Offensive, sollten aber eine Überlegung sein. Verdient wäre der Aufstieg definitiv. Mit klugen Entscheidungen auf dem Transfermarkt könnte er noch wahrscheinlicher werden.