Bildkombination: links eine Mountainfahrerin, die quer durch den Wald fährt. Rechts Portrait Lukas Nietsch.

Wanderer und Radfahrer tauschen im Internet Routen aus - und nehmen dabei teils wenig Rücksicht auf die Natur. Ein Digital-Ranger arbeitet nun im Biosphärenreservat Rhön daran, dass illegale Touren-Tipps verschwinden. Doch nicht jeder ist einsichtig.

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Digital-Ranger spürt illegale Touren-Tipps durch Schutzgebiete auf

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Die wachsende Zahl digitaler Outdoor-Touren-Tipps sorgt für Konflikte mit Naturschützerinnen und Naturschützern. Über Apps und Online-Karten teilen immer mehr Menschen ihre Erfahrungen beim Wandern, Radfahren oder anderen Sport- und Freizeitaktivitäten in der Natur. Dabei machen sie sich mitunter wenig Gedanken, ob die Strecken, für die sie werben, durch sensible Schutzgebiete führen und vielleicht sogar illegal sind.

Im Biosphärenreservat Rhön - im Dreiländereck von Hessen, Bayern und Thüringen - untersucht seit einem halben Jahr Digital-Ranger Lukas Nietsch virtuelle Touren-Vorschläge. Der 29-Jährige prüft sie auf ihre Verträglichkeit mit Naturschutz-Vorschriften und hält Angaben zum Wege-Netz auf dem neuesten Stand. Die Aufgabe sei riesig und für eine Person kaum zu bewältigen, sagt der studierte Geograf. Erfolgserlebnisse hatte er bisher viele - in manchen Fällen ist er aber machtlos.

hessenschau.de: Die Digitalisierung scheint mit Blick auf illegale Touren durch die sensible Natur und die schnelle Verbreitung über Social Media ein Problem zu sein.

Lukas Nietsch: Es ist sogar ein rasant wachsendes Problem. Menschen, die kreuz und quer in der Natur unterwegs sind, teilen ihre Touren in sozialen Medien und auf Outdoor-Plattformen. Dabei denken vielen nicht nach, ob das naturverträglich ist. Diese illegalen Routen abseits der Wege werden dann schnell geteilt und finden viele Nachahmer.

hessenschau.de: Wie ist das aufzuhalten?

Nietsch: Es ist schwer, dagegen anzugehen. Und es bedeutet großen Aufwand. Denn die Digitalisierung nimmt immer weiter zu. Das Smartphone ist oft der wichtigste Ausrüstungsgegenstand. Dieser Trend wird immer stärker, so dass sich das Problem in den nächsten Jahren ausbreiten wird. Biosphärenreservate, Natur- und Nationalparks hätten in diesem Bereich schon Jahre früher tätig werden müssen.

hessenschau.de: Wie wirkt sich das Problem auf die Natur aus?

Nietsch: Im Regelfall dürfen Besucher nur auf ausgewiesenen Wegen unterwegs sein. Doch es gibt Wanderer und Radfahrer, denen die normalen Wege zu langweilig sind. Sie wollen lieber eigene Wege erkunden. Dabei stören sie aber den Lebensraum von Tiere und Pflanzen. Wenn Menschen in Massen abseits der Wege unterwegs ins, schadet das der Vegetation enorm. Es gibt schließlich seltene Arten, die besonders geschützt werden.

hessenschau.de: Wie lautet Ihr Appell?

Nietsch: Auf den Wegen bleiben, keine Pflanzen herausreißen, Tieren nicht nachstellen, keinen Müll und Unrat hinterlassen.

hessenschau.de: Störungen aus der Luft, etwa von Drohnen-Piloten, sind wahrscheinlich auch ein Ärgernis.

Nietsch: Ja, in Hessen ist zum Beispiel die Milseburg in Hofbieber sehr beliebt bei Drohnen-Piloten. Sie posten Aufnahmen bei Instagram oder Facebook und freuen sich. Doch für die Vögel im dortigen Natur- und Vogelschutzgebiet sind Drohnen Aggressoren. Im schlimmsten Fall werden sie dadurch vertrieben.

hessenschau.de: Wie läuft Ihre Arbeit als Digital-Ranger grundsätzlich ab?

Nietsch: Ich schaue in Social-Media-Kanälen und auf Plattformen für Outdoor-Aktivitäten, wie etwa Komoot, nach Konflikten zwischen eingetragen Touren und dem Naturschutz. Wenn ich sehe, dass Vorschläge von Nutzern aus der Community durch Gebiete führen, wo sie nicht lang dürfen, schreibe ich die User über die Kommentar-Funktion an und bitte darum, die Touren offline zu stellen.

hessenschau.de: Wie sind die Reaktionen auf Ihr Eingreifen?

Nietsch: Die meisten Menschen zeigen sich einsichtig. Es gibt aber auch immer wieder streitbare Leute, die Diskussionen anfangen. "Das sollte das Areal doch hergeben" oder "Ich bin da schon immer mit dem Rad gefahren" lauten dann die Antworten. Angefeindet wurde ich zwar noch nie, aber man benötigt Fingerspitzengefühl bei der Ansprache.

hessenschau.de: Gab es auch Reaktionen, die bei Ihnen zu fassungslosem Kopfschütteln geführt haben?

Nietsch: Wenn es heißt: "Man kann es mit dem Naturschutz auch übertreiben!" - dann brauche ich erstmal eine Pause, um das sacken zu lassen. Dann muss ich überlegen, wie ich darauf noch höflich und diplomatisch antworte.

hessenschau.de: Das Problem ist: Sie haben keine juristische Handhabe oder irgendeinen Hebel, die Menschen zu überzeugen, im Sinne der Natur mitzumachen - oder?

Nietsch: Nein, leider nicht. Man kann die Nutzer nicht dazu verdonnern, die Touren zu löschen.

hessenschau.de: Bekommen Sie denn Unterstützung von großen Outdoor-Plattformen wie Komoot?

Nietsch: Bei krassen Fällen sind sie behilflich. Aber bei der Masse an Touren, sagen sie, dass sie nicht bei jedem Community-Mitglied tätig werden können. Sie nehmen sich da zuweilen aus der Verantwortung. Manchmal kann ich dann auch nichts mehr bewirken. Dann ist es vergebene Liebesmühe. Langfristig ist es zielführender, bei den Karten-Anbietern zu schauen, dass die Naturschutzgebiete korrekt eingezeichnet sind und es Hinweise darauf gibt.

hessenschau.de: Sie machen den Job schon seit einem halben Jahr. Wie lautet Ihre Bilanz?

Nietsch: Ich habe es nicht gezählt, aber ich habe sicherlich schon bei über 100 Touren daran mitgewirkt, dass Tier und Natur von Outdoor-Sportlern nicht weiter gestört werden. Das sind schon Erfolgserlebnisse.

Das Interview führte Jörn Perske.

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