Die Auszahlung des Elterngeldes verzögert sich in Nord- und Mittelhessen zum Teil um bis zu zehn Monate. Es gibt Familien, die sich deswegen sogar verschulden müssen. Laut Regierungspräsidium ist die Arbeitsbelastung in den Elterngeldstellen zu hoch.

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Behördenchaos bei Elterngeld

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Im April letzten Jahres kam Alexei zur Welt, der kleine Sohn von Jasmin Helwig aus Wabern (Schwalm-Eder). Sie beantragte schnell Elterngeld. Dass es viele Wochen dauern kann, bis das Geld fließt, wusste sie. Aber dass es fast ein halbes Jahr dauern würde, hätte die junge Mutter nicht gedacht.

Junge Mutter: "Habe verzweifelt geweint"

Das Basis-Elterngeld schwankt zwischen 300 und 1.800 Euro pro Monat, je nach Einkommen. Jasmin Helwig und ihre Familie sind darauf angewiesen. Als das Elterngeld nach Monaten immer noch nicht kam, war die Not groß, erzählt sie: "Man hat manchmal zu Hause gesessen und verzweifelt geweint, weil man nicht mehr weiter wusste." An den Erwachsenen werde gespart, meint Helwig. Teilweise hätten sie Miete und Heizkosten nicht bezahlen können.

Jasmin Helwig hatte sich bei der Elterngeldstelle in Kassel gemeldet, und zwar mehrmals, und gefragt, was mit ihrem Antrag denn sei. Eine Mitarbeiterin habe zugegeben, dass im Amt Unterlagen manchmal nicht mehr auffindbar seien, dass es noch dauern würde. Nach fast einem halben Jahr floss das Geld dann endlich, und zwar auch rückwirkend für die lange Wartezeit. Aber so eine Notlage möchte die junge Mutter nicht noch mal erleben.

Angeblich fehlen Unterlagen

Die Erlebnisse von Jasmin Helwig sind kein Einzelfall. Die Tochter von Nancy Hebeler aus Fritzlar (Schwalm-Eder) wurde im Mai 2022 geboren. Seitdem wartet die alleinerziehende Mutter darauf, dass ihr Antrag bearbeitet wird. Sie habe ihn vollständig eingereicht, mit der Geburtsurkunde ihrer Tochter, versichert sie.

Aber nach drei Monaten kam die Rückmeldung von der Elterngeldstelle in Kassel, die Geburtsurkunde der Tochter würde fehlen. Nancy Hebeler schickte sie dieses Mal sogar per Mail, um einen schriftlichen Beleg zu haben. Aber vor Kurzem kam wieder ein Schreiben vom Amt, die Urkunde würde fehlen. Auch Nancy Hebeler ist auf das Geld angewiesen. Ihre Eltern helfen ihr, damit sie sich nicht verschulden muss.

Verzögerungen auch in Mittelhessen

Das Behördenchaos kann Hebamme Petra Kind aus Gudensberg (Schwalm-Eder) bestätigen. Denn, dass bei der Elterngeldstelle Kassel Unterlagen verschwinden, sei kein Einzelfall. Die Hebamme hilft ihren Patientinnen schon seit Jahren beim Ausfüllen der Anträge und steckt sie oft auch eigenhändig in den Briefkasten. Sie kann bestätigen, dass die Geburtsurkunden dabei sind. Trotzdem komme vom Amt immer wieder die Mitteilung, die Urkunde müsse nachgereicht werden.

Auch zwei weitere Hebammen in Nordhessen und im Kreis Marburg-Biedenkopf berichten dem hr von Verzögerungen bei der Elterngeldstelle, und zwar in weit mehr als 20 Fällen. Und das sei nur die Spitze des Eisbergs, sagt eine der Hebammen, Marie-Luise Runde, aus Bad Wildungen-Frebershausen (Waldeck-Frankenberg). Auch sie hilft ihren Patientinnen beim Ausfüllen der Anträge und sagt, diese Verzögerungen beim Auszahlen des Elterngeldes gäbe es schon seit mindestens zwei Jahren. Das mache sie so wütend, weil dadurch Familien in Not gerieten.

Die Antwort der Elterngeldstellen

Für die Elterngeldstellen ist in Hessen das Regierungspräsidium Gießen zuständig. Auf hr-Anfrage nach den Gründen für die Verzögerungen teilt die Pressestelle mit: "Die Arbeitsbelastung in den hessischen Elterngeldstellen, insbesondere in Kassel, ist aktuell sehr hoch."

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten laut Regierungspräsidium weit über das normale Maß hinaus und versuchen dabei permanent, alles organisatorisch und personell Mögliche zu tun, um die Bearbeitungszeiten zu verkürzen und die Anträge schnellstmöglich zu entscheiden. Im HAVS Kassel gehen monatlich durchschnittlich 900 Elterngeldanträge ein. Durch interne Umstrukturierungen konnte die Bearbeitungszeit bereits reduziert werden. Wir bedauern, dass in den von Ihnen geschilderten Fällen längere Wartezeiten vorliegen."

Für Nancy Hebeler als Alleinerziehende ist das aber kein Trost. Die Elterngeldstelle will schon wieder die Geburtsurkunde ihrer Tochter haben. Erst dann werde bearbeitet. Ende offen.

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