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Leben mit Binge Eating Störung

Unkontrolliertes und exzessives Essverhalten ist typisch für Binge Eating. Betroffene stopfen sich während Essattacken maßlos voll - meist, um sich von Problemen abzulenken. Ein Betroffener erzählt von seinem Leben mit der Krankheit und Heilungsmöglichkeiten.

Zum Frühstück eine Packung Schokoriegel, eine Packung Eis, noch eine Packung Schokokekse, eine Tafel Schokolade und an manchen Tagen auch noch eine Packung Käsewürfel. Mittags Currywurst oder anderes Fastfood, zum Abendessen ebenfalls eine volle Mahlzeit, dazu Softdrinks. So sahen die Tage aus, an denen Nicolas Kesting eine Essattacke hatte. Der 28-Jährige aus Kassel ist an einer Binge-Eating-Störung erkrankt.

"Binge" kommt aus dem Englischen und bedeutet "Gelage". Bei einer Binge-Eating-Störung nehmen Betroffene innerhalb kurzer Zeit sehr große Mengen Nahrung zu sich. Das Essverhalten ist unkontrolliert und exzessiv. Im Gegensatz zu Menschen mit Bulimie übergeben sich Binge Eater nicht nach ihren Essattacken.

Bis zu 9.000 Kalorien täglich

Es gab Zeiten, in denen hatte Kesting jeden zweiten Tag eine solche Essattacke. "Ich habe fast täglich 8.000 bis 9.000 Kalorien zu mir genommen", sagt er. Sein Alltag sei vollständig vom Essen bestimmt worden: "Ich bin morgens aufgestanden und sofort in den Supermarkt gegangen. Das war wie so eine Art Dealer, wo es alles gab."

Wie viele Menschen in Hessen wie Kesting an einer Binge Eating Störung erkrankt sind, lässt sich nur schwer sagen. Laut einer Umfrage der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2013 betrifft die Essstörung deutschlandweit etwa 0,5 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens. Auf Hessen gerechnet wären das etwa 31.000 Betroffene.

Daten der Krankenkassen IKK und AOK weisen in eine ähnliche Richtung: 2020 wurde demnach bei rund 5.100 hessischen Versicherten Binge Eating diagnostiziert. Am häufigsten betroffen seien Frauen. Seit Beginn der Pandemie sei außerdem die Zahl der Betroffenen gestiegen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hält diese Form der Essstörung für die häufigste auf der Welt, gefolgt von Bulimie und Magersucht.

Essen als Ablenkung

Kesting aß meistens heimlich, weil ihm seine Essattacken peinlich waren. Das Essen löste in ihm Glücksgefühle aus, es war seine Art, mit negativen Gefühlen umzugehen. Doch nach den Essattacken fiel er in ein Loch, so beschreibt es Kesting: "Danach folgten Schuldgefühle und mangelndes Selbstvertrauen. Das ist ein Teufelskreis." Die Folge: Er aß exzessiv und nahm immer mehr zu, wog schließlich 140 Kilo.

Psychotherapeutin Larissa Lüders bezeichnet Kestings Verhalten als typisch für eine Binge Eating Störung. Betroffenen fehle die Kompetenz, Probleme langfristig zu lösen. "Sie nehmen die kurzfristige Lösung, stopfen sich mit Essen voll. Dadurch lenken sie sich ab", erklärt sie.

Binge Eating Störung

Für Betroffene hat die Therapeutin aus Korbach (Waldeck-Frankenberg) allerdings auch gute Nachrichten: "Es gibt viele Therapieerfolge." Ungefähr zwei Drittel der Erwachsenen könnten geheilt werden, nur bei einem Drittel komme es zu Rückfällen.

Aufenthalt im Krankenhaus hat wachgerüttelt

Nicolas Kesting ist seit 2018 in Therapie. Seitdem habe er große Fortschritte gemacht, stellt er immer wieder fest. Allerdings musste er erst im Krankenhaus liegen, um sich einzugestehen, dass er professionelle Hilfe braucht. Aufgrund der hohen Kalorienmenge produzierte sein Körper sehr viel Magensäure. Diese verätzte seine Speiseröhre, es kam zu inneren Blutungen. Noch heute hat Kesting Probleme mit einer chronischen Speiseröhrenentzündung.

Binge Eating Störung

Die Diagnose Binge Eating Störung sei für ihn eine Erlösung gewesen, erinnert er sich: "Endlich wusste ich, was es ist. Und dass es ein Problem gibt, das sich lösen lässt." Im Rahmen seiner Therapie arbeitete er daran, seine Emotionen nicht mehr mit Essen zu unterdrücken, sondern Alternativen zu wählen.

Glücksgefühle durch Sport

Durch Kraftsport, Meditation und Achtsamkeitsübungen fand Kesting seinen Ausgleich. Der Sport gebe ihm Selbstvertrauen und setze Glücksgefühle frei. Außerdem nahm er bereits 20 Kilo ab, baute dabei Muskeln auf. Sein Essverhalten habe sich noch nicht vollständig eingependelt, er probiere noch viel aus. "Ich möchte bewusst essen", nennt Kesting als Ziel. Verbote oder strikte Diäten würden bei ihm nicht funktionieren.

In einer Therapie gehe es nicht nur darum, das Essverhalten mit fest vereinbarten Mahlzeiten zu ändern, erklärt Therapeutin Lüders. Man schaue genauso nach den Auslösern. Offene Wunden aus der Vergangenheit, Traumata oder Depressionen stünden häufig im Hintergrund und seien für Essattacken verantwortlich. In einer Therapie werde auch das aufgearbeitet. Man arbeite mit den Betroffenen an Konfliktlösestrategien, Denkmustern und stärke ihr Selbstwertgefühl.

Umgang mit Betroffenen

Wer den Verdacht hat, dass eine Person aus dem Umfeld an einer Essstörung erkrankt sein könnte, sollte die Person konstruktiv ansprechen, rät Lüders. Man sollte signalisieren, dass der andere wichtig sei: "Lass uns überlegen, was wir machen können. Brauchst du Unterstützung? Wir haben schon viel zusammen geschafft, das kriegen wir auch hin", nennt sie als Beispiel für so ein Gespräch.

Bei Kesting war es seine Familie, die ihn unterstützte und ihm auch weiter zur Seite steht. Er hofft, dass auch andere Betroffene den Mut finden, eine Therapie zu machen. "Binge Eating ist eine anerkannte Krankheit. Es gibt Hilfe und es lohnt sich auch, dafür zu kämpfen."

Weitere Informationen

Erste Anlaufstelle

Betroffene finden auf der Seite der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen erste Anlaufstellen in ihrer Nähe.

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