Mann, und zwei Frauen halten Schild mit Bild eines Mannes hoch

Im Iran gehen Behörden seit Wochen mit großer Brutalität gegen Demonstranten vor, rund 400 Menschen sollen inzwischen getötet worden sein. Eines der Todesopfer hatte Angehörige in Gießen. Seine Familie erzählt über das Schicksal des Familienvaters.

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Erschossen im Iran

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Der Schuss ist zu hören, aber nicht zu sehen. Immer wieder schauen sich Hossein Mohammadi und seine Tochter Nina unter Tränen das Video an. Die schrecklichen Bilder von der Demonstration aus dem Iran sind einerseits weit weg von ihrem Wohnzimmer in Gießen – und trotzdem so nah.

Hossein Mohammadi berichtet: Es ist Dienstag, der 15. November. Sein Neffe Foad geht auf eine Demonstration in Kamyaran, seiner Heimatstadt im Nordwesten des Iran. Auf Internetvideos ist zu hören, wie während der Proteste an diesem Abend Schüsse fallen. Dann schreit eine Frau verzweifelt auf. Foad ist erschossen worden, mitten in der Menge auf offener Straße.

Rund 400 Tote seit September

Seit über zwei Monaten dauern die landesweiten Bürgerproteste gegen das autoritäre Regime des Iran an. Nach Schätzungen von Nachrichtenagenturen und Menschenrechtsorganisationen sind seitdem etwa 400 Menschen zu Tode gekommen, darunter auch Kinder.

Besonders aus der Provinz Kurdistan, in der auch Kamyaran liegt, gibt es aus den letzten Tagen Berichte, dass die Gewalt immer weiter eskaliert. In Mahabad, etwas weiter im Norden, seien Polizei- und Sicherheitskräfte am Wochenende mit Panzern einmarschiert und hätten wahllos auf Demonstranten geschossen.

"Wir sind voller Trauer, aber auch voller Wut"

Foad Mohammadis Familie im Iran und in Deutschland ist voller Trauer – aber auch voller Wut, wie seine Cousine Nina in Gießen erzählt. "Wut darüber, wie so was passieren kann, und darüber, dass es noch so viele andere betrifft." Hier in Gießen geht ihr Alltag irgendwie weiter, sagt sie. "Ich muss weiter arbeiten und studieren - aber in Gedanken bin ich die ganze Zeit im Iran."

Nina Mohammadi ist überzeugt: Der 42 Jahre alte Familienvater Foad wurde gezielt von den Sicherheitskräften ermordet und zum Schweigen gebracht. Er sei ein ortsbekannter Regime-Gegner gewesen, immer wieder sei er mit Freunden als Wandergruppe getarnt in der Region unterwegs gewesen, um freiheitliche Ansichten zu verbreiten.

Gewalt und Proteste gehen weiter

Die Angehörigen in Gießen beobachten nun aus der Ferne, wie die Gewalt in ihrer Heimat immer weitergeht. Sie berichten: Als ihre Familie im Iran Foads Leichnam aus dem Krankenhaus abholen wollte, hätten Sicherheitskräfte mit Schrot auf sie geschossen, dabei seien einige ihrer Verwandten schwer verletzt worden.

Der Leichnam sei erst nach langen Verhandlungen freigegeben worden, nur unter der Bedingung, dass Foad Mohammadi noch in der derselben Nacht heimlich begraben werden musste.

Protestierende Menschen in einer Straße

In den Tagen darauf habe der Todesfall zudem die Proteste in Kamyaran noch einmal weiter angefacht, erzählt Nina Mohammadi: "Verwandte und Freunde haben direkt vor dem Haus der Familie demonstriert und Foad einen Märtyrer genannt." Auch das zeigen Videos im Internet.

Onkel: "Wir sind stolz, dass sich so viele Menschen solidarisieren"

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Gießener Familie trauert um erschossenen Cousin im Iran

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Foad Mohammadi hinterlässt seine beiden Töchter, fünf und 13 Jahre alt, und seine Frau Suheila. Sein Onkel Hossein Mohammadi sagt: "Einerseits vermisse ich ihn als Person und bin traurig über seine Abwesenheit." Auf der anderen Seite sei er aber auch stolz, dass sein Neffe bereit gewesen sei, sich selbst für Freiheit und Menschlichkeit zu opfern. "Und noch stolzer bin ich darauf, dass sich so viele Menschen tagelang mit ihm solidarisiert haben."

Auch die Familie in Gießen nimmt an Demonstrationen in Deutschland teil. Seit Foads Tod halten sie dabei Schilder mit seinem Bild hoch. Hossein Mohammadi betont: Sie seien mit dieser Geschichte nicht allein, hunderten Familien im Iran gehe es gerade ähnlich. Er hofft: "Wenn die islamische Regierung gestürzt ist, dann können wir hingehen und die ganze Familie sehen und vielleicht können wir diese schlimmen Tage vergessen."

Mann bei Demonstration mit Foto eines Mannes
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