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Eskandari-Grünberg: "Wütend, traurig - und hoffnungsvoll"

Seit fast drei Wochen dauern die Proteste im Iran an. Frankfurts Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg demonstrierte vor 40 Jahren ebenfalls und wurde verhaftet. Ein Gespräch über Wut, Traurigkeit - aber auch eine große Portion Hoffnung.

Seit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini Mitte September demonstrieren im Iran tausende Menschen gegen das Regime. "Jin Jiyan Azadi", "Frauen, Leben, Freiheit", rufen sie, gehen ohne Kopftücher auf die Straßen und schneiden sich in Videos, die sie im Internet teilen, ihre Haare ab – als Zeichen der Solidarität. Das iranische, geistliche Regime geht brutal gegen die Proteste vor. Nach Angaben der in Oslo ansässigen Organisation Iran Human Rights wurden bis Dienstag mehr als 90 Protestierende getötet und mindestens tausend Menschen verhaftet.

Auf der ganzen Welt solidarisieren sich Menschen mit der Bewegung, bis zu 4.000 kamen am Dienstag auf dem Römer in Frankfurt zusammen. Bürgermeisterin Nargess-Eskandari-Grünberg (Grüne) hat die Demonstration organisiert. Sie wurde vor etwa 40 Jahren selbst nach Protesten im Iran verhaftet.

hessenschau.de: Frau Eskandari-Grünberg, Sie haben zur Zeit der iranischen Revolution selbst für Frauenrechte demonstriert. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie jetzt die Bilder von der getöteten Mahsa Amini sehen, von jungen Frauen, die sich in Instagram-Videos die Haare abschneiden, von der Scharif-Universität und Regimekräften, die gewaltsam gegen die Proteste dort vorgehen?

Nargess Eskandari-Grünberg: Das bewegt mich sehr. Zu sehen, dass es all das, wofür wir vor 43 Jahren auf die Straße gegangen sind - Freiheit, Demokratie, Frauenrechte - heute nicht gibt, macht mich unendlich traurig. Seit Jahren verletzt das Regime immer wieder die Menschenrechte, geht brutal auf die Menschen los.

Wir haben in den letzten Tagen erlebt, wie die jungen Studierenden eingekesselt wurden und auf sie geschossen wurde. Viele Studierende sind gestorben, Familien haben ihre jungen Kinder verloren. Viele junge Frauen schreiben ihr Testament, wenn sie auf die Straße gehen. Das macht mich auch stolz auf diese mutigen Menschen. Wir hier im Westen können von ihnen lernen, mutiger zu sein.  

hessenschau.de: Woher nehmen die Frauen diesen Mut?

Eskandari-Grünberg: Frauen waren immer mutig. Vor 100 Jahren hätten wir ohne Frauen hier in Deutschland nicht das Wahlrecht für Frauen bekommen. Die hatten keine Unterstützung von Männern, im Gegenteil.

Im Iran ist die Situation seit Jahrzehnten katastrophal. Die wirtschaftliche Situation, die Armut. Junge Mädchen können nicht mal Popmusik hören. Verliebte können sich nicht auf der Straße küssen.

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Zur Person

Nargess Eskandari-Grünberg wurde 1965 in der iranischen Hauptstadt Teheran geboren. 1985 floh sie mit ihrer zweijährigen Tochter nach Frankfurt, die sie in Gefangenschaft zur Welt brachte. Seit 2001 arbeitet die promovierte Psychologin und Grünen-Politikerin für die Stadt Frankfurt, seit 2021 ist sie Bürgermeisterin sowie Dezernentin für Diversität, Antidiskriminierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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Wie viele tausend junge Menschen sitzen im Gefängnis? Ich saß selber als junge Frau im Gefängnis, das Durchschnittsalter der Gefangenen war damals 19 Jahre. Können Sie sich das vorstellen? Es wurden schon mehrere Aufstände niedergeschlagen, 2008, auch danach. Jahrelang haben die Menschen das ausgehalten. Aber irgendwann ist das Maß voll. Und mit Mahsa Amini haben die Proteste eine Heldin bekommen.

hessenschau.de: Es gibt Gerüchte, dass die Verhafteten ins berüchtigte Foltergefängnis Evin gebracht werden. Sie selbst brachten Ihre Tochter dort zur Welt. Wie kam es dazu?

Eskandari-Grünberg: Ich war Schülerin an einer Mädchenschule. Ich habe ein Plakat gebastelt, auf dem stand: "Für Freiheit und für Demokratie". Daran habe ich damals sehr geglaubt, das hat mir viel Kraft gegeben. Aber das hat auch zu meiner Verfolgung geführt, weil ich diesen Flyer hatte und diesen Protesten für Freiheit und Demokratie gefolgt bin.

Und heute sind die Bilder genauso wie damals. Und auch die Gefühle. Wenn ich in meiner Rolle als Bürgermeisterin für Frauenrechte, für Menschenrechte kämpfe, fühle ich mich genauso wie damals.

hessenschau.de: Welche Gefühle meinen Sie?

Eskandari-Grünberg: Euphorie. Den unheimlich großen Wunsch nach Veränderung. Heute wie damals hatte ich das Gefühl, jede Stimme zählt. Aber auch unglaubliche Traurigkeit. Weil nicht zustande gekommen ist, was wir uns damals gewünscht haben. Weil ich viele Freundinnen verloren habe. Es sind einige im Gefängnis ermordet worden. Auch Mitglieder meiner Familie wurden vom Regime ermordet, gefoltert. Ich kann das niemals vergessen und verzeihen, weil ich weiß, dass das junge Menschen wie ich waren, die die Hoffnung auf Freiheit in sich getragen haben.

hessenschau.de: Sie wurden damals freigelassen.

Eskandari-Grünberg: Ja, nach anderthalb Jahren, auf Bewährung. Ich habe das Land danach nie wieder gesehen, wie viele andere Iranerinnen und Iraner. Das ist ein Schmerz, den die Menschen natürlich auch in sich tragen. Aber heute habe ich Hoffnung, dass es vielleicht wieder einen Iran ohne islamische Regierung geben wird.

hessenschau.de: Was macht diese Proteste anders als frühere?

Eskandari-Grünberg: Als die iranische Revolution passierte, 1979, wurden als Erstes die Rechte der Frauen verletzt. Damals haben intellektuelle Frauen gesagt, wenn die Frauen nicht sicher sind, dann werdet ihr sehen, dass die Demokratie baden geht. Und genau das ist passiert. Ich habe das Gefühl, die Forderungen von vor 42, 43 Jahren sind jetzt wieder aktuell.

Aber ich bin sicher: Dieser Aufstand wird in die Geschichte eingehen. Dass Frauen auf die Straße gehen und "Nein" sagen, habe ich in so deutlicher Form noch nicht erlebt. Es geht um viel mehr als ein kleines Tuch auf dem Kopf. Es geht um die Unterdrückung von Frauen, ihre Stimmen, ihre Wut. Frauen haben selbst die Führungsrolle dieser Aufstände übernommen. Das ist sehr stark. Und viele junge Männer unterstützen sie.

Nargess Eskandari-Grünberg auf der Bühne vor dem Römer, davor zahlreiche Menschen mit Iran-Flaggen.

hessenschau.de: Und auch Sie selbst unterstützen die Proteste. Am Dienstag haben Sie zu einer Demo vor dem Römer aufgerufen, 4.000 Menschen kamen.

Eskandari-Grünberg: Die Kundgebung ist innerhalb von vier Tagen zustande gekommen. Viele Organisationen haben die Kundgebung unterstützt. Obwohl das Internet gekappt ist, sehen wir, dass die Bilder irgendwie in den Iran kommen. Ich habe in den letzten Tagen viele Nachrichten aus dem Iran dazu bekommen, über Instagram zum Beispiel. Das hat mich zu Tränen gerührt. Die Menschen teilen die Bilder, verfolgen BBC oder andere Radiosender.

Ich bin gerührt von Künstlerinnen, Sportlerinnen, die auf die Straße gehen. Die Schauspielerin Juliette Binoche hat ihre Haare abgeschnitten. Ich glaube, solche Bilder machen den Iranerinnen Mut. "Sei meine Stimme", das habe ich in den letzten Wochen so oft gehört. Seien wir Frauen die Stimmen dieser Frauen. Das iranische Volk ist nicht allein.

hessenschau.de: Seit Jahren fordern Sie von der Bundesregierung, die wirtschaftlichen Beziehungen zum Iran abzubauen und auf Verletzungen der Menschenrechte in dem Land aufmerksam zu machen. Jetzt sind immerhin Sanktionen geplant. Reicht das?

Eskandari-Grünberg: Unsere Außenministerin Frau Baerbock hat von Sanktionen gesprochen, davon, dass es eine feministische Außenpolitik geben wird. Was genau heißt das? Weisen wir Diplomaten aus? Welche Verhandlungen brechen wir ab? Wenn sich die Europäische Union in solchen Fragen vereint, kann aus meiner Sicht eine Menge passieren. Die USA und Kanada sind vorangegangen, jetzt wünsche ich mir, dass alle europäischen Regierungen "Nein" zum iranischen Regime sagen. Man muss diese Regierung isolieren.

Das Interview führte Anja Engelke.