Portrait Jörn Perske. Er schaut auf einem Fußballfeld stehend in die Kamera und hat einen Fußball unterm Arm.

Der Hessische Fußball-Verband ist dabei, Gehfußball bekannter zu machen. Rennen und grätschen ist bei dieser recht neuen und von der FIFA anerkannten Spielform verboten. Unser Reporter hat es ausprobiert.

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Rennen verboten: Gehfußball ist anstrengender als man denkt

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Ich liebe Fußball! Vor allem selbst zu spielen. Aber der Fußball-Gott hat mich frühzeitig in den Ruhestand geschickt. Meine überstrapazierte Achillessehne machte mit Anfang 40 nicht mehr mit. So fühle ich mich nun - leider recht früh - zum Zuschauen verbannt. Doch es ist Hoffnung in Sicht. Neuerdings gibt es eine vielversprechende Spielform. Sie wird in hessischen Vereinen angeboten: Gehfußball.

Klingt wie Fußball in der Lightversion. Ohne Tempo, ohne Tacklings. Das ist schlecht für mich. Denn ich habe immer gern über den Kampf ins Spiel gefunden. Mit herausragender Technik wurde ich schließlich nicht gesegnet. Dafür bin ich ein umso begeisterter Team-Player, der wahnsinnig viel Spaß am Kicken mit und gegen andere hat.

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Gehfußball wird immer beliebter

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Gehfußball erlaubt mir - und vielleicht auch vielen anderen Fußball-Enthusiasten mit Einschränkungen - ein Comeback. Deswegen habe ich den Selbstversuch gemacht und Gehfußball in Großenlüder (Fulda) getestet. Angeboten wird's bei der SpVgg. Bimbach.

Die Liebe zum Spiel verbindet

Meine Mit- und Gegenspieler sind ganz unterschiedlichen Alters. Michael zum Beispiel ist 46 und hat wegen muskulärer Probleme lange pausiert. Horst (66) hat lange Narben an beiden Knien, künstliche Gelenke bekommen und ist seit ein paar Wochen dabei. Und da sind noch einige andere. Jeder bringt eine andere Geschichte mit. Aber sie alle verbindet die Liebe zum Spiel.

Gespielt wird meist vier mal 15 Minuten im Sechs gegen sechs, ohne Torwart. Das Feld ist kleiner abgesteckt (42 mal 21 Meter). Und ohne Abseits wird auf kleinere Tore (1 Meter hoch, 3 Meter breit) gespielt. Davor ist ein Halbkreis markiert, der nicht betreten werden darf - wie beim Handball.

Erfunden in England als Walking Football

Erfunden wurde Gehfußball (Walking Football) 2011 in England. Mittlerweile wird's auch in Deutschland gespielt. Der Weltfußballverband FIFA hat Gehfußball als eigene Sportart anerkannt.

Der Hessische Fußball-Verband (HFV) erklärt: Fußball im Gehen sei eine Alternative für Menschen, denen die übliche Form mit zu viel Schnelligkeit, Körpereinsatz, Belastung und Verletzungsrisiko verbunden ist. Er bietet sich an für Neu- und Wiedereinsteiger mit körperlichen Einschränkungen.

Rennen verboten!

Die wichtigste Einschränkung beim Spiel lautet: Rennen - egal ob mit oder ohne Ball - ist verboten. Ein Fuß muss stets den Boden berühren. Also ist permanentes, sehr schnelles gehen angesagt. Wer das ausprobiert, merkt schnell: Auch dabei gerät der Puls rasch in Wallung.

Gehfußball kann anstrengend sein - je nachdem, wie viel Tempo man macht: freilaufen, anbieten, Ball klatschen lassen und weiter. Der Ball wird stets "flach gehalten" und soll nicht höher als einen Meter gespielt werden. Kopfbälle sind tabu. Die wichtigsten Infos bietet der HFV hier, zudem gibt's ein Erklär-Video des Verbands.

"Anfangs hört man Skepsis..."

Werner Abraham ist so etwas wie der Geburtshelfer des Gehfußballs in Hessen. Er hat den Auftrag vom Hessischen Fußball-Verband bekommen, den Sport bekannt zu machen. Er ist mit Info- und Mitmach-Veranstaltungen unterwegs. "Anfangs hört man immer mal Skepsis, hier und da auch mal einen provokanten Spruch. Aber wer es mal ausprobiert hat, ist danach oft nicht mehr zu bremsen", berichtet der Gehfußball-Beauftragte im HFV-Ausschuss für Freizeit- und Breitensport.

Mittlerweile gibt es eine Liste des Verbands mit Orten und Ansprechpartnern in mehr als 20 Vereinen, die Gehfußball anbieten. Bis zum Ende des Sommers sollen es 30 werden, wie Abraham sagt. Angesichts von 2.100 Fußballvereinen in Hessen gibt es noch großes Entwicklungspotenzial.

HFV-Sprecher Matthias Gast sagt: "Ich denke, dass es für viele Vereine interessant sein kann." Mit Blick auf die gesellschaftliche Alterspyramide und die demografische Entwicklung könnte Gehfußball in Zukunft mehr Zulauf bekommen, vermute ich.

Auch Frauen spielen mit

Wer bei den sogenannten Alten Herren und somit bei den deutlich über 30 Jährigen nicht mehr mitmachen mag, kann Gehfußball probieren. Dort ist die Zielgruppe etwas älter, etwa Ü50 oder 55. Gehfußball soll auch bewusst Frauen miteinbeziehen. Es gibt gemischte Teams. Auch bei meinem Test in Großenlüder kicken mehrere Frauen mit.

Sie spielen auch mit bei Freundschaftsspielen oder Turnieren. Ein großes Turnier des Hessischen Fußball-Verbands findet am 24. September in der Sportschule Grünberg (Gießen) statt. Bis zu 16 Mannschaften werden teilnehmen, wie der Verband ankündigte. Mit dabei ist auch Eintracht Frankfurt. Dutzende Akteure haben sich dort dem Gehfußball schon angeschlossen. Ex-Profis sind aber nicht darunter, wie Abraham beobachtet.

Gehfußball als Reha-Sport?

Der Hessische Fußball-Verband will sich mit dafür einsetzen, dass Gehfußball von den Krankenkassen als Reha-Sport anerkannt wird. Das könnte für weiteren Zulauf und mehr Akzeptanz sorgen.

Für mich war es bestimmt nicht der letzte Ausflug zum Gehfußball. Mein Fazit lautet: "Kann man machen, hat seine Berechtigung und war besser als gedacht." Ob auch dieser Fußball mein Herz erobern kann, wird sich zeigen.

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