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Spatenstich urbaner Waldgarten

Startschuss für das Pilotprojekt urbaner Waldgarten: In den kommenden Monaten entsteht im Kasseler Stadtteil Waldau eine neue Grünfläche. Sie soll die Anwohner ernähren - und auch das Stadtklima verändern.

Die Wiese ist abgetragen im Wahlbachpark in Kassel-Waldau. Neben meterlangen Bauzäunen ist nichts als nackte Erde. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier bereits im kommenden Jahr eine Art opulente Streuobstwiese wachsen soll. Auf 5.000 Quadratmetern soll in dem Kasseler Stadtteil ein urbaner Waldgarten mit insgesamt 1.000 Pflanzenarten entstehen - größtenteils essbare Sorten. Am Dienstag war der Spatenstich für das Projekt.

Ein urbaner Waldgarten besteht aus verschiedenen Schichten. Ganz unten wachsen Kräuter und Gemüsesorten, in der Mitte verschiedene Beerensträucher und die oberste Schicht bilden Obst- und Nussbäume. Am Ende funktioniert ein Waldgarten wie ein richtiger Wald, befindet sich allerdings auf kleinerem Raum.

Skizze mit Bäumen, Menschen

In Kassel-Waldau werden heimische Pflanzen wie Apfel- und Birnbäume, Himbeeren, Brombeeren, Mangold und Waldmeister angepflanzt. Aber auch exotischere Gewächse wie Mandelbäume, Szechuan-Pfeffer und eine Bananensorte werden Teil des Waldgartens sein.

Damit auch Pflanzen aus wärmeren Gegenden in Nordhessen wachsen können, werden sogenannte Sonnenfallen angelegt, erklärt Antonia Hille vom Umwelt- und Gartenamt der Stadt Kassel. Dabei handelt es sich um geschützte Lichtungen, auf denen das wärmende Sonnenlicht bis zum Boden fällt. Wege und Sitzgelegenheiten für Besucher und Besucherinnen sind ebenfalls geplant. Sobald die Pflanzen Früchte tragen, darf jeder ernten und probieren.

Mitmachen erwünscht

Im Gesamtbild ergebe sich ein kleines Biotop, das den Stadtteil aufwerte und einen neuen sozialen Raum schaffe, sagt die Leiterin des Umwelt- und Gartenamts, Anja Starick. Sie betont, dass die Menschen vor Ort den Waldgarten beeinflussen und mitgestalten dürfen. Ab Januar wird ein weiterer Waldgarten in Kassel geplant, er soll im Stadtteil Helleböhn entstehen. Auch hier dürfen die Besucherinnen und Besucher eigene Ideen einbringen. Starick erwartet, dass sich der zweite Garten deshalb deutlich von dem in Waldau unterscheiden wird.

Das Projektteam des Umwelt- und Gartenamts organisiert an den beiden Standorten verschiedene Freizeitangebote. "Es gab bereits einen Sensenkurs, wir planen außerdem einen Baumschnittkurs und stehen für weitere Kurse mit der Volkshochschule in Kontakt", zählt Antonia Hille vom Umweltamt auf. Für die Bäume im Waldgarten können Interessierte eine Patenschaft übernehmen. Zusätzlich bestehe die Möglichkeit, eine Parzelle am Standort zu mieten und dort Gemüse anzubauen.

Forschungsprojekt zum Stadtklima

Bei den Waldgärten in Kassel handelt es sich bundesweit um ein Pilotprojekt. In Berlin entsteht ein weiterer urbaner Waldgarten. An allen drei Standorten sollen Forschungsarbeiten der Universität Potsdam laufen, die beispielsweise untersucht, welche Auswirkungen Waldgärten auf das städtische Klima haben.

In Kassel-Waldau steht für diese Untersuchungen bereits eine Messstation. Sie befindet sich ein Stück vor der Fläche, die derzeit umgebaut wird, und erfasst Wetterdaten des Standorts. Sobald der Waldgarten angelegt ist, wird in ihm ebenfalls eine Messstation installiert, die Vergleichswerte liefern soll. Die Forschergruppe hofft, dadurch mögliche Veränderungen im Klima vor Ort feststellen zu können.

Das Projekt soll insgesamt sechs Jahre laufen und wird vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt und Naturschutz gefördert. Konkret beläuft sich die Summe der Fördergelder für die Stadt Kassel auf rund 4,8 Millionen Euro, hinzu kommt Verstärkung in Form von Personal.

Garten Eden in Kassel?

Aber bis der Waldgarten vollständig angepflanzt ist, wird es noch ein paar Monate dauern. Bis Endes des Jahres sollen 125 Bäume gepflanzt werden. Im Mai 2023 soll alles fertig angelegt sein, dann können die Pflanzen wachsen. Britta Hartmann-Barth vom Umwelt- und Gartenamt freut sich darauf, die Veränderungen im Laufe der Jahre zu beobachten: "Am Anfang wird vor allem die unterste Schicht viele Erträge bringen, in 30 Jahren wird das sicherlich ganz anders aussehen."

Je älter der Waldgarten wird, desto weniger Pflege wird er verlangen. Hartmann-Barth hofft, dass die Stadt Kassel eines Tages eine Art "Garten Eden" haben wird, der die Anwohner durch seine große Vielfalt nährt. Im kommenden Jahr will das Projektteam bereits die ersten Himbeeren und Brombeeren ernten.

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