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Schüler aus Lich schicken Würfelsatelliten ins Weltall

Die Weltraum-AG der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich bei Gießen steht kurz davor, mit Hilfe der US-Raumfahrtbehörde NASA einen Satelliten ins All zu schicken: einen Cubesat, einen Würfelsatelliten. Inzwischen ist auch der hessische Ministerpräsident begeistert.

An diesem Nachmittag ist Formulare ausfüllen angesagt: Eine weitere Stiftung will 5.000 Euro geben, das hessische Digitalministerium ist am Projekt interessiert, auch der Schulförderverein will Geld zuschießen. Die Mitglieder der Weltraum-AG gruppieren sich um Laptops und Tablets und fangen an zu tippen - inzwischen haben sie Routine im Anträge schreiben.

Die Weltraum-AG der Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) in Lich (Gießen) ist anders als andere Nachmittags-AGs. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Klassen 5 bis 10 bauen einen Satelliten, der tatsächlich ins All fliegen soll. Anfang kommenden Jahres soll das geschehen, in Zusammenarbeit mit der US-Raumfahrtbehörde NASA, von der Nordküste Kaliforniens aus.

"Das wird Euch sowieso keiner glauben"

Die Anfänge der AG reichen über 15 Jahre in das Wartezimmer seines Zahnarztes zurück, erzählt Bernhard Krenig, Leiter der Arbeitsgemeinschaft. Damals habe er in der Zeitschrift "National Geographic" geblättert. In einem Artikel sei es um sogenannte Würfelsatelliten gegangen, die zu Forschungszwecken ins Weltall geschossen werden. Seitdem habe ihn das Thema nicht losgelassen.

Vor rund zwei Jahren machte er daraus dann eine Schul-AG. "Damit mich die Leute nicht für verrückt halten, habe ich die AG zunächst mit 'Bau und Start einer Rakete' umschrieben", berichtet Krenig augenzwinkernd. "Den Schülern habe ich aber gleich gesagt: Im Grunde planen wir, einen Satelliten ins All zu schießen - das könnt ihr auch so weitererzählen, aber das wird Euch sowieso keiner glauben."

Sechs Jungen und ein Mädchen sitzen an Computern und Tablets

Hinzu kam: Ein solches Unterfangen kostet normalerweise mehrere hunderttausend Euro, auch wenn der Satellit nur zehn mal zehn mal zehn Zentimeter groß ist. Deswegen bestanden die ersten Monate des Projekts aus Recherche - mit Erfolg.

US-Transportunternehmen gefunden

Die AG fand ein US-Unternehmen, das die Materialien stellt und für den Transport des Satelliten "lediglich den Gegenwert eines Mittelklassewagens verlangt", wie Krenig sagt. Die genaue Summe möchte er nicht nennen, auch nicht den Namen des Transportunternehmens, das nur ausnahmsweise einen Sonderpreis machen wollte.

Nun ist auch der Gegenwert eines Mittelklassewagens nicht das Budget, das einer Schul-AG normalerweise zur Verfügung steht, gibt Krenig zu. Deswegen bestanden die nachfolgenden Monate darin, Unterstützung von verschiedenen Stiftungen anzufragen.

"Unzählige Anträge geschrieben"

"Wir haben unzählige Anträge geschrieben", sagt Krenig, der an der DBS sonst Chemie, Biologie, Physik, Politik und Wirtschaft unterrichtet. Er rechne seinen Schülerinnen und Schülern hoch an, dass sie alle bei der Stange blieben.

Die Schüler selbst sehen das pragmatisch: Aufgeben sei für ihn keine Option gewesen, antwortet der 15-jährige Pascal schulterzuckend auf die Frage, ob ihm bei alldem Papierkram nicht irgendwann langweilig geworden sei. "Um Geld muss man sich halt auch kümmern, das gehört dazu." Als Auflockerung hätten sie außerdem ab und zu eine Rakete gebaut und starten lassen.

Mehrere Schülerinnen und Schüler sowie Erwachsene diskutieren an einem Messestand.

Ein Highlight der beiden AG-Jahre sei die Teilnahme an der Ideen-Expo in Hannover im Sommer gewesen, berichtet Pascal weiter - als einzige hessische Schule. Dort hätten die Schülerinnen und Schüler einen 35 Quadratmeter großen Stand gehabt, um ihr Projekt vorzustellen. Und das stehe inzwischen immerhin unter Schirmherrschaft des hessischen Ministerpräsidenten.

NASA gab grünes Licht

Vor wenigen Wochen hatte die AG schließlich genug Geld beisammen, um über besagtes US-Unternehmen einen Satelliten-Bausatz zur NASA zum so genannten Qualifying zu schicken. Jedes Teil muss einem gewissen Standard entsprechen, erklärt Krenig. 

Das war der Fall, denn die NASA gab grünes Licht. Aktuell ist der Bausatz auf dem Weg nach Deutschland. Drei weitere Bausätze schraubte und lötete die AG in Lich zusammen. Ist der Bausatz fertig, geht er zurück nach Amerika. Anfang des kommenden Jahres soll er sich auf den Weg ins All machen.

Noch wenig Euphorie spürbar

Wenn alles gut geht, soll er die Erde schließlich auf 500 Kilometern Höhe umkreisen, um der AG von dort Informationen über das Grundwasser und Insektenpopulationen in Deutschland zu liefern. Auch ein Experiment mit Proteinen ist in Planung.

Mit Euphorie halten sich die Schülerinnen und Schüler noch zurück, wie Pascal betont. Zum einen fehlt noch etwas Geld für den Start, und auch die Datenübertragung wird Geld kosten. Zum anderen kann noch einiges schief gehen, erinnert Krenig: "Die Trägerrakete könnte beim Start explodieren oder sie fällt nach 100 Kilometern runter. Oder der Satellit sendet nicht."

Fernziel: Schülerfirma für Bausätze

Bausatz für einen Kleinsatelliten

Mitgenommen hätten die Schülerinnen und Schüler aber schon jede Menge: "Wie man als Wissenschaftler arbeitet und Finanzmittel für Projekte heranschafft", sagt Krenig, der mit einem Diplom in Chemie selbst an der Uni gearbeitet hat. "Sie lernen aber auch etwas über Physik, sie lernen, wie viel Treibstoff nötig ist, um die Erdgravitation zu überwinden, sie lernen etwas über Luftwiderstand, Chemie und vieles mehr."

Fernziel der AG ist es, als Schülerfirma Satelliten-Bausätze und Know-how für kleines Geld an andere Schulen zu verkaufen, "damit sich mehr Kinder und Jugendliche mit Technologie beschäftigen", sagt Krenig.

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Cubesat

Die vergleichsweise kostengünstigen Kleinsatelliten Cubesats wurden ab 1999 von der Stanford University und der California Polytechnic State University entwickelt. Im Jahr 2004 wurden sie erstmals in der Raumfahrt eingesetzt. Inzwischen gibt es sowohl bei der NASA als auch bei der ESA Programme, bei denen Studierende diese Satelliten zusammensetzen und ins All bringen. Für Schulen sind sie normalerweise zu teuer, nichtsdestotrotz brachten bislang unter anderem mehrere amerikanische Schulen die Mittel dafür auf.

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