Kai Kayser (li.) und Sven Tolksdorf sind das erste Prinzenpaar des Karnevalsvereins "Sandhasen" aus Mörfelden-Walldorf.

Sven Tolksdorf und Kai Kayser aus Mörfelden-Walldorf sind das erste Prinzenpaar ihres Karnevalsvereins. Im Interview sprechen sie über den Traum vom Prinzendasein, nicht nur positive Reaktionen aus der Karnevalsszene und den Wunsch nach etwas mehr Normalität.

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Zwei Prinzen in Mörfelden

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"Sandhase hopphopp unn Merfelle Helau!" – das ist der Schlachtruf des Karnevalsvereins "Die Sandhasen". In diesem Jahr feiert der Verein aus dem nicht gerade als Fastnachtshochburg bekannten Mörfelden-Walldorf (Groß-Gerau) sein 55. Jubiläum - weil Schnapszahlen im Karneval nun einmal besonders gefeiert werden. Zu diesem Anlass schicken die "Sandhasen" zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein Prinzenpaar ins närrische Rennen.

"Prinzenpaar" darf dabei ruhig wörtlich genommen werden, denn Sven Tolksdorf (32) und Kai Kayser (34) sind ein gleichgeschlechtliches Paar. Der Verein möchte damit ein Zeichen für Offenheit und Vielfalt im Karneval setzen. Im Interview sprechen die Prinzen über ihren Weg auf den Karnevalsthron, Getuschel hinter ihrem Rücken und die Sorge über die Reaktionen in den sozialen Medien.

hessenschau.de: Zwei Prinzen nebeneinander auf dem Fastnachts-Thron. Wer hat in Ihrer närrischen Beziehung das Zepter in der Hand?

Kayser (lacht): Beide, wir regieren völlig gleichberechtigt.

hessenschau.de: Sie sind privat ein Paar. Warum jetzt auch im Prinzenkostüm?

Tolksdorf: Ich bin leidenschaftlicher Karnevalist und schon seit 13 Jahren im Verein. Tatsächlich war es schon immer mein Traum, einmal zum Prinzen gekrönt zu werden. Dann habe ich Kai kennengelernt und er hat zugestimmt. Es war allerdings ein bisschen Überzeugungsarbeit nötig.

Kayser: Bis ich Sven vor drei Jahren kennenlernte, hatte ich wenig mit Karneval zu tun. Dann hat er mich einmal mit zu einer Kostümsitzung genommen. Bei einem Sekt habe ich mich dann überreden lassen, beim Männerballett mitzumachen. Die Idee mit dem Prinzenpaar habe ich tatsächlich erst einmal ein bisschen belächelt, aber Sven hat mich schnell überzeugt, dass das Spaß machen wird. Jetzt freue ich mich sehr auf die Zeit, habe aber ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass es so stressig wird.  

hessenschau.de: Was ist denn so stressig?

Kayser: Es gibt viel zu Organisieren und die Reden müssen geschrieben werden. Weil ich aktuell auch noch ein berufsbegleitendes Studium zum Verpflegungsbetriebswirt mache, bleibt einiges an Sven hängen.

Tolksdorf: Wir sind auf rund 20 Sitzungen eingeladen, hier in Mörfelden-Walldorf und auch bei anderen Karnevalsvereinen. Dabei werden wir aber auch von unserem Hofstaat sehr unterstützt. Die Leute aus dem Verein koordinieren unsere Termine, helfen uns beim Wagenbau oder trainieren uns für die Tänze. Das ist schon klasse.

hessenschau.de: Zum Stress trägt sicher auch bei, dass Sie als gleichgeschlechtliches Paar eine deutliche größere Aufmerksamkeit erfahren als andere Prinzenpaare. Sie haben viele Anfragen bekommen, unter anderem auch für dieses Interview. Wäre es Ihnen lieber, wenn wir nicht hier zum Gespräch sitzen würden – und es wäre einfach stinknormal?

Tolksdorf: Es war uns im Vorfeld klar, dass das Interesse groß sein wird, und das ist auch gut so. Es ist normal, dass gleichgeschlechtliche Paare auch Prinzenpaare werden können. Es darf aber ruhig noch etwas normaler werden, und dabei hilft das positive Feedback der Öffentlichkeit und der Medien natürlich. Vielleicht fühlen sich andere gleichgeschlechtliche Paare dadurch ermutigt, ebenfalls Prinzen- oder Prinzessinnenpaar zu werden.

hessenschau.de: Es ist ja kein Geheimnis, dass die Karnevalsszene in einigen Bereichen eher konservativ und traditionell geprägt ist. Wie wurde die Nachricht von einem gleichgeschlechtlichen Prinzenpaar dort aufgenommen?

Tolksdorf: Unser Verein war sofort begeistert, der Vorstand hat schnell zugestimmt. Das Feedback aus dem Karnevalsumfeld war im Großen und Ganzen auch positiv. Uns wurden allerdings auch negative Stimmen zugetragen.

hessenschau.de: Was waren das für Stimmen?

Tolksdorf: Die Kritik war eher zwischen den Zeilen zu lesen. Es ist niemand auf uns zugegangen und hat uns offen ins Gesicht gesagt, dass er oder sie Probleme mit einem schwulen Prinzenpaar hat. 

Kayser: Ja, das lief eher hinter unserem Rücken und wurde uns von Dritten zugetragen. 

hessenschau.de: Wie sind Sie als Paar damit umgegangen? Hatten Sie Zweifel, ob Ihre Entscheidung richtig war?

Tolksdorf: Wir haben schon darüber gesprochen. Aber Zweifel hatten wir zu keinem Zeitpunkt. Ganz im Gegenteil. Die negativen Stimmen haben uns sogar noch bestärkt.

hessenschau.de: Rechnen Sie mit weiteren Anfeindungen im Laufe der Karnevals-Kampagne?

Tolksdorf: Ja, das wird nicht ausbleiben. Vor allem über die sozialen Medien wird uns da sicher einiges erreichen. Dort sind wir zwar nicht als Prinzenpaar aktiv, sind aber beide über unsere Namen zu finden. Wir befürchten, dass sich dort schon der ein oder andere auf unschöne Art auslassen wird. Aber unser Verein unterstützt uns und wir fühlen uns bei den "Sandhasen" gut aufgehoben. Sonst hätten wir das auch nicht gemacht.

hessenschau.de: Wollen Sie die Amtszeit auch nutzen, um für mehr Toleranz zu werben?

Tolksdorf: Natürlich stehen wir für Toleranz und Offenheit. Aber wir haben keinen Auftrag. Wir sind einfach das erste Prinzenpaar der "Sandhasen" zum 55. Vereinsjubiläum. Das steht im Vordergrund.

hessenschau.de: Wie wird Ihr Arbeitsalltag als Karnevalsprinzen aussehen?

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Gleichgeschlechtliches Prinzenpaar in Mörfelden-Walldorf

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Kayser: Am 11.11 beginnen wir mit einem Rathaussturm, wo wir gemeinsam mit unserem Sitzungspräsidenten und dem gesamten Verein als große Gruppe das Rathaus stürmen. Abends geht es mit der Inthronisation im Rahmen der Eröffnungssitzung weiter. Danach stürzen wir uns zusammen mit unserem Hofstaat in die Kampagne. Das heißt: Viele Einmärsche, viele Reden und immer wieder tanzen. Auch der ein oder andere Umzug wird dabei sein. 

Tolksdorf: Ein Highlight wird sicher der Empfang beim Ministerpräsidenten sein, zu dem wir uns anmelden durften.

hessenschau.de: Planen Sie bereits eine zweite Amtszeit?

Tolksdorf: Wir sind ja das erste Prinzenpaar in der Geschichte der "Sandhasen" und hoffen, dass wir so eine Art Initialzündung sein können. Vielleicht finden sich ja in fünf Jahren zum 60. Jubiläum wieder zwei Menschen aus dem Verein, die das machen wollen. Ob wir das sein werden, wissen wir allerdings noch nicht. Jetzt freuen wir uns erst einmal auf eine tolle Kampagne.

Das Interview führte Julian Moering.

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