Zwischen Selbstzweifel und Vorfreude Fastnachter sehen mit gemischten Gefühlen auf Saisonstart

Fastnacht, Fasching, Karneval: Am 11.11. läuten die Narren hessenweit die fünfte Jahreszeit ein – zum ersten Mal nach zwei Jahren Corona-Pause. Für viele Aktive ein Grund zur Freude - doch nicht für alle.

Konfetti
Konfetti und Kamelle zur fünften Jahreszeit - nicht überall ist die Vorfreude groß Bild © picture-alliance/dpa
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Natürlich werden sie auch an diesem 11.11. wieder ihre Fahne hissen, hoch, hoch nach oben, um weithin sichtbar den Wiesbadener Stadteil Biebrich ein bisschen bunter zu machen. Natürlich freuen sich die rund 200 Mitglieder der Carnevalsgemeinschaft Fidele Elf Wiesbaden/Mainz auch darauf, am Freitag die neue Fastnachts-Kampagne einzuläuten. Doch tun sie das nicht ganz so optimistisch wie in den Jahren vor der Pandemie. Die Erwartungen sind gedämpft.

"Sollte das Desinteresse so weiter gehen, sehe ich schwarz für unsere geliebte Fassenacht", teilte ein Vereinsmitglied dem hr mit. Immer weniger Leute würden Karnevalssitzungen besuchen. "Momentan haben wir erst 20 Prozent der Vorverkaufskarten verkauft, wie sonst um diese Zeit", bestätigt Melanie Klewitz die Erste Vorsitzende der "Fidelen Elf".

Fastnachtsfreie Jahre zeigten, wie schön die Couch sein kann

"Das ist schon bitter", sagt sie und überlegt, wie es weiter gehen könnte - und warum bislang so wenig Menschen Sitzungskarten gekauft haben. "Die vergangenen zwei Jahre ohne Fassnacht haben vielen Leuten vielleicht auch gezeigt, wie schön es auf der Couch sein kann", mutmaßt sie. Hinzu kämen all jene Menschen, die auch jetzt, nach dem gefühlten Ende der Corona-Pandemie, Angst haben, sich mit dem Virus zu infizieren, das die vergangenen beiden Kampagnen ausfallen ließ.

"Und dann ist da noch die schlechte wirtschaftliche Lage", sagt Klewitz, "da überlegen viele, welche Sitzung oder welches Event sie sich leisten können und welches nicht." Im Verein herrsche deswegen schon ein Umdenken. Nach einer hoffentlich gelungenen Kampagne, wenn mehr Zeit da ist, "dann wollen wir uns Gedanken über andere Konzepte machen", sagt sie.

Klassisches Sitzungsformat ohne Zukunft?

"Denn ich glaube, dass das klassische Sitzungsformat wie vor der Pandemie für jüngere Leute nicht mehr so attraktiv ist.", sagt Klewitz. Generell sieht sie das in der Gesellschaft begründet. Feiern und Party sei einfach beliebter, als eine klassische Sitzung mit Büttenrednern und Stimmungsgesängen. Sie befürchtet, damit nur noch ein schwindendes Publikum begeistern zu können.

Ein Motivwagen zum Thema Hundekot
Fastnachtsumzug in Wiesbaden 2016. Bild © Imago Images

"Trotzdem versuchen wir, unsere Kampagne nun sinnvoll zu nutzen und positive Aspekte zu fördern." Der Wandel weg von der traditionellen Sitzungs-Fastnacht wäre auch ohne die Pandemie irgendwann gekommen, glaubt sie. "Aber diese zwei Jahre Zwangspause haben wie ein Katalysator gewirkt."

Frankfurt "ziemlich wild drauf"

Beim Großen Rat der Karnevalsvereine Frankfurt sehen sie das anders. "Wir hatten gerade Jahreshauptversammlung", sagt Anita Seidel aus der Geschäftsstelle des Großen Rats am Telefon. "Und wenn man sich da so unter den Karnevalsvereinen umgehört hat, sind alle ziemlich wild drauf, endlich wieder loszufeiern."

Auch der Zuspruch zu den Sitzungen sei ungebrochen. "Allein unsere Veranstaltung 'Rosa Cloudchen' erfährt schon einen riesigen Zuspruch", sagt Seidel. Fairerweise sei an dieser Stelle erwähnt, dass das Konzept von "Rosa Cloudchen" alles andere als traditionell ausfällt. Zwar handelt es sich um eine Sitzung, die an zwei Tagen Ende Januar stattfindet. Doch deren Motto lautet "Eindeutig – Zweideutig – GAYnial" und verspricht "viel Spaß mit haarigen Beinen und glatten Dekolletés".

"Die hessische Weiberfastnacht" mit Sitzungspräsidentin Woody Feldmann (Mitte)
Ist die Faschingssitzung ein aussterbendes Format? "Die hessische Weiberfastnacht" mit Sitzungspräsidentin Woody Feldmann. Bild © hr/Norbert Kloeppel

Klar merke man auch im Großen Rat, dass Corona und Inflation für manch einen hemmend wirkten. "Aber im Großen und Ganzen bestellen die Leute wild", sagt Seidel, "die wollen ja endlich wieder raus!"

Große Vorfreude in Fulda

Auch in der Fuldaer Fastnacht hat Corona eher kleinere Spuren hinterlassen. Natürlich hätten sich einige Aktive zurückgezogen. Auch eine ganze Tanzgarde habe sich aufgelöst, weil nicht alle am Ball geblieben seien. "Aber wir nehmen mit Blick auf die diesjährige Session ab dem 11.11. eine große Vorfreude wahr", sagt Jan-Christoph Frühauf, der Vizepräsident der Fuldaer Karnevals-Gesellschaft (FKG), einem der größten Fastnachtsvereine in Fulda. Die Domstadt gilt als Karnevalshochburg in Hessen. Dort findet alljährlich auch der größte Rosenmontags-Umzug im Bundesland statt.

Vier Personen in Clownskostümen stehen lachend auf einer Straße.
In Fulda findet der größte Rosenmontagsumzug Hessens statt. Bild © Imago Images

"Die Grundstimmung ist in den Fuldaer Vereinen sehr positiv. Wir gehen alle optimistisch in die neue Session. Wir sehen auch wegen Corona aktuell keine Hindernisse für große Veranstaltungen", sagt Frühauf mit Verweis auf Oktoberfeste, Konzerte und gefüllte Fußballstadien. Im Dezember startet der Kartenvorverkauf.

Rheingau rechnet mit Normalisierung

Dass dieser durchaus verhalten anlaufen kann, bestätigt Franz Eger, der Erste Vorsitzende des Carneval Vereins "Narhalla" Winkel (Rheingau-Taunus). "Einige Leute sind verunsichert wegen steigender Nebenkosten, wissen noch nicht, wie sie mit Blick aufs neue Jahr kalkulieren müssen." Ende Januar, Anfang Februar finden die Sitzungen in Egers Verein statt.

"Ich gehe davon aus, dass der Kartenverkauf sich in der Weihnachtszeit normalisieren wird", sagt er. Im Verein blicke man voller Vorfreude auf die anstehende fünfte Jahreszeit, denn: "Die Leute wollen einfach wieder feiern!"

Seligenstadt steht in den Startlöchern

"Alles will! Alles steht in den Startlöchern", pflichtet ihm Richard Biegel, der Erste Vorsitzende vom Heimatbund, der Dachorganisation der Fassnachts-Vereine in Seligenstadt (Offenbach) bei. "Und wir Aktiven brennen darauf, dass wir wieder mit Spaß an der Freude loslegen."

Zwar gebe es auch in Seligenstadt einzelne, die der Fassnacht nun fernbleiben. "Aber was mich freut: Auch die jüngere Generation ist heiß drauf", sagt Biegel. Das merke er gerade bei den Fußgruppen des Rosenmontagsumzugs, da finde eine Verjüngung statt. "Ich bin also guter Dinge, dass die Fassnacht wieder Vorkrisenniveau erreicht."

Gedämpftere Erwartungen in Herbstein

"Vielleicht dauert es einige Zeit, bis die Fastnacht nach den Einschnitten durch die Corona-Pandemie wieder richtig in Schwung kommt", sagt dagegen Manuel Hensler, Erster Vorsitzender der Fastnachtsvereinigung Herbstein (Vogelsberg). Dort wird jedes Jahr mit dem Springerzug einer der ungewöhnlichsten Bräuche in der hessischen Fastnacht aufgeführt.

Umzüge Fastnacht Herbstein
Der "Bajazz" ist eine Symbolfigur bei der Herbsteiner "Foaselt". Bild © Fastnachtsvereinigung Herbstein e.V.

Er könne sich vorstellen, dass es in diesem Jahr eine etwas gedämpftere Stimmung gibt. "Aber das können wir erst abschätzen, wenn der Kartenverkauf zu den Veranstaltungen begonnen hat. Wir freuen uns aber auf die Fastnacht."

Hoffen auf den "Flow"

Trotz aller Zukunftssorgen freut sich auch Melanie Klewitz von der Wiesbadener Carnevalsgemeinschaft Fidele Elf auf den 11.11. "Denn wenn es wieder losgeht, wenn die Leute wieder sehen, welchen Spaß die Fassenacht macht, dann kommen sie wieder in einen Flow", hofft sie.

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Sendung: hr4, 11.11.2022, 6.30 Uhr

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Quelle: Jörn Perske, hessenschau.de