Bildcollage aus Comic-Zeichner Flix und Marsupilami

In der Darmstädter Stadtbibliothek hat alles angefangen: Dort hat der Künstler Flix seine Liebe zu Comics entdeckt. Jetzt darf er als erster deutscher Zeichner und Texter ein Abenteuer mit dem Kulttier Marsupilami umsetzen.

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Von Darmstadt in den Comic-Olymp – Flix über "Das Humboldt-Tier"

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Ob Asterix, Spirou oder Tim und Struppi, die berühmtesten Comicfiguren in Europa wurden entweder von Franzosen oder Belgiern erschaffen. Einer der bekanntesten Autoren ist André Franquin und er hat 1952 ein Tier geschaffen, das Kult geworden ist: das Marsupilami. Mit schwarzer Nase, acht Meter langem Schwanz, und gelb-schwarz gepunktetem Fell ist es berühmt geworden. Der Marsupilami-Erfinder Franquin lebt nicht mehr, die Geschichten um Marsupilami gehen aber weiter. Nur schauen die Erben sehr stark darauf, wer das Comictier zeichnen darf - ein deutscher Zeichner war bislang nicht dabei.

Bis jetzt. Mit dem Comic "Das Humboldt-Tier" gibt es eine neue Marsupilami-Geschichte. Text und Zeichnungen sind vom Comic-Künstler Felix Görmann, der unter dem Namen Flix mit Geschichten wie "Der Schwimmingpool des kleinen Mannes", "Glückskind" oder "Faust" bekannt geworden ist. Im Interview spricht Flix über sein "neues" Marsupilami, Alexander von Humboldts ADHS und warum er ohne die Stadtbibliothek Darmstadt nie Comickünstler geworden wäre.

hessenschau.de: Marsupilami und ein deutscher Comic-Künstler, das ist neu. Wie kam es, dass Sie eine Geschichte rund um das Kulttier umsetzen konnten?

Flix: Ich hatte das große Glück, dass ich vor vier Jahren zum 80. Geburtstag von Spirou ein Album mit Spirou machen durfte. Das Marsupilami ist ja schon traditionell der Sidekick von Spirou. Ich hatte so Lust, mit dieser Figur zu arbeiten. Nachdem der Spirou-Band nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich ein wirtschaftlicher Erfolg war für den Verlag, haben Sie meiner Marsupilami-Idee zugehört und gesagt: Setz’ dich mal hin und zeichne das.

"Das Humboldt-Tier" von Flix

hessenschau.de: Sie haben tatsächlich den Zuschlag erhalten. Das Marsupilami gilt als Kult - wie haben Sie sich ihm als Stoff für Ihren Comic angenähert?

Flix: Man muss sich, wenn man sich so einer Figur annehmen darf, auch einfühlen. Das Marsupilami kann nicht ein komplett anderer Charakter werden, sondern das bringt ja Eigenschaften mit. Es bringt auch ein gewisses Aussehen mit. Es hat diese dicke Nase, es hat das gelb-schwarz gefleckte Fell, es hat diesen acht Meter langen Schwanz, mit dem es natürlich alles Mögliche machen kann und das ist ja auch der Reiz. Also genau deswegen muss ich mich reinfühlen, ich muss es mir zeichnerisch aneignen, sodass ich damit spielen und es dann in meine Welt überführen kann. Damit es eine eigene Geschichte erleben kann.

hessenschau.de: Normalerweise spielen die Marsupilami-Geschichten in seinem Herkunftsort Palumbien. Sie haben es jetzt aber in das Berlin der 1930er-Jahre geholt. Warum?

Flix: Ich dachte immer, ich hätte gerne eine Geschichte, die auch für ein älteres Publikum funktioniert. Und so habe ich das mal aus dem doch begrenzten Urwald rausgeholt in unsere Welt, in unsere Geschichte. Meine Idee war, dass der große Forschungsreisende Alexander von Humboldt, der 1801 und 1802 in Südamerika unterwegs war, dort den Urwald bereist hat, ihn vermessen hat, Tiere gesammelt, Entdeckungen gemacht hat, dass der ja durchaus die Möglichkeit gehabt hätte, dort ein Marsupilami zu entdecken. Er wäre sozusagen der Erste, der es gefunden hat und es dann eher zufällig mitnimmt, in einer Kiste, die er nach Berlin geschickt hat. Der Gedanke hat mir gut gefallen.

Marsupilami als Comic-Figur

hessenschau.de: Alexander von Humboldt ist in Ihrer Geschichte etwas zerstreut, fast schon fahrig. Sind das erfundene Charakter-Eigenschaften?

Flix: Die Begeisterungsfähigkeit von Humboldt ist etwas, was man nur aus seinen Schriften ableiten kann. Natürlich weiß ich nicht, wie er wirklich war. Es gibt auch keine Zeitgenossen, die darüber berichten. Aber wenn man sich so anguckt, wie rastlos dieser Mann unterwegs war, was für einen großen Wissensdrang er hatte, wie er ja auch an die Grenze der Selbstzerstörung seine Forschung betrieben hat, da kann man sich schon vorstellen, dass er heute wahrscheinlich die Diagnose ADHS bekommen hätte. Und genau so wollte ich ihn auch darstellen, als jemand, der richtig Bock auf die Welt hat und manchmal eben darüber auch so ein bisschen die Perspektive verliert.

hessenschau.de: "Das Humboldt-Tier" ist also eine komplexe Geschichte geworden. Ist es denn noch ein Buch für Kinder?

Flix: Ehrlich gesagt, beim Schreiben habe ich nicht an Kinder gedacht. Aber ich habe dann gemerkt, dass es einen besonderen Humor-Aspekt gibt, den das Marsupilami mitbringt, so Slapstick-Momente. Weil es ja alles körperlich ausdrücken muss, es kann ja nicht sprechen. Es stolpert, es rutscht auf Eisflächen aus, weil es Urwald gewohnt ist und Schnee natürlich nicht kennt. Das ist eine Art von Humor, die bei Leuten, die der Schrift nicht mächtig sind, genauso ankommt. Und das sind natürlich bei uns in der Regel Kinder. Und ich habe jetzt auch bei der ersten Lesung vor Schulklassen erlebt, wie die sich kaputt lachen, wenn das Marsupilami über das Eis rutscht und dem bösen Hausmeister einfach ein paar auf die Schnauze gibt.

Marsupilami

hessenschau.de: Wie zeichnen Sie? Papier und Stift oder alles digital?

Flix: Ich arbeite nach wie vor viel mit Stift und Papier und mache Vorzeichnungen, tusche die dann mit Finelinern oder auch mit Tuschefeder nach, um die schwarzen Linien hinzubekommen. Dann gebe ich das ein und mache die Farbe am Bildschirm. Ein langer Prozess. Also gerade Urwald oder eben auch volle Museumsräume oder auch Panoramen, die muss man Stück für Stück und Strich für Strich zeichnen. Was manchmal hilft, gerade wenn man so historische Stätten zeichnet wie jetzt das Berlin der dreißiger Jahre, sind Fotografien. Die kann man sich raussuchen, um zu sehen, wie waren die Häuser, wie war die Architektur, wie sahen die Autos aus, was haben die Menschen für Klamotten getragen? Aber wirklich zu Papier bringen muss man es nach wie vor selber. Insgesamt habe ich etwa zwei Jahre daran gearbeitet.

hessenschau.de: Comics zeichnen ist also richtige Recherche- und Handarbeit. Wie haben Sie eigentlich Ihre Liebe zu dieser Kunst entdeckt?

Flix: Ich bin in Darmstadt groß geworden und zur Schule gegangen und dort ist auch der Start meiner Comic-Sozialisation zu suchen. Denn es gab in Darmstadt eine fantastische Stadtbibliothek, die eine große Comic-Ecke hatte. Da war wirklich alles zu finden, was zu der Zeit auf dem Markt war. Und ich saß mittendrin und war glücklich zu entdecken, wie groß die Welt ist. Und dort gab es auch einen Comicladen und ein Kumpel von mir war da Auszubildender. Der hat mir dann auch immer wieder Sachen empfohlen und Comics in die Hand gedrückt. Also ohne diese Läden, ohne diese Orte in Darmstadt wäre ich, glaube ich, kein Comiczeichner geworden.

Das Gespräch führte Yvonne Koch.

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Lesung und Experten-Gespräch im Literaturhaus Frankfurt

Am 29. September liest Flix aus seinem neuen Marsupilami-Comic "Das Humboldt-Tier" ab 19.30 Uhr im Literaturhaus Frankfurt. Anschließend spricht der Künstler mit dem Comic-Experten Jakob Hoffmann über sein neues Marsupilami-Abenteuer.

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