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Siedlung von Frauen für Frauen: Ein Besuch im Loheland

Vor 100 Jahren gründeten zwei Frauen in der Rhön eine Siedlung. Ihr Ziel: andere Frauen auszubilden - und zu emanzipieren. Mit einem speziellen Programm zur Denkmalschutzpflege will der Bund diesen Geist erhalten. Was ist davon heute noch übrig? Ein Besuch.

Wer auf der Landstraße zwischen den Künzeller Ortsteilen Dietershausen und Dirlos (Fulda) unterwegs ist, übersieht das Loheland fast. Lediglich ein Willkommensschild weist auf die Einfahrt hinter einem Waldstück hin. 200 Meter weiter versteckt sich zwischen den Bäumen eine besondere Siedlung, die vor über 100 Jahren mit einem einzigen Holzhaus angefangen hat.

Dieses Holzhaus mit der dunklen Fassade und den weißen Fensterrahmen steht noch immer mitten im sogenannten Loheland. Vom Balkon hängt eine Pride-Fahne, hinter der Brüstung steht ein Klappstuhl. Mittlerweile wohnen hier junge Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren.

Loheland

Eine Siedlung von Frauen für Frauen

Im Jahr 1919, als die Siedlung gegründet wurde, wurden dort Gymnastiklehrerinnen ausgebildet. Die Gründerinnen Hedwig von Rohden und Luise Langgaard hatten das Ziel, selbstständige junge Frauen zu fördern - in einer Zeit, in der es nicht selbstverständlich war, dass Frauen überhaupt arbeiteten.

Loheland-Archivarin Anett Matl erklärt: "Die Ausbildung sollte ihnen die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, ob sie arbeiten möchten." Im ersten Jahr wollten das bereits 80 Frauen. Mit Tanzauftritten tourten sie durch Deutschland, traten unter anderem in München und in Hamburg vor ausverkauftem Publikum auf.

Mehr als eine Ausbildungsstätte

Das Loheland war für die Schülerinnen nicht nur Ausbildungsstätte, sie lebten auch dort - nach den Grundsätzen der Anthroposophie. Mit der Zeit bauten die Gründerinnen von Rohden und Langgaard auch Handwerksstätten auf, zum Beispiel ein Fotostudio, eine Weberei und eine Drechslerei. Die Frauen spielten Instrumente, bauten Gemüse an und züchteten Doggen, um sie ins Ausland zu verkaufen.

Loheland

Immer wieder wagten sich von Rohden und Langgaard auf neue Wege. "Sie waren aber auch radikal, wenn etwas nicht gut gelaufen ist", erzählt die heutige Geschäftsführerin Caroline Bouwman. "Das wurde dann ganz einfach eingestellt."

Bildung immer noch im Mittelpunkt

Seit den 1920er Jahren hat sich viel getan - sowohl gesellschaftlich als auch vor Ort im Loheland. Die Gymnastiklehrerinnenschule gibt es bereits seit 1996 nicht mehr. Bildung werde aber immer noch großgeschrieben, betont Bouwman.

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Revolution in der Rhön: Die Frauensiedlung Loheland

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Auf dem Gelände finden sich heute ein Kindergarten und eine Waldorfschule. Wenn nicht gerade Ferien sind, tummeln sich in dem runden, blau und rot gestrichenen Schulgebäude um die 500 Kinder von der 1. Klasse bis zum Abitur.

Der ganzheitliche Ansatz der Gründerinnen ist geblieben. "Wir bereiten die Kinder aufs Leben vor, dazu gehören nicht nur Mathe und Deutsch", sagt Bouwman. Als Fächer gebe es etwa auch Gartenbau und Schreinerei.

Loheland

Auf dem Dorfplatz kommen alle zusammen

Seit 2015 steht die Frauensiedlung Loheland unter Denkmalschutz. Das Holzhaus, mit dem alles begann, ist heute umgeben von anderen Gebäuden und steht direkt an einer großen runden Freifläche. "Das ist unser Dorfplatz", erklärt die Loheland-Geschäftsführerin. "Hier musizieren die Angestellten und die Bewohnerinnen und Bewohner zusammen, führen Theaterstücke auf und feiern Feste."

Das Bild zeigt einen gepflasterten Platz und dahinter Häuser

Mittlerweile leben nicht mehr nur Frauen in der Siedlung. Jeder, der sich mit dem Lebensstil identifiziert, kann sich dort in einen der Wohnbereiche einmieten. Rund 70 Bewohnerinnen und Bewohner hat das Loheland derzeit.

Obwohl jede und jeder von ihnen einen eigenen, abgeschlossenen Wohnbereich hat, würden sie sich regelmäßig zum gemeinsamen Mittag- oder Abendessen treffen, erzählt Caroline Bouwman. Dabei werde auch frisches Gemüse aus dem hauseigenen Garten verkocht: Salat, Tomaten, Kürbisse. Mittlerweile beliefert das Loheland mit seiner Landwirtschaft sogar regionale Abnehmer.

Förderung durch Denkmalschutzprogramm

Eines der ältesten Überbleibsel der 1920er Jahre liegt tief im Wald hinter den Beeten und dem Schulhaus: die sogenannte Waggonia. Als das Loheland immer erfolgreicher und größer wurde, standen die beiden Gründerinnen vor einem Problem: Wohin mit den ganzen Bewohnerinnen? Sie kauften vier alte Waggons der Reichsbahn und machten sie kurzerhand zu Wohn- und Arbeitsstätten.

Das Sepia-Bild zeigt die zu Wohnhäusern und Werkstätten umgebauten Reichsbahnwaggons.

Zurzeit stehen die Waggons leer. Die Fenster sind mit Plastikfolie abgeklebt. Es müsste dringend renoviert werden, stellt Archivarin Anett Matl fest. Das soll bald passieren: Seit kurzem ist die Waggonia Teil des Bundes-Denkmalpflegeprogramms "National wertvolle Kulturdenkmäler". Ziel des Programms ist es, bedeutende Baudenkmäler zu erhalten und zu restaurieren. Das Loheland wird in diesem Jahr mit 100.000 Euro unterstützt.

Was genau mit den Waggons passieren soll, weiß Matl noch nicht: Wahrscheinlich würden sie wieder zu Werkstätten oder anderen Arbeitsräumen, vermutet sie. "Es ist erst mal schön, dass wir die Waggonia überhaupt wieder renovieren können." Immerhin sei es eines der beeindruckendsten Wahrzeichen des ganzen Lohelands.

Loheland

"Genau das, was die Menschen suchen"

Der Weg zurück zum Dorfplatz führt an einem modernen Tagungshotel vorbei. Auch ein Café gibt es mittlerweile im Loheland. Die Lage reize viele, sagt Geschäftsführerin Caroline Bouwman. "Diese Stille, diese Nähe ist genau das, was die Menschen suchen. Sie kommen hier zur Ruhe, ohne äußerliche Einflüsse." Deshalb drehe sie auch nachts um 22.30 Uhr das WLAN ab.

Die Siedlung, in der vor 100 Jahren junge Frauen ihre Gymnastikübungen gemacht und sich emanzipiert haben, geht mit der Zeit. Trotzdem ist ihre Geschichte vor Ort präsent. Und sei es nur, weil einige Bewohnerinnen und Bewohner auch heute noch barfuß laufen und sich fast ausschließlich aus dem eigenen Garten ernähren.

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Besuch im Loheland

Die Siedlung beteiligt sich am Tag des Offenen Denkmals am 11. September. Besucherinnen und Besucher können die denkmalgeschützte Anlage auf eigene Faust erkunden oder historische Führungen wahrnehmen.

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