Ein Fan des KSV Hessen Kassel mit Schal

Viele Fußball-Fans wollen die WM in Katar boykottieren, in Kassel können sie nun stattdessen Fußballkultur bestaunen. Das Fanprojekt bietet Lesungen, Ausstellungen und Spiele. Die Besonderheit: Sie sind die Pioniere dieser Art des Protests.

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Das sind die Highlights des Fußball-Alternativprogramms

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Kurz vor Beginn der Fußball-WM 2022 in Katar ist ein Boykott der Spiele in aller Munde. Bundesligavereine erklären, dass sie nur eingeschränkt über das Turnier berichten werden, Fans drücken auf Transparenten ihren Unmut aus und Experten fordern zum Handeln auf. Doch der erste Verein, der sich klar positionierte, war vor fast eineinhalb Jahren: der KSV Hessen Kassel. In einer Mitteilung prangerte der Club schon damals unter anderem die Menschenrechtslage im Ausrichterland an und teilte mit einem Augenzwinkern mit, keine Nationalspieler zum Turnier zu entsenden.

Trainer Tobias Damm sagte seinerzeit dem hr-sport: "Ja, die Aktion hat einen lustigen Aufmacher, aber auch einen tiefergehenden Sinn. Wir wollen nicht mittragen, was in Katar auf den Baustellen passiert, und haben deswegen gesagt, dass wir die WM boykottieren. Es soll ein Zeichen von unserem Club sein: Wir machen nicht mit – egal in welcher Liga wir spielen."

"Wir konnten das nicht mittragen"

Nun gibt es in Kassel ein Alternativprogramm zur WM, bestehend aus Lesungen, aktiven (Konsole-) Spielen und natürlich dem Besuch der Regionalliga-Partien. Das Fanprojekt Fullestadt hat dazu mit dem Block30, der aktiven Fanszene und dem Club ein "Potpourri der Fußballkultur" zusammengestellt. Fanprojekt-Leiter Dennis Pfeiffer sagt auf Nachfrage: "Es war von Anfang an eine Gewissensentscheidung. Wir konnten nicht mittragen, was da in Katar passiert. Vor über einem Jahr bekamen wir Applaus für unsere Haltung, aber es fand auch nicht jeder cool."

Nun aber herrscht unter Fußball-Fans augenscheinlich ein breiter Konsens, die WM zu boykottieren - so legen es zumindest Umfragen nahe, wonach fast 70 Prozent der Befragten kein Spiel der deutschen Nationalmannschaft im Fernsehen anschauen würden. Was man stattdessen machen kann? Zum Beispiel in Kassel Lesungen oder Ausstellungen besuchen. Am Sonntag (20.11.) gibt es jene mit dem Titel "Flucht, Migration, Fußball" in Kassel zu sehen, in denen geflüchtete Fußballer ihre Biografien näher bringen. "Das war ein Herzensprojekt von mir, das ich schon vor über einem Jahr gebucht habe", so Pfeiffer.

Fußball-Utopie in Kassel

Außerdem legt er den Interessierten die Lesung mit Alina Schwermer am 14. Dezember ans Herz. Der Titel: "Futopia". Darin wird verhandelt, wie ein besserer Fußball in der Zukunft aussehen könnte. "Es sind Utopien, aber irgendwo müssen wir ja anfangen und der Krise des Spiels begegnen", sagt Pfeiffer. Das Fanprojekt hat für sein Alternativprogramm insgesamt elf Veranstaltungen aufgeführt, die zwei Beschäftigten hatten alle Hände voll zu tun.

Für Pfeiffer selbst steht bald noch eine Knie-Operation an, aber er will auch humpelnd direkt wieder dabei sein. In Kassel stehen sie eben seit mehr als einem Jahr mit vollem Einsatz gegen die WM in Katar ein.