Bildkombination aus zwei Fotos: links Blick in das Innere eines Hühnerschlachtmobil, was wie ein Innenraum eines LKWs aussieht, der dafür ausgestattet wurde, rechts Portrait von Alexander Kern, der ein Huhn im Arm hält.

Früher musste der Odenwälder Bio-Bauer Kern seine Hühner und Gänse stundenlang zur Schlachtung fahren. Um den Tieren die langen Wege zu ersparen, betreibt er einen mobilen Schlachthof - das bundesweit erste EU-zertifizierte Geflügelschlachtmobil überhaupt.

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Schlachtmobil vermeidet lange Tiertransporte

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Die Henne ist ganz ruhig, als sie mit dem Kopf voran in die Betäubungsanlage gesteckt wird. Ein Stromstoß nimmt ihr das Bewusstsein. Dann geht alles ganz schnell: Ein konsequenter Schnitt durch die Halsschlagader lässt das Tier ausbluten, es wird gerupft, ausgenommen und gekühlt.

Bundesweit erstes EU-zertifiziertes Geflügelschlachtmobil

Das alles geschieht in einem 8 mal 2,40 Meter langen Anhänger, dem Geflügelschlachtmobil von Bio-Landwirt Alexander Kern aus Mossautal (Odenwald). Der 30-Jährige ist der bundesweit erste, der ein EU-zertifiziertes Geflügelschlachtmobil betreibt.

Das Gefährt wirkt von außen unscheinbar. Es erinnert ein wenig an einen Toilettenwagen auf einer Kerbveranstaltung. Drinnen ist es aber komplett ausgestattet, um bis zu 600 Stück Geflügel pro Tag nach strengen Standards zu schlachten und zu verarbeiten.

Bio-Bauer: Weniger Stress für die Tiere

Kern kann damit Schlachtungen für andere Bauern oder auch Hobby-Hühnerhalter durchführen. Dazu fährt er mit der Anlage zu den Höfen. Ansonsten bringen die Menschen aus der Umgebung ihr Geflügel zu ihm.

"Wir haben diesen Schritt aus der Not heraus getan", erklärt der Landwirt. "Im Odenwaldkreis gibt es sonst keine Schlachtmöglichkeit für Geflügel mehr." Seit der letzte Schlachtbetrieb in der Umgebung im vergangenen Herbst geschlossen hat, fuhr der Landwirt sein Geflügel bis zu drei Stunden durch die Gegend. "Das bedeutet Stress für die Tiere."

Mittel gegen Hinterhof-Schlachtungen

Lange Transporte vermeiden - davon profitieren vor allem die Hühner und Gänse. Dem Tierwohl dient die Anschaffung womöglich auch auf andere Weise. Kern geht davon aus, dass das regionale Angebot Hobbyzüchter davon abhält, ihr Geflügel selbst in Hinterhöfen und damit womöglich nicht tierschutzgerecht zu schlachten.

Schlachtmobile an sich sind in Hessen nicht neu. In der Wetterau wurde bereits vor zwei Jahren eines in Betrieb genommen, mitentwickelt von der damaligen Chefin des Kreisveterinäramts und heutigen Amtstierärztin im Verbraucherschutzministerium, Veronika Ibrahim. Allerdings haben diese Mobile keine EU-Zulassung.

Größe, Kühlung, Software - alles nach EU-Standards

Die damit geschlachteten Tiere dürfen nur im Ganzen an Direktvermarkter beziehungsweise Endkunden verkauft und nicht etwa zu Würsten oder anderen Produkten verarbeitet werden. "Für den Landwirt, der 200 Tiere schlachten und verkaufen will, ist das ein Problem", sagt Ibrahim. Die EU-Zulassung eröffne dagegen ganz andere Vermarktungsmöglichkeiten.

Das neue Schlachtmobil im Odenwald erfüllt die geforderten Standards. "Es ist ein ganzes Stück größer und hat einen integrierten Kühlraum", erklärt die Tierärztin. Außerdem würden die Hühner im Hängen ausgenommen, dazu sei eine spezielle Vorrichtung entwickelt worden. Auch die Software der Betäubungsanlage sei den EU-Vorgaben angepasst worden.

Landwirt: "Qualität ist das Wichtigste"

Laut Kern sichert die Schlachtung im Kleinen zudem eine hohe handwerkliche Qualität. "Und die ist das Wichtigste", sagt der Landwirt. Mit seinem Hof am Mühlgrund hat er nach eigenem Bekunden vor vier Jahren "bei Null" angefangen, auf einem leeren Gut ohne Tiere. "Heute sind wir ein vielfältiger Tierhaltungsbetrieb."

Neben Fleisch vermarktet er inzwischen auch Eier und Kartoffeln. Auf seine Produkte ist Kern stolz. "Bei uns ist alles zu 100 Prozent transparent." Mit der Geschäftsidee der mobilen Schlachtung für andere Hofbetreiber geht er noch einmal einen weiteren Weg.

Andere Hofbetreiber glücklich über Angebot

Von den Geflügelhaltern der Region wird das Angebot dankend angenommen. "Das ist eine super Sache und generell total wichtig, nachdem hier der letzte Schlachtbetrieb zu gemacht hat", freut sich etwa Kathrin Göbel vom Hofgut Oberfeld in Darmstadt. Ihr Betrieb hat neben Rindern viele Legehennen, Hähnchen und Gänse.

"Nur mit kleinen regionalen Schlachthöfen können auch kleine Betriebe Tiere halten", ist Göbel überzeugt. Sie geht davon aus, dass sie die Dienste von Alexander Kern etwa 10 bis 15 Mal pro Jahr in Anspruch nehmen wird. "Hätte er das mit dem Schlachtmobil jetzt nicht gemacht, hätte ich selber darüber nachgedacht."

Bis zu 15.000 Tiere pro Jahr

An den wöchentlichen Schlachttagen schlachtet Kern mit seinem Mobil derzeit bis zu 200 Stück Geflügel. Zu Weihnachten erwartet er etwas größere Stückzahlen. Pro Jahr will er mit dem Anhänger etwa 10.000 bis 15.000 Vögel schlachten.

Rund 100.000 Euro hat er in die Anschaffung des Schlachtmobils und die für die Zertifzierung notwendigen Umbauten gesteckt. Neben einer Förderung des Landes und eigenen Mitteln hat er auch Gelder durch Crowdfunding mobilisiert. "Damit wollten wir auch das Umfeld noch einmal auf das Thema aufmerksam machen." Und das geht inzwischen über Hessen hinaus.

Immer wieder kommen Landwirte aus der ganzen Republik auf den Hof im Odenwald, um den Anhänger in Augenschein zu nehmen. Gut möglich, dass Bauer Kern bald nicht mehr der einzige Besitzer eines Geflügelschlachtmobils mit EU-Zulassung ist.

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