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Leben mit Depression - so geht es Betroffenen

Frau steht an Fenster und schaut raus

Sarah Becker ist Anfang 20 und führt scheinbar ein glückliches Leben, als die Depression sie mit voller Wucht trifft. Alles entgleitet ihr, sie isst und schläft nicht mehr. Eine Krankheit, die viele trifft und die man nicht unterschätzen sollte, mahnt der Psychiater Ulrich Hegerl.

Eigentlich, dachte Sarah Becker, müsste nach den vergangenen Wochen nun endlich alles besser werden. Hinter der Studentin lag eine stressige Klausurphase, die Trauer nach dem Tod ihres Opas ließ langsam nach. Draußen, vor ihrem WG-Zimmer in Frankfurt, wurde es mit jedem Frühlingstag wärmer.

"Alle hatten gute Laune", erzählt die 24-Jährige, "und ich saß in meinem Zimmer und hatte das Gefühl, ich sterbe." Schlafen kann sie kaum noch, manchmal will sie tagelang nichts essen oder trinken.

"Gemerkt, dass mir mein Leben entgleitet"

Nach einer Weile geht es ihr kurzzeitig besser, doch die schlechten Phasen kommen immer wieder - und werden intensiver. "Ich habe einfach gemerkt, dass mein Leben mir komplett entgleitet, ich hatte Suizidgedanken."

Nach Tagen, die sie regungslos im Bett verbringt, die Fenster abgedunkelt, ruft sie ihre Mutter an. Am Telefon bricht sie weinend zusammen. Die Mutter handelt sofort, holt sie nach Hause und vereinbart einen Termin beim Hausarzt.

Portrait einer jungen Frau in einem Garten

Richtig greifen kann Sarah da noch nicht, was mit ihr los ist. "Es hat sich für mich angefühlt, als wäre das eine unheilbare Krankheit", erzählt sie heute, drei Jahre später. Der Arzt kommt schnell zu einer Diagnose: Sarah hat eine schwere Depression.

Erkrankung des Gehirns

Mehr als fünf Millionen Erwachsene in Deutschland leiden an Depressionen, wie die Stiftung Deutsche Depressionshilfe mitteilt. Statistisch gesehen ist fast jeder Fünfte einmal in seinem Leben betroffen. Frauen erhalten die Diagnose doppelt so häufig wie Männer.

Anders als oft angenommen ist eine Depression nicht einfach ein vorübergehendes Stimmungstief, wie es fast jeder kennt. Ulrich Hegerl, Psychiater und Vorsitzender der Stiftung, warnt deshalb vor einer Verharmlosung: "Depression ist eine richtige Erkrankung, auch eine Erkrankung des Gehirns."

Die Symptome sind vielfältig: Betroffene verändern sich in ihrem Wesen, verlieren die Freude an Hobbys, können sich zum Teil nicht mehr zu den kleinsten Dingen aufraffen. Auch Sarah hat das erlebt: Allein der Gedanke daran, das saubere Geschirr aus der Spülmaschine räumen zu müssen, hat sie weinend zusammenbrechen lassen.

Gut behandelbar

In den meisten Fällen lässt sich die Depression nicht auf ein einzelnen Auslöser wie eine schmerzhafte Trennung oder einen Todesfall zurückführen. Wer betroffen ist, hat häufig eine Veranlagung dafür, zum Beispiel durch Vererbung oder ein Trauma. Dazu kann ein aktueller Auslöser kommen.

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Patientenkongress für Depressionen

hessenschau vom 03.06.2022
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"Ein sehr häufiges Missverständnis ist, dass die Depression vor allem eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände ist." Das sei nicht ganz falsch, so Hegerl - der Einfluss der äußeren Faktoren werde aber von 95 Prozent der Menschen überschätzt.

Die gute Nachricht: Eine Depression ist in der Regel gut behandelbar - aber nur mit professioneller Hilfe. "Überspitzt formuliert: Man kann Depressionen ebenso wenig mit Liebe heilen wie eine Blinddarmentzündung", erklärt Hegerl. Die beiden wichtigsten Säulen in der Behandlung seien Antidepressiva und Psychotherapie. "Damit kann man den allermeisten Menschen helfen."

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Kongress in Frankfurt

Am Samstag, 4. Juni, findet in Frankfurt erstmals der Patientenkongress Depression statt. Betroffene und Angehörige sollen sich dort austauschen und informieren können. Moderiert wird der Kongress von Harald Schmidt, erwartet werden weitere Prominente wie Komiker Torsten Sträter. Veranstalter sind die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Verein DepressionsLiga.

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Hemmnisse für Betroffene

Das Problem dabei: Für Betroffene ist diese Aussicht auf Heilung oft nicht greifbar, weil mit der Krankheit häufig eine große Hoffnungslosigkeit einhergeht. Außerdem fehlt ihnen in vielen Fällen die Kraft, etwas anzupacken - der Anruf beim Arzt oder der Gang zum Termin werden dabei schnell zur kaum leistbaren Anstrengung.

Sarah hilft damals vor allem die Unterstützung und das Verständnis ihrer Mutter. Auch die beste Freundin ist ständig an ihrer Seite. Doch mit den vom Hausarzt verschriebenen Antidepressiva allein wird es nicht besser, ein Vierteljahr später kommt sie stationär in eine Klinik.

Auch dort geht es anfangs bergab statt bergauf. "Ich hatte keinen Zugang mehr zu meinen Gefühlen, ich habe nichts mehr empfunden." Ihre Hoffnung, die Depression irgendwann hinter sich zu lassen, schwindet. Viele kleine Dinge addieren sich, irgendwann nimmt sich eine Mitpatientin das Leben. Kurz darauf versucht Sarah es ebenfalls.

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Hilfe für Betroffene

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat auf ihrer Internetseite Telefonnummern und Adressen für Betroffene und deren Angehörige zusammengestellt.

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"Atmen und einen Fuß vor den anderen"

Die Rettung ist für sie der Wechsel in eine andere Klinik: Dort gab es intensive Therapiegespräche, eine bessere Diagnostik, erzählt sie. Stück für Stück kann sie sich zurückkämpfen. "Manchmal muss man wirklich nur atmen und einen Fuß vor den anderen setzen. Und dann umrundet man die ganze Welt, und daran musst du in dem Moment glauben."

Ein Überlebensmotto, das Sarah an andere Betroffene weitergeben will, zusammen mit weiteren Tipps und Erfahrungen. Deswegen hat sie ein Buch geschrieben: "Mein Leben durchs Schlüsselloch". Ein Buch, wie sie es sich selbst in der schwersten Zeit zum Lesen gewünscht hätte, erklärt sie.

Rückfälle möglich

"Einen Fuß vor den anderen": Das ist aber auch das Motto, das Sarah sich immer wieder selbst zu Herzen nehmen muss. Denn wer einmal erkrankt ist, hat eben oftmals eine Anfälligkeit dafür, erklärt Psychiater Hegerl - und damit ein hohes Risiko, weitere sogenannte depressive Episoden zu erleiden. Mit der richtigen Behandlung lasse sich das aber um 70 Prozent senken.

Wie leicht es zu einem Rückfall kommen kann, musste die 24-Jährige vor wenigen Monaten erfahren. Nach Rücksprache mit den Ärzten hat sie ihr Antidepressivum reduziert, gleichzeitig will sie wieder durchstarten: studiert, arbeitet, schreibt ihre Bachelorarbeit. Die Depression kehrt zurück.

"Es war ein krasser Rückschlag", sagt Sarah. Vor allem, wieder in eine Klinik zu gehen, sei ihr schwergefallen. Doch immerhin konnte sie dieses Mal einordnen, was mit ihr los ist - und die Frühwarnsymptome selbst erkennen, zum Beispiel, den fehlenden Zugang zu ihren Gefühlen. "Da wusste ich: Okay, das gehört zu den Depressionen, und das kann auch wieder besser werden."

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Hilfe bei Suizidgedanken

Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Letztere können mit professioneller Hilfe gelindert und auch geheilt werden. Hier finden Sie Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige.

Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym erreichbar unter der bundeseinheitlichen Telefonnummer: 0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222.

Um die Anonymität der Anrufer zu wahren, ist die Übermittlung der Rufnummer gesperrt und wird somit in keinem Display der Telefonseelsorge angezeigt. Anrufe bei der Telefonseelsorge werden auch im Einzelverbindungsnachweis nicht aufgeführt.

Auch im Internet kann die Telefonseelsorge kontaktiert werden unter: telefonseelsorge.de

Weitere Informationen zu Hilfsangeboten - beispielsweise Selbsthilfegruppen - finden sich auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: suizidprophylaxe.de

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