Claudia Ellert und der Schriftzug "Long Covid", dargestellt von Würfeln

Seit fast zwei Jahren leidet die Ärztin Claudia Ellert aus Wetzlar an Long Covid. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, das über die Krankheit aufklären soll. Denn viele ihrer Kollegen nehmen sie immer noch nicht ernst, sagt Ellert im Interview.

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Buch zu Long Covid von Ärztin aus Wetzlar

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Claudia Ellert war Gefäßchirurgin und Triathletin, bis sie im Herbst 2020 an Corona erkrankte. Seither hat sie mit Long Covid zu kämpfen, musste ihre Arbeitszeit reduzieren und ist nun eher am PC als am OP-Tisch tätig. Gleichzeitig will sie für mehr Aufklärung rund um Long Covid sorgen, hat eine Selbsthilfegruppe in Wetzlar gegründet und entwickelt Reha-Programme für Betroffene. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben. Es soll Erkrankten Mut machen und bei Ärztinnen und Ärzten das Verständnis fördern, wie sie im Interview mit hessenschau.de sagt.

hessenschau.de: Sie sind vor zwei Jahren an Covid-19 erkrankt und leiden noch heute unter den Spätfolgen. Nun haben Sie ein Buch zum Thema geschrieben – warum?

Claudia Ellert: Ich habe mich intensiv in das Thema eingearbeitet. Innerhalb von zwei, drei Monaten nach meiner Infektion habe ich gemerkt, dass es nicht mehr so wie früher geht. Ich war trotz stationärer Rehabilitation nicht mehr arbeitsfähig, zumindest nicht als Chirurgin. Ich dachte also: Wenn ich nicht als Chirurgin arbeiten kann, mache ich etwas für Long-Covid-Betroffene. Dazu gibt es nichts, keiner weiß, wie man den Leuten helfen kann, ich biete eine Anlaufstelle.

hessenschau.de: Warum konnten Sie nicht mehr als Chirurgin arbeiten?

Ellert: Man muss in der Chirurgie relativ kompliziert, teilweise mit Lupenbrille operieren. Das ging nicht, weil ich nach Covid einen Tremor entwickelt habe, das heißt: Ich habe beim Operieren gezittert. Und was man in der Akutmedizin einfach können muss ist das, was wir unter Multitasking verstehen, also mehrere Dinge gleichzeitig machen. Das ging überhaupt nicht mehr.

hessenschau.de: Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ellert: Das ist ein Prozess, der über viele Monate geht. Das nimmt einem einiges an Identität. Es nimmt einem das, worüber man sich definiert hat. Das, was einen ausgemacht hat. Der Beruf bricht weg, ich habe in der Freizeit immer sehr viel Sport gemacht, das geht alles nicht mehr. Man muss sich im Grunde neu definieren, sich neue Inhalte und Ziele suchen. Das dauert.

Ich glaube, mein Glück war, dass ich in diese Long-Covid-Arbeit reingerutscht bin und mir das hilft, über meine jetzigen Einschränkungen hinwegzukommen.

hessenschau.de: War das auch die Motivation, anderen Betroffenen zu helfen? Sie sind auch in der Betroffenen-Vereinigung Long Covid Deutschland aktiv.

Ellert: Ich habe gemerkt, dass es für Nicht-Betroffene extrem schwer ist, die Beschwerden nachzuvollziehen. Man kann fast sagen: unmöglich. Man muss viel mit Betroffenen zu tun haben oder selbst an Long Covid leiden, weil diese Beschwerden für uns neu sind und wir sie aus anderen Krankheitsbildern nicht kennen. Ich habe gemerkt, dass ich in der Lage war, die Beschwerden anders zu schildern als ein medizinischer Laie. Ich kann sie – glaube ich – Kollegen besser vermitteln.

hessenschau.de: Welche Long-Covid-Symptome beschreiben Sie in Ihrem Buch?

Ellert: Es wird immer behauptet, Long Covid sei diffus, man könne es nicht greifen, jeder habe etwas anderes. Das ist nicht ganz so. Es gibt einige Hauptsymptome und hauptsächlich betroffene Organe und Organsysteme. Diese habe ich systematisch im Buch betrachtet. Da geht es um Atemprobleme, es geht um Veränderungen am Herz oder des Herzrhythmus, es geht um Schwindel, es geht um neurologische Symptome, es geht um die verminderte Belastbarkeit.

Ich habe jedem Symptom eine Erklärung vorangestellt, wie dieses Organ in gesundem Zustand funktioniert – um dann verstehen zu können, warum es nach der Infektion Probleme macht.

hessenschau.de: Zum Beispiel?

Ellert: Covid-19 ist keine reine Atemwegserkrankung. Es ist ein Virus, das die Blutgefäße unseres Körpers befällt und Veränderungen in der Blutgerinnung hervorruft – also der Grundlage aller Funktionen des Körpers und der Energiebereitstellung. Der Mechanismus der Blutversorgung ist bei Long Covid also defekt. Das führt dazu, dass unsere Organe nicht genügend Blut bekommen, wenn sie beansprucht werden. Und das führt zu einer verminderten Leistungsfähigkeit.

Und daraus resultieren weitere Symptome: Aus einer verminderten Durchblutung des Magen-Darm-Traktes können zum Beispiel Verdauungsstörungen resultieren, am Herzen kann es zu Rhythmusstörungen kommen und so weiter. Das ist es, was diese Erkrankung so vielfältig macht.

Teilweise steht uns nur noch ein Drittel der normalen Energieleistung zur Verfügung. Deswegen schränkt unser Körper manche Funktionen ein – zugunsten von lebensnotwendigen. Das betrifft die Muskulatur, aber auch unsere Denkleistung.

hessenschau.de: Kann man das irgendwie messen?

Ellert: In der Sportwissenschaft und Leistungsdiagnostik gibt es durchaus Untersuchungsmethoden, die zeigen, dass Störungen in der Sauerstoffverwertung bestehen. In der Routinediagnostik zum Beispiel beim Hausarzt sind diese Defizite oft nicht messbar. Es wäre meiner Ansicht nach die Aufgabe von Fachgesellschaften, für die Krankheitsmechanismen zu sensibilisieren und das Wissen über das Krankheitsbild und die Testmöglichkeiten zu verbreiten.

hessenschau.de: Was wären vor diesem Hintergrund die wichtigsten Tipps für Betroffene?

Ellert: Es ist für Betroffene wichtig, ihr eigenes Level zu finden und zu gucken, wie weit sie gehen können, ohne sich zu überlasten.

hessenschau.de: Was an sich aber noch keine Therapie ist.

Ellert: Richtig, das ist keine Therapie im eigentlichen Sinne. Wir bezeichnen es als Pacing. Das bedeutet, mit seinen neuen Grenzen zurechtzukommen. Die Hoffnung ist: Wenn wir Betroffenen erklären, dass sie in den ersten Wochen nach ihrer Erkrankung vernünftig agieren und nicht gleich wieder ihre volle Leistungsfähigkeit erreichen müssen, dass auch Sport kontraproduktiv sein kann, dann können wir vielleicht einen Großteil der chronischen oder langfristigen Verläufe verhindern.

hessenschau.de: Ist Aufklärung also das wichtigste Ziel Ihres Buchs?

Ellert: Das Buch soll es Betroffenen zuerst einmal ermöglichen, ihre Beschwerden zu verstehen. Ich glaube, wenn man sie verstanden hat, kann man seinem Arzt gegenüber anders auftreten und sie anders beschreiben. Das Buch soll aber auch interessant genug für Mediziner sein. Diesen Spagat habe ich versucht und ich glaube, er ist mir gelungen.

hessenschau.de: Ihr Buch heißt "Long Covid – Wege zu neuer Stärke". Was bedeutet "Wege zu neuer Stärke" im Titel?

Ellert: Der Titel sagt bewusst "neue Stärke". Denn Stärke bezieht sich nicht auf Leistungsfähigkeit. Es geht darum, neue Inhalte abseits des Leistungsgedankens zu finden. Dieses "Höher, Schneller, Weiter" funktioniert mit Long Covid nicht.

hessenschau.de: Ihr Buch soll also auch Hoffnung machen.

Ellert: Das Buch will zum einen die Last nehmen, nicht ernst genommen zu werden. Was Betroffene weiterhin schildern ist, dass der Arzt, dem sie gegenübersitzen, auch nach zwei Jahren Pandemie immer noch sagt: Du brauchst nur ein bisschen Ruhe, du hast nichts.

Das Buch soll zum anderen zeigen, dass nicht alles ausweglos ist. Dass es kleine Maßnahmen gibt, mit denen man Symptome lindern kann. Ich hoffe, ich habe es geschafft, einen positiven Ausblick zu geben.

hessenschau.de: Was wäre eine solche kleine Maßnahme?

Ellert: Die Übungen im Buch zielen darauf ab, Störungen im vegetativen – also unbewussten – Nervensystem zu mildern. Long-Covid-Betroffene leiden oft darunter, dass ein Teil des vegetativen Nervensystems überaktiv ist. Wir fühlen uns permanent unter Stress gesetzt, wie in einer Prüfungssituation. Es gibt aber gute Möglichkeiten, ausgleichend einzuwirken. Das Effektivste ist die Atmung. Im Buch sind deshalb ausführlich Atem- und Entspannungsübungen beschrieben.

hessenschau.de: Konnten Sie selbst zu neuer Stärke finden?

Ellert: Es ist ein relativ harter Prozess, weil man regelmäßig an dem scheitert, was man eigentlich gewöhnt ist. Es geht über Monate, dass man seine Ansprüche umdenkt. Ich habe anders denken gelernt, andere Leute kennengelernt, das wäre mir vorher nie passiert. Insofern kann das alles auch eine Chance auf etwas Neues sein.

Man muss aber auch sagen, dass es Schwerstbetroffene gibt, auch junge Menschen, die ihr Haus nicht mehr verlassen können oder bei denen es ums Überleben geht. Die haben diese Möglichkeit nicht, sich neu zu denken oder neu zu finden.

hessenschau.de: Generell hat Long Covid eine große gesellschaftliche Relevanz.

Ellert: Das ist das große Problem, bei dem man sich auch fragt, warum die Politik nicht anders reagiert. Die meisten Long-Covid-Betroffenen sind zwischen 20 und 50 Jahre alt, stehen also voll im Berufsleben. Zehn Prozent der Infizierten entwickeln Long Covid. Zehn bis 20 Prozent davon entwickeln wiederum "Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom" (ME/CFS) als schwerste Form von Long Covid. Wir haben im Moment über 30 Millionen Fälle, das sind drei Millionen Betroffene in Deutschland. Und man weiß inzwischen, dass viele der Betroffenen lange aus dem Arbeitsleben ausfallen oder nicht voll arbeitsfähig sind. Das hat natürlich gesellschaftliche Auswirkungen.

Die Menschen fallen auf der einen Seite aus dem Arbeitsprozess aus, auf der anderen Seite nehmen sie Leistungen der Sozialsystem in Anspruch. Bei diesen Zahlen können wir das auf Dauer nicht finanzieren.

hessenschau.de: Sehen Sie Bewegung in der Politik?

Ellert: Wir richten mit der Initiative Long Covid Deutschland seit vielen Monaten Appelle an die Politik und fordern eine Aufklärungskampagne, um als ersten und einfachen Schritt Menschen zu sensibilisieren, was passieren kann, wenn man Covid hat. Ein weiterer Appell ist, dass Gelder in Forschung investiert werden müssen. Denn wir können es auf Dauer nicht finanzieren, so viele chronisch Kranke zu haben, die teilweise in der Armut landen.

Was man eigentlich bräuchte, wäre ein Netzwerk an Kompetenzzentren zu postinfektiösen Erkrankungen. Da gibt es Pläne, aber das ist nichts, was über Nacht aufgebaut ist. In der Politik tut man sich auch schwer damit. Diese Prozesse sind sehr langsam und träge.

Das Gespräch führte Eva Maria Roessler.

Weitere Informationen

Das Buch

Claudia Ellert: "Long Covid - Wege zu neuer Stärke: Symptome, Behandlungswege, Hilfe zur Selbsthilfe", 224 Seiten, ZS - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe, ISBN-10: 3965842617

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