Der Angeklagte sitzt an einem Tisch mit Mikrofon in der provisorischen Gerichtshalle und hält sich einen Ordner vor das Gesicht. Er trägt eine dunkelrote Sweatshirt-Jacke.. Im Hintergrund ist ein Sicherheitsbeamter zu sehen.

Im Prozess um das Auto-Attentat auf Besucher eines Karnevalsumzugs in Volkmarsen ist das Urteil gesprochen worden. Der Angeklagte Maurice P. muss lebenslänglich ins Gefängnis.

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Haftstrafe für Amokfahrer von Volkmarsen

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Der Amokfahrer von Volkmarsen Maurice P. muss nach einem Urteil des Landgerichts Kassel am Donnerstag (16.12.21) lebenslänglich in Haft. Das Gericht stellte auch die besondere Schwere der Schuld fest. Der Vorsitzende Richter Volker Mütze sagte in der Urteilsbegründung, der Täter habe gewollt, dass Menschen sterben. Er wählte, so der Richter weiter, eine Gruppe aus, die letztlich austauschbar gewesen sei. Eine anschließende Sicherungsverwahrung behält sich das Gericht vor.

Maurice P. wurde in 88 Fällen wegen versuchten Mordes sowie gefährlicher Körperverletzung, in einem Fall wegen versuchten Mordes sowie wegen des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr schuldig gesprochen.

Sein Verteidiger hat Revision gegen das Urteil angekündigt, wie die HNA berichtet. "Da ist juristisch viel Musik drin", sagte Verteidiger Bernd Pfläging nach der Urteilsverkündung.

Zwei Frauen lebensgefährlich verletzt

182 Zeugen wurden seit März gehört, 200 weitere wurden nicht mehr geladen. Der Vorsitzende Richter Volker Mütze sagte, die Tat sei geplant gewesen. Maurice P. habe eine Gruppe von Menschen ausgewählt, nicht gezielt bestimmte Personen. Auch daraus sei zu schließen, dass der Täter extrem gefährlich sei.

Maurice P. war am 24. Februar 2020 mit seinem Auto absichtlich in den Rosenmontagszug in der Kleinstadt im Kreis Waldeck-Frankenberg gefahren. Dabei wurden mindestens 89 Menschen, darunter 26 Kinder, teilweise schwer verletzt. 150 Menschen wurden laut Staatsanwaltschaft durch die Tat beeinträchtigt oder traumatisiert. Zwei Frauen wurden lebensgefährlich verletzt. Die Opfer beschrieben im Gerichtssaal eindringlich und emotional ihre gesundheitlichen Folgen, Schlafstörungen, Panik vor herannahenden Autos. Viele sind noch immer in Therapie.

Bei der Frage nach dem Motiv schloss sich Richter Mütze nicht dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft an. Die hatte Lebensfrust und Groll gegen die Gesellschaft als Motivation gesehen. Dem widersprach der Richter, da der Angeklagte nicht geredet habe, könne über das Motiv nur spekuliert werden. Was jedoch klar sei: Maurice P. habe die Tat begangen, weil er es wollte - und er habe auch gewollt, dass Menschen sterben. Dass es keine Tote gab, sei Glück gewesen. Maurice P. sei nicht psychisch krank und habe zum Zeitpunkt der Tat nicht unter Drogen oder Alkohol gestanden. Er sei also voll schuldfähig. Es liege nun auch an Maurice P., ob er in der Haft an sich arbeite und vielleicht auch etwas über sein Motiv preisgebe.

Staatsanwaltschaft: Mordanschlag aus Lebensfrust

Eine der Nebenklägerinnen, die schwer verletzt wurde, hat fast jeden Prozesstag verfolgt. Bis heute leidet sie unter den körperlichen und seelischen Folgen. "Ich habe Angst, dass er irgendwann wieder rauskommt", sagte sie nach dem Urteilsspruch dem hr. Sie sei froh über das Urteil, es sei ein wichtiger Schritt für sie, dieses Kapitel abschließen zu können. Welches Motiv der Täter hatte, sei für sie dabei nebensächlich: "Es hilft mir nichts, zu wissen, warum er das gemacht hat."

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Lebenslange Haft für Amokfahrer von Volkmarsen

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Eine weitere Nebenklägerin vertrat ihre Tochter vor Gericht, die zum Zeitpunkt der Tat gerade drei Jahre alt war und von dem Auto mitgerissen wurde. Als der Wagen zum Stehen kam, musste das Kind darunter hervorgezogen werden. Der letzte Prozesstag war auch für die Mutter des Mädchens ein wichtiger Meilenstein für die Bewältigung: "Es ist ein erleichterndes Gefühl, es fühlt sich gut an und wir sind zufrieden mit dem Urteil."

Staatsanwalt Tobias Wipplinger und Staatsanwältin Melike Aydogdu zeigten sich zufrieden mit dem Urteil. Das Urteil entspreche "vollumfänglich" dem, was die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Es sei ein belastender Prozess gewesen für die Betroffenen, sagte Aydogdu, man sei froh, dass er nun zu Ende sei. In ihrem Plädoyer hatte die Staatsanwaltschaft erklärt, Maurice P. habe aus "allgemeinem Lebensfrust einen Mordanschlag auf eine Großveranstaltung begangen".

Der Richter mit einer roten Akte in der Hand wie er an einem der provisorisch eingerichteten Tische Platz nimmt.

Angeklagter schweigt

Maurice P. hatte sich vor Gericht nicht geäußert, er sprach auch nicht mit der psychiatrischen Gutachterin. Seine Verteidiger hatten in ihrem Plädoyer in der vergangenen Woche betont, dass ihr Mandant als Angeklagter das Recht habe, zu schweigen. Sie forderten eine mildere Strafe, die Tat sei nicht vollendet worden - "zum Glück", sagte Anwältin Susanne Leyhe.

Für viele Kinder wurde der Tag beim Karnevalsumzug zu einem Albtraum. Das Auto von Maurice P. hatte besonders viele Kinder getroffen, weil sie in der ersten Reihe auf dem Gehweg standen, um Bonbons aufzufangen.

Das Auto schleifte ein Kind vor der Frontschürze mit, andere gerieten unter das Auto und wurden überrollt. Ein Kind wurde nach der Tat unter dem stehenden Auto hervorgezogen. Am Tag der Tat seien "1.000 Schutzengel" in Volkmarsen gewesen, sagte Staatsanwalt Tobias Wipperling. Dass niemand getötet wurde, sei ein glücklicher Zufall.

Eine geplante Tat

Im Prozess hatte das Gericht detailliert nachvollzogen, wie Maurice P. die Tat vorbereitet haben soll. Demnach kaufte er sich eine Dashcam, die aus dem Auto heraus filmt, schwor Tage vorher dem Alkohol ab und parkte am Tattag sein Auto in der Nähe des Umzugsortes.

Fotos von Passanten zeigen ihn in einer dunklen Kapuzenjacke wie er am Rand einer Absperrung das Geschehen beobachtet. Dann setzte er sich wieder ins geparkte Auto, wartete an einer Ampel und fuhr mit 50 bis 60 Stundenkilometer ungebremst durch die Absperrungen in die Menge.

Ein Fotograf hatte den Umzug gefilmt, seine Kamera zeichnete auf, wie der 200 PS starke Mercedes durch die Menge pflügte, Menschen flogen durch die Luft oder wurden mitgeschleift. Die ganze Fahrt dauerte nur wenige Sekunden. Dann kam der Wagen zum Stehen, offenbar hatte er sich festgefahren.

Die Dashcam hatte nicht funktioniert. Sie sprang erst an, als der Wagen stand. Die Aufnahmen zeigten nur eine zersprungene Windschutzscheibe. Besucher des Umzugs hielten Maurice P. im Wagen fest und zogen den Schlüssel ab.

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