Meron Mendel mit ernster Miene scharf im Vordergrund. Eine Ausstellung unscharf im Hintergrund.

Nach dem Angriff der Hamas auf Israel blieb die Solidarität in Deutschland aus - das beklagt der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Wenn die Tatsache angezweifelt wird, dass Israel existiert, dann ist das Antisemitismus, sagt er.

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Vor zwei Monaten griff die Terrororganisation Hamas Israel in beispielloser Form an. Die Terroristen schlachteten regelrecht rund 1.200 Menschen ab und entführten 240 Männer, Frauen, Kinder und Babys in den Gazastreifen. Die Eskalation des jahrzehntelangen Konflikts zwischen radikalen Palästinensern und dem jüdischen Staat hat auch Folgen in Hessen: Jüdinnen und Juden wurden angegriffen, pro-palästinensische Demonstrationen verboten, Israelfahnen abgerissen und verbrannt.

Meron Mendel ist Professor für soziale Arbeit und Antisemitismusexperte, er leitet die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank. Aufgrund seiner israelischen Herkunft kannte er Opfer der Massaker der Hamas und erfuhr selbst antisemitische Übergriffe. Im Interview erklärt er, weshalb solche Gewalt nichts mehr mit Kritik an Israel zu tun habe.

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hessenschau.de: Herr Mendel, wie haben Sie den Antisemitismus seit dem terroristischen Angriff am 7. Oktober hierzulande erlebt?

Meron Mendel: Kurz nach dem 7. Oktober habe ich mein Kind aus der Kita am Uni-Campus abgeholt. Plötzlich standen Studenten vor mir, die mich erkannt haben. Sie brüllten "Free Palestine". So was erlebt man seitdem immer wieder - in unterschiedlicher Vehemenz.

In den sozialen Medien habe ich außerdem gesehen, wie die Rave-Besucher, die abgeschlachtet worden waren, als Siedler bezeichnet wurden - nicht etwa, weil sie in Westjordanland oder in Siedlungen leben, sondern weil sie überhaupt in Israel leben. Israel und alle sieben Millionen Juden, die heute dort leben, werden in dieser Denkweise als Teil eines Siedlerkolonialismus gesehen. Das ist eine Vernichtungsfantasie ohne Grenzen und natürlich Antisemitismus.

hessenschau.de: Wie nah lassen Sie das an sich heran? Und welche Rolle spielen Emotionen in diesen Tagen?

Meron Mendel: Wer in dieser Situation keine Gefühle verspürt, ist unmenschlich. Wir haben alle Gefühle, und auch ich muss mit meinen eigenen Gefühlen umgehen. Es wäre falsch zu sagen, Gefühle haben hier nichts zu suchen. Wir sind alle mitgenommen. Die Bilder sind so schrecklich, Emotionalität ist verständlich.

Und trotzdem müssen wir in der Lage sein, auch nüchtern auf die Situation zu schauen. Denn eine Perspektive liegt nur in der Analyse, nicht in den Gefühlen.

hessenschau.de: Nach dem 7. Oktober wurden Fahnen verbrannt und jüdische Menschen angegriffen. Die Grenze, wo legitime Kritik aufhört und wo israelbezogener Antisemitismus anfängt, scheint für viele Menschen unklar zu sein. Wieso ist das so?

Meron Mendel: Die Grenze zwischen der Kritik an Israel und Antisemitismus ist ziemlich klar. Die Politik Israels darf und sollte aus meiner Sicht sogar kritisiert werden. Wir müssen uns dafür nur anschauen, wie wir mit anderen Ländern umgehen. Niemand würde sagen, Kritik an der Putin-Regierung ist anti-slawisch. Solange die israelische Regierung an der Besatzungs- und Siedlungspolitik festhält, muss das kritisiert werden.

Im Fall von Israel sehen wir aber oft einen klaren Unterschied in der Kritik. Nicht die Regierung von Benjamin Netanjahu steht im Mittelpunkt der Kritik, sondern überhaupt die Tatsache, dass Israel als Staat existiert. Wenn das so angezweifelt wird, ist das israelbezogener Antisemitismus.

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Über das deutsch-israelische Verhältnis

In seinem Buch "Über Israel reden - Eine deutsche Debatte" schildert Mendel, vor welchen Herausforderungen das Verhältnis Deutschlands zu Israel steht. Dazu greift der Deutsch-Israeli auch immer wieder auf seine eigenen Erlebnisse zurück. Der Essay wurde für den Deutschen Sachbuchpreis 2023 nominiert.

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hessenschau.de: Haben Sie das Gefühl, dass Sicherheitskräfte auch überfordert von dieser Einordnung sind?

Meron Mendel: Ich wundere mich immer wieder, warum bei Politikern und Sicherheitskräften diese klare Grenze nicht angekommen ist. Es muss klar sein, dass "Free Palestine" nicht antisemitisch ist. Der Spruch "From the river to the sea, Palestine will be free" ist dagegen sehr wohl antisemitisch, weil damit gemeint ist: "Alles ist Palästina, es gibt kein Israel." Genauso sage ich, dass es rassistisch ist, wenn ich mit nationalistischen Israelis spreche, die sagen: "From the river to the sea, alles ist Israel."

Wohin sollen die Palästinenser verschwinden? In die Luft? Es ist rassistisch gegenüber Palästinensern, ihnen abzusprechen, dass sie einen eigenen Staat haben wollen. Und es ist antisemitisch, den Juden abzusprechen, dass sie einen eigenen Staat haben dürfen. Wenn jemand Volksverhetzung betreibt, Homofeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit zum Ausdruck bringt, muss er oder sie zur Rechenschaft gezogen werden.

hessenschau.de: Wie können wir gesellschaftlich einfordern, dass diese Grenze eingehalten wird?

Meron Mendel: Wenn ich mit palästinensischen Freunden rede, dann bestehe ich darauf, dass sie das Wort Israel in den Mund nehmen. Die sagen oft: "Du kommst aus Palästina." Ich sage dann: "Nein, ich komme aus Israel. Israel ist ein Staat, der von den Vereinten Nationen gegründet wurde."

Wenn sich jemand dann immer noch weigert, das Wort Israel in den Mund zu nehmen, dann beende ich das Gespräch. Hier geht es nicht um Kritik an politischen Maßnahmen, sondern darum zu zeigen, dass dieser Staat aus seiner Sicht nicht existiert.

hessenschau.de: Was wünschen Sie sich von den Deutschen im Umgang mit Antisemitismus und mit dem 7. Oktober?

Meron Mendel: Das Ausmaß des Terroranschlags am 7. Oktober war beispiellos. Trotzdem hat die Solidarität in der deutschen Gesamtbevölkerung gefehlt. Obwohl Angela Merkel mit ihrer Rede vor der Knesset 2008 mit dem Begriff der Staatsräson der Bevölkerung die Solidarität quasi verordnet hat, sehen wir aber, dass die breite Zustimmung zu so einer Haltung immer noch nicht vorhanden ist.

Ein Gesamt-Entsetzen über 1.200 abgeschlachtete Menschen, über Massenvergewaltigungen, Verschleppungen und den Mord an Kindern, war nicht zu beobachten - anders als nach dem 11. September 2001 oder den Anschlägen in Paris 2015. Deshalb muss es einen Austauschprozess zwischen Politik und Gesellschaft geben.

hessenschau.de: Und wie können wir für so einen besseren Dialog sorgen?

Meron Mendel: Man muss das Thema Nahostkonflikt und das, was das für uns in Deutschland bedeutet, langfristig begleiten. Der Reflex, das Thema ganz schnell zur Seite zu legen, wenn sich die Situation entspannt, ist ein Fehler. Für bestimmte Gruppen unserer Gesellschaft spielt es eine wichtige Rolle.

Unser Bildungssystem sollte proaktiv an die Jugendlichen herantreten und einen Grundstock zur Geschichte des Nahost-Konflikts und der heutigen Situation liefern. Erst dann können sie auch faktenbasiert und stückweise die Hetze in den Sozialen Medien für sich kontextualisieren.

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