Probleme bei Job, Versicherung und Adoption Wie geheilte Krebspatienten benachteiligt werden

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 16.500 Menschen zwischen 18 und 39 Jahren an Krebs. Die Diagnose bedeutet einen gravierenden Einschnitt in ihr Leben. Auch nach erfolgreicher Therapie berichten Betroffene von teils massiven Benachteiligungen.

Formular Lebensversicherung mit pinker Markierung und Kugelschreiber
Als ehemaliger Krebspatient ist es schwierig, eine Lebensverischerung abzuschließen. Bild © picture-alliance/dpa
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Benachteiligung durch Krebs

hs 23.08.2023
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Svenja Dietz ist Ende zwanzig, als sie zum dritten Mal an Krebs erkrankt. Zu diesem Zeitpunkt bereitet sich die angehende Juristin auf ihr zweites Staatsexamen vor. Ihr großes Ziel ist es, nach der Prüfung Staatsanwältin zu werden. Tatsächlich heißt Svenja Dietz anders, sie möchte unerkannt bleiben.

"Ich hörte von meiner Ausbilderin, dass es schwierig werden könnte mit einer Verbeamtung, wenn eine Krebsdiagnose im Raum steht", sagt sie. "Bei der zuständigen Stelle hieß es dann inoffiziell, ich könne wahrscheinlich nicht mehr verbeamtet werden." Das Gesundheitsamt würde sie im Vorfeld aussortieren.

"Mein großes Ziel war weg"

Eine Aussage, die sie getroffen hat. "Für mich ist alles zusammengebrochen und mein großes Ziel war dann komplett weg, also es war einfach nicht mehr greifbar", erinnert sich Dietz.

Wer in den Staatsdienst möchte, wird vom Amtsarzt auf seine gesundheitliche Eignung geprüft. Das soll sicherstellen, dass kein größeres Risiko für eine frühe Dienstunfähigkeit besteht. Die endgültige Entscheidung über die Verbeamtung liegt beim Dienstherrn. Vorerkrankungen wie Krebs werden deshalb berücksichtigt.

Amtsärztlicher Dienst entscheidet individuell

Für Anneke Hecke, Leiterin des Amtsärztlichen Diensts in Kassel, spielt das Krankheitsstadium dabei eine entscheidende Rolle. Deshalb betrachte sie jeden Klienten individuell.

"Es gibt viele Krebserkrankungen, die folgenlos ausheilen. Und das gilt es natürlich in einer Beurteilung der gesundheitlichen Eignung zu berücksichtigen", erklärt Hecke. Nicht jede Krebserkrankung sei ein sogenanntes K.o.-Kriterium für eine Verbeamtung.

Diese Ansicht teilt auch das hessische Innenministerium. Maßgeblich sei die Art der Krebserkrankung und welchen Erfolg die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten versprechen, heißt es auf Anfrage des hr. Eine pauschale Antwort für die Diagnose Krebs gebe es nicht.

Versicherungen – deutlich teurer nach Erkrankung

Aber nicht nur bei einer möglichen Verbeamtung kann eine Krebserkrankung zu Benachteiligungen führen. 2017 erkrankte David Diehl aus Kassel an Lymphdrüsenkrebs, der ins Wangengewebe streute. Über fünf Jahre später gilt er aus medizinischer Sicht als geheilt.

David Diehl während Krebstherapie
David Diehl während seiner Krebstherapie. Bild © privat

Doch für ihn notwendige Versicherungen kann der 41-Jährige nicht ohne Weiteres abschließen. Denn auf dem Weg zum Vertragsabschluss werden von den Versicherungsgesellschaften in der Regel Gesundheitsfragen gestellt. Die Krebsdiagnose muss offengelegt werden und gilt als Risiko. Aktuell hat Diehl weder eine Lebens- noch eine Berufsunfähigkeitsversicherung.

Als er direkt nach der Therapie bei Versicherungen angefragt habe, seien nur Ablehnungen gekommen. Das habe sich geändert, sagt Diehl: "Mittlerweile ist es so, dass man auf ein Profil zugeschnittenes Angebot bekommt, was aber nicht bezahlbar ist." Wo andere beispielsweise für eine Zahnzusatzversicherung um die 20 Euro zahlen, würde er 60 Euro im Monat zahlen.

Stiftung sammelt Erfahrungen von jungen Betroffenen

Eine fehlende Lebensversicherung kann in anderen Bereichen zu Problemen führen, weiß Felix Pawlowski von der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. Wollen ehemalige Patienten beispielsweise ein Haus kaufen, so könne es schwierig sein, einen Kredit zu erhalten. Denn als Sicherheit möchten Banken häufig neben Eigenkapital eine abgeschlossene Lebensversicherung.

Solche und weitere Benachteiligungen von Menschen mit und nach einer Krebserkrankung möchte die Stiftung offenlegen und hat deshalb eine Umfrage gestartet. Stiftungssprecher Pawlowski beobachtet: "Den meisten jungen Betroffenen ist gar nicht bewusst, dass sie in irgendeiner Form mal benachteiligt wurden oder werden."

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Auch Adoption sei ein schwieriges Thema. Auf ein Kind kämen ungefähr zehn Paare. "Mit einer Krebs-Vorgeschichte fällt man dort eigentlich schon durchs Raster, weil die Jugendämter sehr darauf aus sind, dem Kind ein langfristig stabiles Umfeld, wie sie es nennen, zu bieten", erklärt Pawlowski.

Die Stiftung fordert ein "Recht auf Vergessenwerden". Nach fünf Jahren ohne Krebs solle die Diagnose keine Rolle mehr spielen dürfen. In anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Belgien oder Luxemburg funktioniere das schon sehr gut.

Mehr Verständnis gewünscht

Svenja Dietz hat ihr Berufsziel, Staatsanwältin zu werden, aufgegeben. Eine Entscheidung, mit der sie glücklich ist. Sie arbeitet inzwischen in einer anderen Branche.

Sowohl David Diehl als auch Svenja Dietz wünschen sich mehr Verständnis und Unterstützung für Betroffene. Denn an Krebs zu erkranken, sei schließlich keine freiwillige Entscheidung.

Weitere Informationen

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 23.08.2023, 16.45 Uhr

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Quelle: hessenschau.de