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Queer in der Kirche: Ein Jahr nach dem Coming Out

Es war das größte Outing in der katholischen Kirche: Vor einem Jahr haben sich für die ARD-Doku "Wie Gott uns schuf" mehr als 100 queere Mitarbeitende vor der Kamera offenbart. Was hat sich seitdem für sie verändert?

Transfrau Charlotte rutscht nervös auf ihrem Stuhl immer wieder von links nach rechts, reibt dabei ihre Hände aneinander. Sie trägt eine Perücke und Ohrringe. So offen zu ihrem Frausein zu stehen, ist für Charlotte bei ihrer Arbeit als Seelsorgerin in der Kirche undenkbar. "Ich habe immer noch große Angst, dass ich ausgegrenzt, diskriminiert werde und vor der Entlassung", sagt Charlotte mit brüchiger Stimme.

Eric Tilch läuft mit festem Schritt den langen Gang in der Jugendkirche Kana in Wiesbaden entlang. Draußen hängt eine große Regenbogenflagge. "Ich muss endlich nicht mehr trennen zwischen dem katholischen Eric und dem homosexuellen Eric, sondern dass das zusammengehört." Als Jugendbildungsreferent macht er hier queere Jugendarbeit.

Jugendbildungsreferent Eric Tilch

Zwei Perspektiven zweier Menschen, die Teil von "Out in Church" sind. Ein Jahr ist es her, dass sie sich vor die Kamera getraut haben. Ihr Coming-out hat ein Beben in der katholischen Kirche ausgelöst.

Änderungen im Arbeitsrecht der katholischen Kirche

So gilt seit Anfang dieses Jahres in den meisten Bistümern ein neues kirchliches Arbeitsrecht: Homosexualität oder Scheidung dürfen in der katholischen Kirche kein Kündigungsgrund mehr sein. Das hatten die Bischöfe im November beschlossen. Der Beschluss ist nicht nur eine Reaktion auf die Doku, sondern auch auf Mitarbeitermangel. Übernommen wurde eine Passage aus dem Antidiskriminierungsgesetz:

Zitat
„[...] Vielfalt in kirchlichen Einrichtungen ist eine Bereicherung. Alle Mitarbeitenden können unabhängig von ihren konkreten Aufgaben, ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihres Alters, ihrer Behinderung, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Identität und ihrer Lebensform Repräsentantinnen und Repräsentanten der unbedingten Liebe Gottes und damit einer den Menschen dienenden Kirche sein. [...] Quelle: Artikel 3 der Grundordnung des kirchlichen Dienstes vom 22. November 2022 Quelle: Artikel 3 der Grundordnung des kirchlichen Dienstes vom 22. November 2022
Zitat Ende

Eric Tilch nimmt das die Angst. Denn seine Sorge, als homosexueller Mann seinen Job beim Bistum Limburg zu verlieren, blieb auch nach der Doku. "Bisher war die Zustimmung meiner Person gegenüber immer geprägt durch die Bistumsleitung. Aber was ist, wenn diese Position wechselt? Das war meine große Angst." Mit dem neuen Arbeitsrecht hat Tilch endlich Rechtssicherheit.

Kirchenrechtsexperte Thomas Schüller steht im Säulengang des Stadtarchivs Frankfurt

Konkret wurden Artikel 4 und 5 der Grundordnung gestrichen. Die Folge: Das Privatleben der rund 800.000 Mitarbeitenden geht die Kirche damit nichts mehr an. Dies ist zumindest in der Theorie so, sagt Kirchenrechtsexperte Thomas Schüller. Menschen, die nicht in das Mann-Frau-Schema passten oder eben nicht verschiedengeschlechtlich liebten, hätten trotzdem die Erfahrung gemacht, in der katholischen Kirche dauerhaft diskriminiert zu werden. "Diese Sorge kann man ihnen jetzt nicht nehmen, weil das faktische Verhalten oft anders ist."

Offen lässt die katholische Kirche zudem, ob trans*, inter* oder nicht-binäre-Personen im neuen Arbeitsrecht mitgemeint sind: Ist also das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht gemeint oder das Geschlecht, mit dem sich die Person identifiziert und das personenstandsrechtlich geändert werden kann? Deshalb fordert die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V., das Wort "Geschlecht" in der kirchlichen Grundordnung explizit durch "geschlechtliche Identität" zu ersetzen.

Das Versteckspiel geht weiter

Deshalb möchte auch Transfrau Charlotte - wie in der Doku - weiterhin unerkannt bleiben. Charlotte geht immer noch jeden Tag in Männerkleidung zur Arbeit. Hier kennen alle nur ihren männlichen Namen. "Ich würde so gerne einen Rock tragen, meinen Busen zeigen, aber das kann ich alles nicht." Für sie geht das Versteckspiel weiter. "Es muss mich nur ein Mensch, dem ich mich anvertraut habe, verraten. Dann bin ich geoutet." Die Angst, entdeckt zu werden, ist Charlottes tägliche Begleiterin.

anonymisiertes Bild von Charlotte

Trotzdem: Ihren Beruf außerhalb der katholischen Kirche auszuüben, ist für Charlotte keine Option. "Ich liebe meine Kirche, ich liebe meinen Glauben, aber ich möchte endlich Charlotte sein."

Ein Gesetz allein reicht nicht

Auch Eric Tilch merkt, dass ein Gesetzestext allein nicht das Denken aller in der katholischen Kirche ändert. "Es gibt leider immer noch Personen, die etwas predigen, was mir Angst macht, weil es mich ablehnt, weil es mich nicht Teil dieser Kirche sein lässt", sagt er mit Zittern in der Stimme.

Die Geschichten der anderen, die sich in der ARD-Doku geoutet haben, lassen ihn auch zweifeln: Inwieweit kann er in der Kirche etwas verändern? Oder inwieweit unterstützt er ein System, von dem er nicht gewollt ist?

Das neue Arbeitsrecht: Ein Teilerfolg

Die Initiative "Out in Church", zu der Charlotte, Eric Tilch und rund 100 weitere Mitwirkende der Doku gehören, hat weitere Forderungen. Zum Beispiel, dass homosexuelle Paare offiziell gesegnet werden dürfen.

Das neue Arbeitsrecht ist also nur ein Teilerfolg für queere Menschen in der katholischen Kirche – ein Meilenstein auf einem langen Weg zu echter Gleichberechtigung.

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