Neues Buch Das unglaubliche Gartenwissen der Fuldaer Nonnen

Ein Nonnenkloster und sein Garten: Die Schriftstellerin Mely Kiyak hat darüber ein Buch geschrieben, in dem es nicht um Glauben geht, sondern um Wissenschaft, Ökonomie, Emanzipation - und um ein wahres Wundermittel.

Zwei Frauen im Klostergarten, eine trägt eine Schwesternhaube.
Gartenbau-Ingenieurin Schwester Christa (li.) und Schwester Gertrud sind für den Klostergarten der Benediktinerinnen in Fulda verantwortlich. Bild © Kathinka Mumme
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Seit fast 400 Jahren gibt es in Fulda die Benediktinerinnenabtei zur Heiligen Maria. 13 Schwestern zwischen 39 und 90 Jahren leben heute dort nach der Ordensregel des Heiligen Benedikt: Bete und arbeite.

Das mitten in der Altstadt gelegene Kloster ist aber nicht nur gläubigen Menschen ein Begriff, sondern auch der Gartencommunity. Die Nonnen bewirtschaften einen 2.000 Quadratmeter großen Klostergarten in Mischkultur und sind echte Pionierinnen für ökologischen Gartenbau.

Die Schriftstellerin Mely Kiyak hat bei ihnen das Gärtnern erlernt und ein Buch über die Gartengeschichte der Schwestern geschrieben, das jetzt in Neuauflage erschienen ist. Im Interview erzählt sie, wie es dazu kam und warum Manager viel von den Ordensfrauen lernen könnten.

hessenschau.de: Sie kommen gebürtig aus Norddeutschland, haben in Leipzig studiert. Wie sind Sie ausgerechnet an die Benediktinerinnen in Fulda geraten?

Mely Kiyak: Eigentlich purer Zufall. Ich wollte Gärtnerin werden und habe mich umgeschaut, wo ich die Art von Gartenkultur erlernen kann, die ich mir vorstellte.

Mich interessierte die Mischkultur, das heißt Obstanbau, Blumen, Kräuter, Gemüse, vielleicht auch ein bisschen Ackerbau. Außerdem wollte ich biologisch gärtnern. So landete ich schnell bei den Klostergärten und den Benediktinerinnen in Fulda.

hessenschau.de: Ein Garten gehört zum Klosterleben ja eigentlich immer dazu. Was macht den in Fulda so besonders?

Kiyak: Leider ist das falsch. Es gibt zwar eine ganz reiche Klostergartenkultur in Europa. Aber die Mitgliederzahl der Orden minimiert sich, also gibt es kaum noch Klostergärten.

Eine Nonne schiebt einen Schubkarren durch einen blühenden Garten
Der Fuldaer Klostergarten im Sommer. Im Bild die mittlerweile verstorbene Schwester Agatha. Bild © Benediktinerinnenabtei zur Hl. Maria

In Deutschland müssen Sie schon sehr lange suchen, bis Sie einen Klostergarten finden, der auch wirklich bewirtschaftet wird. Also keinen einfach mit Blumen angepflanzten Schaugarten, sondern einen echten Garten, der auch ökonomisch bewirtschaftet wird.

Klöster, das wissen viele nicht, bekommen keine Gelder aus Rom oder aus Kirchensteuern. Ein Orden muss sich selber tragen können. Insofern war das ein großes Glück, dass ich diesen Garten mitten in Deutschland - in Fulda - fand.

Dort werden viele verschiedene Anbauarten gepflegt und verschiedene Kulturtechniken angewandt. Beispielsweise wird Humus hergestellt, Jauchen angesetzt, Samen gezogen, man hat Gewächshäuser und so weiter.

hessenschau.de: Sie erzählen in ihrem Buch vom September 1944. Die Fuldaer Innenstadt war von Bomben schwer getroffen, auch das Kloster. Da bekam der Klostergarten plötzlich eine wichtige Rolle...

Es waren nicht nur die Nonnen anwesend, sondern auch noch evakuierte Frauen aus einem Altenstift in Bremen. Wie in der übrigen Bevölkerung gab es im Kloster ein großes Versorgungsproblem.

Was es im Kloster Fulda gab, waren Gärten und Acker. Nur müssen Sie sich vorstellen, dass in diesem Kloster nicht nur Bauern-Töchter waren, sondern auch promovierte Germanistinnen, Pharmazeutinnen, Pianistinnen.

Historische Schwarz-weiss-Aufnahme: eine Nonne arbeitet im Garten.
Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Nonnen den Fuldaer Klostergarten zu einem ökologischen Vorzeigemodell gemacht. Bild © Benediktinerinnenabtei zur Hl. Maria

Die waren es nicht gewöhnt, einen Garten zu bewirtschaften. Die hatten überhaupt keine Ahnung, was man auf einem Acker macht, wie man Gemüse anpflanzt, um es essen zu können. So fing alles an.

hessenschau.de: Später begannen die Nonnen, den Gartenbau zu professionalisieren. Eine Schwester namens Laurentia spielte dabei eine wichtige Rolle. Welche?

Kiyak: Schwester Laurentia Dombrowski stand in einem regen Briefwechsel mit den Benediktiner-Nonnen aus dem berühmten Kloster Stanbrook in England.

Die schrieben in einer ihrer Jahreschroniken, dass sie ein Pulver ausprobieren würden, mit dem sie Gartenabfälle kompostieren und daraus gute Gartenerde gewinnen - und das in nur wenigen Wochen!

hessenschau.de: Schwester Laurentia bat also um das Rezept?

Kiyak: Die Nonnen aus Stanbrook haben das sofort rausgegeben. Fünf Unkräuter müssen gemörsert werden, dann kommt Honig dazu. Die ganze Rezeptur war unglaublich esoterisch. Mondlicht spielte eine Rolle, vergrabene Ochsenhörner und so weiter.

Klostergarten mit Gemüsebeeten
Der Klostergarten im Sommer Bild © Benediktinerinnenabtei zur Hl. Maria

Sie können sich vorstellen, es gab viele Fehlversuche, aber es gelang ihnen - und zwar so gut, dass sich das in Fulda herumsprach. Immer mal wieder klopfte einer und fragte: Was ist das, was ihr macht? Könnt ihr uns helfen?

Die Nonnen glaubten an ihr Pulver. Sie wussten sofort, das ist etwas ganz Tolles, was sie da herausgefunden haben. Dann bestellten die auf gut Glück 5.000 leere Tüten, um das Pulver abfüllen zu können.

Mit unglaublich viel Mundpropaganda verkauften sie drei dieser Tütchen. Im zweiten Jahr waren es 23 Tütchen und schon wenige Jahre später 15.000 Tüten innerhalb eines Jahres. Das ist die Geschichtes eines der erfolgreichsten Startups in der Gartenbaubranche. Die haben das Pulver selber produziert, abgefüllt und das Marketing übernommen.

hessenschau.de: Eine der lustigsten Stellen in ihrem Buch ist die Geschichte der Namensfindung für diesen Schnellkomposter...

Sie hatten also dieses Kompostierpulver, was sehr schnell Gartenerde in Humus umwandelt. Im Englischen hieß es Quick Return Powder, "Geschwind-Umwandel-Puder" wäre die wörtliche Übersetzung.

Sie haben sich dann Abende lang hingesetzt und versucht, einen neuen Namen zu erfinden. Es muss ein unglaublich amüsantes Durcheinander gewesen sein und am Ende haben sie sich geeinigt, auf den sagenhaften Begriff: "Humofix".

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Das Buch

Mely Kiyak: Dieser Garten
Verlag Mikrotext 2024
Hardcover: 24 Euro

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hessenschau.de: "Humofix" war also eine Art Export aus England. Aber die Mischkultur haben die Fuldaer Schwestern erfunden?

Kiyak: "Humofix" ist eine Produkterfindung der Nonnen aus Fulda, die Idee dazu kam aus dem Kloster Stanbrook. Auch die Mischkultur haben die Nonnen nicht erfunden, sondern professionalisiert. Dabei verzichteten sie radikal und konsequent auf Chemie. In den 1950er- und 60er-Jahren begann es mit der Chemie auf den Äckern, damit schnell etwas wächst. Das wollten die Nonnen nicht, also haben sie experimentiert.

Ich habe die Pflanzbücher der Gartenschwestern studiert. Die haben jedes Jahr ganz genau notiert: Was muss man womit anpflanzen, bei welcher Jahreszeit, bei welcher Mondstellung und wie funktioniert was am besten?

Sie haben Versuchsanordnungen gestartet um genau herauszufinden, wie man einen Garten, die Fruchtfolgen beachtend, bewirtschaften kann. Plus: Sie haben Gründüngung ausprobiert und selbst angesetzte Jauchen gegen Pilze und Schädlinge verwendet.

hessenschau.de: Es ist schon einige Zeit her, dass Sie zum ersten Mal im Kloster waren. Hatten Sie noch Gelegenheit, mit Nonnen zu sprechen, die das nach dem Krieg miterlebt haben?

Kiyak: Ich bin 10 oder 15 Jahre lang regelmäßig ein- und ausgegangen und wir sind uns nach wie vor eng verbunden und miteinander befreundet. Von den Nonnen, bei denen ich gelernt habe, lebt nur noch eine, Schwester Christa. Sie ist auch die erste studierte Gärtnerin, nämlich Ingenieurin für Gartenbau.

Die Nonnen haben irgendwann beschlossen, dass eine von ihnen Gartenbau studieren soll, um andere Grundlagen in das Kloster mitzubringen.

hessenschau.de: Die Fuldaer Benediktinerinnen waren Pionierinnen im wissenschaftlichen Ökolandbau. Warum?

Kiyak: Die haben an biologisches Gärtnern geglaubt, als es die Begriffe biologisch und ökologisch gar nicht gab. Man nannte das in den 1940er- und 50er-Jahren "naturnah".

Ein Schild im Gartenbeet erklärt den mittelalterlichen Kräutergarten.
Für Gartenbesucher gibt es an verschiedenen Stellen Erklärschilder. Bild © Kathinka Mumme

Diese Art des „naturnahen“ Gärtnerns war sehr esoterisch. Da spielte die anthroposophische Bewegung von Rudolf Steiner eine Rolle und es war wirklich viel Hokuspokus dabei. Die Schwestern hatten aber immer ein sicheres Gespür dafür gehabt, den Hokuspokus von der Wissenschaft zu trennen.

Weitere Informationen

Gartenbesuch

Der Garten in der Nonnengasse 16 ist ab Mai wieder samstags für Besucher geöffnet. An bestimmten Tagen gibt es auch Führungen.

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hessenschau.de: Wenn Sie so erzählen von den Schwestern dort, dann hab ich das Gefühl, dass wir ein ganz falsches Bild haben davon, was das eigentlich für Frauen sind.

Kiyak: Für mich sind diese Frauen große Vorbilder. Es sind Benediktinerinnen, das heißt, sie leben nach der Regel des Heiligen Benedikt: Bete und arbeite!

Sie sind sehr diesseitig. Dieses Bild von den vergeistigten Nonnen, die den ganzen Tag beten und in der heiligen Schrift nach Stellen kramen, ist sehr falsch. Es sind auch Unternehmerinnen. Sie merken es vielleicht, meine Verehrung und mein Respekt sind tief und groß.

Zwei Frauen im Garten, eine trägt eine Nonnetracht
Schwester Christa (rechts) führte Mely Kiyak in die Kunst des biologischen Gärtnerns ein. Bild © Privat

hessenschau.de: Anfang der 1950er-Jahre waren 99 Nonnen im Kloster, damals gab es sogar einen Aufnahmestopp. Heute leiden viele Orden darunter, dass da kaum noch jemand hin kommt. Wie sieht es in Fulda aus?

Kiyak: Es ist nun schon seit einigen Jahren so, dass die älteren Schwestern sterben und mit ihnen die Kirchgängerinnen und die Käuferinnen von Humofix, wie auch die Abonnentinnen der Zeitschrift "Winke für den Biogärtner" aus der Abtei Fulda versterben. Das ist übrigens die älteste deutschsprachige Gartenzeitschrift für biologischen Gartenbau.

Der Demografiewandel hat natürlich auch im Kloster stattgefunden.

hessenschau.de: Was ist das Wichtigste, was Sie von den Nonnen gelernt und mitgenommen haben? Nicht nur für Ihr Buch, sondern auch für sich selbst?

Kiyak: Es sind lauter Begriffe, die im Moment in Verruf geraten sind und die man deshalb kaum mehr in den Mund nehmen mag: Geduld, Gnade, Barmherzigkeit, Respekt und Liebe. Das habe ich dort nicht nur als Behauptung erlebt, sondern als gelebte Wirklichkeit.

Das Gespräch führte Dagmar Fulle.

Weitere Informationen

Redaktion: Alexandra Müller-Schmieg

Sendung: hr-iNFO, Kultur, 09.03.2024, 10:30 Uhr

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Quelle: hessenschau.de