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Kassel kauft neun documenta-Werke

Neun "künstlerische Positionen" von der documenta fifteen bleiben Kassel erhalten. Stadt und Land Hessen werden sie für insgesamt 420.000 Euro ankaufen. Die am heftigsten diskutierten Werke sind nicht darunter - dafür zwei Publikumslieblinge.

Nach dem Ende jeder documenta erwerben die Stadt Kassel und das Land Hessen einige der Ausstellungs-Exponate - so auch nach der documenta fifteen. Am Freitag wurde bekannt, welche Werke künftig in der Neuen Galerie und in der Graphischen Sammlung zu sehen sein werden. Die im Verlauf der Antisemitismus-Diskussion am heftigsten kritisierten Werke sind erwartungsgemäß nicht darunter. Stattdessen wurde versucht, der Lumbung-Idee der Kuratoren gerecht zu werden.

Insgesamt gibt die Stadt 290.000 Euro aus, das Land über die Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) rund 130.000 Euro. Über den Erwerb der Kunstwerke hatte zunächst die Ankaufskommission unter dem Vorsitz von Kulturdezernentin Susanne Völker (parteilos) beraten.

Der Kommission gehören die kulturpolitischen Vertreter der Fraktionen sowie die Vorsitzenden des Kunstvereins, der Kasseler Ortsgruppe des Bundesverbandes Bildender Künstler und des Museumsvereins an. Vertreten sind auch die Museumslandschaft Hessen Kassel und das Fridericianum.

Erwerbungen stehen für gemeinwohlorientierten Ansatz

Die ausgewählten Werke seien von hoher inhaltlicher und künstlerischer Relevanz für die Kunst und die Arbeitsweise der documenta fifteen. "So bilden sie künftig in der städtischen Sammlung das Konzept des Kollektivs Ruangrupa ebenso ab, wie die Vielfalt der oft gemeinwohlorientierten künstlerischen Ansätze der d15", erklärte Völker in einer am Freitag verbreiteten Mitteilung.

Die Kunstwerke seien zum größten Teil über die Lumbung Gallery erworben worden, einem eigens anlässlich der Weltkunstschau gegründeten Verein, der in Form einer Kooperative die Vermarktung der Kunstwerke übernommen hat.

Damit soll Künstlerinnen und Künstlern eine faire Entlohnung zuteil werden, wobei sie 70 Prozent des Verkaufspreises erhalten. Die übrigen 30 Prozent fließen in einen "Common Pot", über den gemeinschaftlich entschieden wird und der auch die Finanzierung der Strukturen der Lumbung Gallery ermöglicht. Das sind die Neuerwerbungen im Einzelnen:

Britto Arts Project: "Rasad - Food Objects"

Paprika, die aussehen wie Handgranaten

Das Britto Arts Project wurde im Jahr 2002 als gemeinnütziges Zentrum für zeitgenössische Kunst in Dhaka, Bangladesch gegründet. Erworben wurden 218 Einzelobjekte sowie ein im Maßstab verkleinerter Nachbau des "Marktstandes", der in der documenta-Halle ausgestellt war. Die phantasievollen Gemüse-Plastiken waren einer der Publikumslieblinge.

Sebastián Diaz Morales: "Smashing Monuments"

Ein Mann schaut auf eine Leinwand, wo ein Schwarz-Weiss-Film mit einem Monster läuft

Der Künstler und Filmemacher Sebastián Diaz Morales, geboren in Argentinien, lebt und arbeitet in Amsterdam. In seinem Film treten fünf Kuratorinnen und Kuratoren von Ruangrupa in Dialog über zentrale Lumbung-Werte mit Monumenten in Jakarta. Der Film sei künstlerisch eigenständig und für die Sammlung auch als Zeugnis zentraler Haltungen der documenta fifteen wichtig, so die Stadt Kassel.

Jatiwangi art Factory: "Perhutana Family Forest Terracotta"

Eine Erdkugel aus Ziegelsteinen

Jatiwangi art Factory ist ein 2005 gegründetes Kollektiv aus Indonesien. In Jatiwangi, Indonesien, soll auf acht Hektar Wald ein Naturschutzgebiet entstehen, für das jede und jeder Landanteile mit einer Mindestgröße von vier mal vier Metern erwerben kann. Ziel ist es, den fortschreitenden Flächenverkauf - und somit das Abholzen alter Wälder - an Fabriken von Firmen wie Adidas, Puma oder H&M zu stoppen. Stattdessen soll ein kollektiver Naturwald aufgeforstet werden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand in Jatiwangi durch den Abbau von Ton die größte Ziegelindustrie Südostasiens. Hundert Jahre später, im Jahr 2005, ermutigte Jatiwangi art Factory – denselben Ton nutzend – die Bürgerinnen und Bürger, durch Kunst und kulturelle Aktivitäten ein kollektives Bewusstsein und eine gemeinsame Identität für ihre Region auszubilden. Wer sich am Landkauf beteiligt, bekommt ein Zertifikat: einen gebrannten Ziegelstein mit der Aufschrift "Perhutana Family Forest Certificate". Erworben wurden 25 Lizenzen.

Wajukuu Art Project: "Kahiu kogi gatemaga mwene“ (2022) von Ngugi Waweru

Vom kenianischen Wajukuu Art Project stammt diese Installation aus Messern auf der documenta, die eine Besucherin betrachtet.

Wajukuu Art Project ist ein Kollektiv aus Kenia. Es wurde 2004 von einer Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern mit dem Ziel gegründet, die Slums von Mukuru in der kenianischen Hauptstadt Nairobi zu einem Ort zu machen, an dem sich Kinder mithilfe von künstlerischen und kreativen Praktiken entfalten können. Weiter sollen durch die Produktion und den Verkauf von Kunstwerken Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die Arbeit "Kahiu kogi gatemaga mwene" ("Wenn ein Messer zu scharf ist, verletzt es den Besitzer") ist eine vom Publikum viel bewunderte Installation aus Küchenmessern. "Wer sie immer nachschleift, bewirkt, dass sie scharf sind, aber sie brechen schnell", erklärt der Künstler Waweru. So seien sie auch ein Symbol für Menschen in der Leistungs- und Konsumgesellschaft. Wajukuu Art Project wurde mit dem Arnold-Bode-Preis 2022 ausgezeichnet.

Atelier Goldstein: Raumpräsentation mit zwölf Arbeiten

Filigranes Flugzeug-Modell

Das Atelier Goldstein, eingeladen von Project Art Works, vertritt neurodiverse Künstlerinnen und Künstler und gehört zum Lebenshilfe Frankfurt am Main e. V. Erworben wurde die gesamte Raumpräsentation mit insgesamt zwölf Arbeiten von vier Künstlern, so wie sie im Hübner-Areal ausgestellt war. Unter ihnen sind die Flugzeugmodelle aus Pappresten von Hans Jörg Georgi.

Pınar Öğrenci: "Aşît"

Filmausschnitt: Eine Gruppe von Männern mit Spaten stapft durch eine Schnee-Landschaft

Die Künstlerin und Filmemacherin Pınar Öğrenci, geboren in der Türkei, lebt und arbeitet in Berlin. Der Film behandelt die traumatische Geschichte Ostanatoliens und thematisiert rückblickend die Überlebensstrategien von Armenierinnen und Armeniern sowie Kurdinnen und Kurden auf dem Gebiet der heutigen Osttürkei. Er stellt zudem eine Referenz an Stefans Zweigs "Schachnovelle" dar.

Richard Bell: "Gallery Hand Outs"

Farbenfrohe Gemälde in plakativen Stil an einer weißen Wand

Der Künstler und Aborigine-Aktivist Richard Bell lebt und arbeitet in Brisbane, Australien. Das Gemälde "Gallery Hand Outs" thematisiert die Komplizenschaft des westlichen Kunstsystems und des kolonialen Kapitalismus bei der Vereinnahmung von Kunst in ihre Systeme. Einer Generation von Aborigine-Aktivistinnen und -Aktivisten entstammend, setzt sich Richard Bell konsequent für eine Politik der Selbstbestimmung der Aborigines ein. Richard Bell war auf der documenta zentral vor dem Fridericianum mit der "Aboriginal Embassy" vertreten.

Amol K Patil: "Black Masks on Roller Skates"

Spotlichter in einem dunklen Raum gehen auf einzelne Objekte

Von dem indischen Konzept- und Performancekünstler wurde eine Auswahl von 13 Skulpturen, 13 Gemälden sowie ein Film erworben. Seine Arbeiten wurden im Bereich des Hübner-Areals gezeigt. Amol K Patil beschäftigt sich mit dem Kastensystem und den familiären Bindungen.

Marwa Arsanios: "Who is Afraid of Ideology? Part4 Reverse Shot"

Verschwommene Aufnahme eines Olivenhains

Die Künstlerin, Filmemacherin und Forscherin Marwa Arsanios lebt und arbeitet vor allem in der Hauptstadt des Libanon, Beirut. Der nun erworbene Film handelt von der Verteilung von Landrechten, insbesondere von der Vergemeinschaftung eines privaten Steinbruchs in den Bergen Libanons mithilfe einer landwirtschaftlichen Genossenschaft.

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