Seine Band Tocotronic schreibt seit Jahrzehnten deutsche Musikgeschichte. Nun erhält Frontmann Dirk von Lowtzow den Literaturpreis der Stadt Wiesbaden - auch für sein Buch "Aus dem Dachsbau". Im Interview spricht er über Ordnung, Literatur und Liebe.

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Dirk von Lowtzow erhält Literaturpreis der Stadt Wiesbaden

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Autor, Komponist und Frontmann der Rockband "Tocotronic": Dirk von Lowtzow erhält den Literaturpreis der Stadt Wiesbaden. Mit dem Preis ausgezeichnet werden nach Angaben der Jury Künstler, "die in ihren Werken intermedial arbeiten und Bezüge zu anderen Künsten, Medien oder Diskursen herstellen". Im hessenschau.de-Interview spricht von Lowtzow über Gefühle, die er mit Ordnung in den Griff bekommt, Indierock-Kultur und warum Songs ihn mehr quälen als Bücher.

hessenschau.de: Sie werden mit dem Literaturpreis der Stadt Wiesbaden ausgezeichnet. Was bedeutet ein solcher Preis für Sie?

Von Lowtzow: Das ist tatsächlich das erste Mal, dass ich einen Literaturpreis erhalte. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich war mit Tocotronic, mit unserer Band, im Proberaum und wir haben unser Programm zusammengestellt. Und da kam die SMS aufs Handy, dass ich diesen Preis bekomme. Das war dann schon sehr überraschend für mich und auch ein bisschen aufregend natürlich.

hessenschau.de: Sie schreiben die Songtexte für Tocotronic und haben 2019 ein Buch vorgelegt, "Aus dem Dachsbau". Es besteht aus 34 Kapiteln, nach dem Alphabet geordnet. Warum haben Sie diese Form gewählt?

Von Lowtzow: Ich bin sehr verliebt in Ordnungssysteme. Ich habe auch privat einen kleinen Ordnungszwang, mit steigendem Alter. Und als ich das Buch angefangen habe zu schreiben, war das eigentlich die Fortführung eines autobiografischen Albums, das wir mit Tocotronic gemacht haben, "Die Unendlichkeit". Das ist die Geschichte meines, unseres Lebens. Und davon ausgehend habe ich gedacht, man könnte noch ein bisschen mehr schreiben.

hessenschau.de: Worüber wollten Sie mehr schreiben?

Von Lowtzow: Besonders wichtig ist mir der frühe Tod meines Freundes Alexander. Ich wollte eigentlich mit dem Buch so eine Art späte Liebeserklärung an ihn schreiben. Und um das zu machen und um diese Gefühle zu kanalisieren, glaube ich, braucht man Ordnungssysteme. Also man braucht etwas ganz Unemotionales, um Emotionen ausdrücken zu können. Und so war mir dieses Alphabet eine Hilfe, um näher zu mir vorzudringen.

Die Band Tocotronic steht in einem Durchgang eines Music-Clubs, an den Wänden hängen Bandplakate und kleben Aufkleber

hessenschau.de: Alles, was in dem Buch vorkommt, kommt ja auch schon seit Jahrzehnten irgendwie in den Songtexten vor. Dann war das Buch der nächste logische Schritt?

Von Lowtzow: Ja, genau. Und irgendwie hängt ja vielleicht nicht immer alles mit allem zusammen, aber vieles ein bisschen miteinander. Ich habe das Gefühl, dass Songschreiben oder literarische Texte schreiben immer ein fortlaufender Prozess ist, man schreibt daran immer ein bisschen weiter, egal in welchem Format.

hessenschau.de: Wie wichtig ist das Schreiben für Sie persönlich? Hat es vielleicht auch so eine Ordnungsfunktion für Sie?

Von Lowtzow: Ja, ich glaube schon. Ich schreibe eigentlich ständig irgendwas auf und mache mir Notizen. Die versuche ich dann für mich zu ordnen. Dieses tägliche Sudoku oder Tetris oder wie man es nennen mag, was so im Kopf stattfindet, das ist eine Voraussetzung, um überhaupt kreativ tätig zu sein. Also man kennt das ja: Bevor man anfängt, etwas zu arbeiten, muss man manchmal erst prokrastinieren und den Schreibtisch aufräumen. Und so geht mir das im Kopf fast täglich.

hessenschau.de: Wie unterschiedlich befriedigend sind denn die verschiedenen Genres beim Schreiben?

Von Lowtzow: Das ist eine gute Frage. Ich finde es beides sehr befriedigend. Aber einen Song zu schreiben, ist eine ganz andere Arbeitsweise. Da entstehen dann Musik und Text gleichzeitig. Man hat sofort ein Instrument zur Hand und versucht, das zu vertonen. Und wenn man einen Song geschrieben hat, dann begleitet einen das oft den ganzen Tag: Man schreibt den Song und dann fängt man wieder an zu prokrastinieren und geht in den Supermarkt oder putzt oder so. Und dabei hat man immer dieses Lied im Kopf. Das kann eine sehr, sehr schöne Erfahrung sein und sehr befriedigend. Das kann aber auch sehr quälend sein, besonders wenn das Ergebnis noch nicht so befriedigend ist. Es kann einen bis in den Schlaf verfolgen.

hessenschau.de: Bei Tocotronic sind Sie alleine für die Texte zuständig? Oder gibt es da ein Teamwork?

Von Lowtzow: Wenn man in einer Band arbeitet, ist es immer ein Teamwork, ist man immer auch ein Kollektiv. Und natürlich gibt es dann Mitspracherecht an den Texten und es gibt auch Gedanken meiner Bandkollegen, die in die Texte einfließen. Aber oft sehe ich mich tatsächlich als jemanden, der ganz dezidiert für diese Band die Texte schreibt. Und das mache ich schon weitestgehend allein. Aber ich finde nichts schlimmer, als wenn man sich als Autor oder Autorin nicht in seine Texte reinreden lassen will. Ich finde, man muss sich immer reinreden lassen, weil sonst überhaupt nichts Interessantes entstehen kann. Sonst kreist man nur um sich selbst.

Tocotronic auf der Bühne

hessenschau.de:  Für wen schreiben Sie? Haben Sie jemanden im Kopf, oder eher nicht?

Von Lowtzow: Ich komme aus einer Generation von Musikern oder Autorinnen, die nicht so dezidiert für ein Publikum schreiben. Das hat aber mit meiner musikalischen Prägung aus den 1980er- und frühen 1990er-Jahren zu tun. Da gab es oft eine fast vom Publikum abgewandte Haltung. Stichwort Indierock-Kultur – wo es einem als Band fast peinlich war, wenn man zu erfolgreich war. Letztlich mache ich das, was ich mache, und kann es eh nicht ändern. Es kommt in dem Augenblick so raus, wie es eben ist, und dann wird es geordnet und gefiltert oder in Songsysteme verpackt oder arrangiert. Ich kann mir nicht überlegen, was das in den jeweiligen Personen auslösen könnte, da hätte ich immer das Gefühl, es würde mich korrumpieren.

hessenschau.de: Sie sprechen vom Angebot an die Hörenden. Aber gibt es denn vielleicht auch noch mehr Angebote an die Lesenden? Also vielleicht einen Roman?

Von Lowtzow: Ja, es wird jetzt im nächsten Frühjahr ein neues Buch rauskommen und dieses Buch ist wieder ein Ordnungssystem. Es ist das Ordnungssystem des Tagebuchs. Es ist aber nur auf den ersten Blick ein Tagebuch. Das verwandelt sich dann nach und nach in eine Form, die man durchaus auch als romanhaft beschreiben kann. Auch wenn ich nicht Roman auf das Cover schreiben würde, weil meine eigene Romandefinition zu eng wäre. Es muss auch nicht immer alles ein Roman sein.

hessenschau.de: Wollen Sie ein bisschen vom Thema dieses Buches erzählen?

Von Lowtzow: Ne, das ist jetzt doch ein bisschen verfrüht.

hesssenschau.de: Tocotronic ist ja zurzeit auf Tour, aber sie haben ja einige Konzerte auch abgesagt. Liegt das noch an Corona, oder was ist da los?

Von Lowtzow: Na ja, das ist zurzeit eine sehr, sehr schwierige Zeit für Musiker:innen, weil es gerade sehr, sehr viele Konzerte gibt und große Teile des Publikums auch immer noch die nicht ganz unberechtigte Angst haben, sich bei Rockkonzerten mit Covid anzustecken. Dazu kommen Inflation und andere Krisen und auch eine grundsätzlich gedrückte Stimmung. Das führt dazu, dass sehr viele Konzerte auch vieler Kolleg:innen nicht gut besucht sind und sich dann manche Konzerte überhaupt nicht mehr rechnen. Und dann ist es manchmal besser, man sagt es ab. Das ist eine sehr bittere Wahrheit, und das ist eine Folge dieser sehr lang anhaltenden Krisensituation.

hessenschau.de: Wenn Sie die die Zukunft von Tocotronic skizzieren würden, wie sieht die aus? Was gibt es für Pläne?

Von Lowtzow: Das kann ich jetzt noch nicht sagen, weil wir nicht so weit in die Zukunft blicken. Wir spielen jetzt im November noch mal acht Konzerte, da liefen die Vorverkäufe sehr, sehr gut. Das sind auch Konzerte, die vom März und April verschoben wurden. Und dann geht dieses tumultuöse Jahr für uns zu Ende. Und dann sehen wir mal weiter, was passiert.

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Dirk von Lowtzow

Dirk von Lowtzow wurde 1971 in Offenburg geboren und gründete 1993 gemeinsam mit zwei Kommilitonen die Band "Tocotronic". Bereits mit dem ersten Album "Digital ist besser" (1995) gelang der Durchbruch, bis heute erschienen 12 weitere Alben. Er komponiert zudem Theater- und Filmmusiken und interpretiert literarische Texte für Hörbücher. 2019 erschien sein autobiografisches Buch "Aus dem Dachsbau".

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Das Gespräch führte Katrin Kimpel.

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