Größtes Archiv zu NS-Opfern Kanzlei untersucht Vorwürfe gegen Führung von Arolsen Archives

Eine Kanzlei soll die schweren Anschuldigungen gegen die Leitung der Arolsen Archives untersuchen. Mitarbeitende beklagen laut eines ARD-Berichts unter anderem Mobbing und Sexismus.

Blick in das Archiv der Arolsen Archives: Im Vordergrund liegen graue Kartons mit Unterlagen, fein säuberlich beschriftet. Im Hintergrund sieht man eine grauhaarige Frau zwischen hohen Regalen.
Das Archiv der Arolsen Archives ist zum größten Teil digitalisiert, dennoch lagern hier unzählige Unterlagen. Bild © Antonia Haberberger (hr)
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Nach anonym erhobenen Vorwürfen gegen die Führung des internationalen Zentrums zur NS-Verfolgung Arolsen Archives soll eine unabhängige Stelle den Sachverhalt aufklären. Der Internationale Ausschuss (IA) als Leitungsgremium des weltweit größten Archivs zu NS-Opfern mit Sitz in Bad Arolsen (Waldeck-Frankenberg) beauftragte eine Rechtsanwaltskanzlei, wie eine Sprecherin des Archivs am Mittwochabend mitteilte. "Bis zum 5. Juni 2023 können sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Rahmen äußern." Die Direktion sei gehalten, nicht zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, bis die laufende Untersuchung abgeschlossen sei.

Laut ARD-Magazin Kontraste (Donnerstag, 21.45 Uhr im Ersten) werfen 25 ehemalige und aktuelle Mitarbeitende der Führung Mobbing, Machtmissbrauch und Sexismus vor. Die Vorwürfe gegen Direktorin Floriane Azoulay und deren Stellvertreter waren anonym von einem Rechtsanwalt in einem Dossier zusammengetragen worden, das der ARD vorliegt.

Floriane Azoulay, Arolsen Archives
Floriane Azoulay, Arolsen Archives Bild © Arolsen Archives

Demnach sollen Mitarbeitende isoliert worden sein, wenn sie bei der Direktion einmal in Ungnade gefallen waren. Betroffene berichten von dauerhaften Angstzuständen und Panikattacken.

Claudia Roth um Vermittlung gebeten

Man nehme die Vorwürfe sehr ernst, erklärte die Sprecherin der Arolsen Archives. Am 7. März habe man von einem Brief erfahren, den sowohl der Internationale Ausschuss als auch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Claudia Roth (Grüne), erhalten hätten. Dem Kontraste-Bericht zufolge hatten sich der Anwalt und die Betroffenen an Roth gewandt, damit diese vermittelnd tätig werde.

Die Arolsen Archives werden von dem Internationalen Ausschuss verwaltet und finanziert aus dem Haushalt der Kulturbeauftragten der Bundesregierung. Laut Kontraste beauftragte Roth den Internationalen Ausschuss damit, eine Anwaltskanzlei für die Untersuchung einzusetzen. "Auf Grundlage des Abschlussberichts und etwaiger Zwischenberichte der Kanzlei wird der Internationale Ausschuss über mögliche arbeitsrechtliche Konsequenzen während und nach der Untersuchung beraten und diese wenn nötig beschließen", sagte ein Sprecher Roths zu Kontraste.

Antisemitismusbeauftragter: Schaden abwenden

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, forderte eine umgehende Aufklärung. Die Vorwürfe wögen schwer, sagte Klein dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Es gelte, Schaden von einer hochangesehenen Institution abzuwenden, die auf nationaler und internationaler Ebene wichtige Arbeit in der Erinnerungskultur und im Kampf gegen Antisemitismus leiste.

Auch Bundestagsabgeordnete von Union und SPD forderten Konsequenzen. Es sei von größter Bedeutung, dass solche staatlich unterstützten Kultureinrichtungen klare Richtlinien zur Prävention und Bekämpfung von Machtmissbrauch einhielten, sagte der kulturpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Helge Lindh, dem RND. Darüber hinaus bedürfe es einer langfristigen Vertrauensstelle als "Frühwarnsystem für die Mitarbeitenden des Archivs".

Die CDU-Kulturpolitikerin Christiane Schenderlein forderte, das Arbeitsverhältnis der Direktorin müsse mit sofortiger Wirkung so lange ruhen, bis die Vorwürfe aufgeklärt seien: "Die eingeleitete Untersuchung muss angesichts der geschilderten Dramatik nach zwei Monaten auch Ergebnisse liefern. Der Schwebezustand ist unhaltbar."

Arolsen Archives bewahren persönliche Gegenstände auf

Die Arolsen Archives, früher bekannt als Internationaler Suchdienst (ITS), bewahren persönliche Gegenstände von in Konzentrationslager verschleppten Menschen auf. Mit Freiwilligen sucht das Zentrum nach den Familien der Opfer, um die gestohlenen Erinnerungsstücke zurückzugeben. Zudem ist es das weltweit umfassendste Archiv mit Hinweisen zu 17,5 Millionen Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus.

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Sendung: hr4, Britta am Vormittag, 25.05.2023, 12.15 Uhr

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Quelle: hessenschau.de/Meliha Verderber, dpa/lhe