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Die größten documenta-Momente von Beuys bis Ruangrupa

Seit 1955 findet die bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst in Kassel statt. Seitdem ist viel passiert - Skurriles, Skandalöses und Bewegendes. Ein Blick zurück auf die Highlights aus fast 70 Jahren documenta.

Zarenkrone bis Basaltstelen - Beuys als Provokateur

Zwischen 1964 und 1982 sorgte der Aktionskünstler Joseph Beuys immer wieder für Aufregung auf der documenta. Zum Beispiel 1977 mit seiner Honigpumpe, einer Installation aus Leitungsrohren, durch die Honig floss. Oder 1982, als er eine Kopie der Zarenkrone von Iwan dem Schrecklichen einschmelzen und aus dem Gold einen sogenannten Friedenshasen und eine kleine Sonne gießen ließ.

Beuys wollte damit ein Zeichen gegen Dekadenz und die kapitalistische Wohlstandsgesellschaft setzen. Bei den Zuschauenden auf dem Kasseler Friedrichsplatz kam die Aktion weniger gut an: Einige warfen aus Protest sogar mit Eiern.

Das Kunstwerk wurde nach der documenta an den Kunstsammler Josef W. Fröhlich verkauft und steht heute in der Stuttgarter Staatsgalerie. Der Erlös finanzierte ein weiteres Projekt von Beuys: "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung". Ab 1982 ließ er in einer umfangreichen Pflanzaktion 7.000 Bäume, hauptsächlich Eichen, in ganz Kassel pflanzen.

Spaziergänger auf einer Allee aus Beuys-Bäumen in Kassel

Zudem ließ er 7.000 Basaltstelen auf dem Friedrichsplatz auftürmen - eine Stele für jeden Baum. Immer, wenn ein Baum gepflanzt wurde, wurde auch ein Stein entfernt und neben dem Setzling aufgestellt. Der Platz leerte sich aber nur langsam. Erst fünf Jahre später, zur documenta 8 im Jahr 1987 und ein Jahr nach dem Tod des Künstlers, pflanzte Beuys' Sohn Wenzel schließlich den letzten Baum. Die Baum-Stein-Paare prägen bis heute das Kasseler Stadtbild.

Der vertikale Erdkilometer: Kunst oder nur ein Loch im Boden?

Apropos Friedrichsplatz: Ihn nutzte auch der US-amerikanische Konzeptkünstler Walter De Maria im Jahr 1977, als er für die documenta 6 einen ein Kilometer langen Messingstab vertikal in Richtung Erdmittelpunkt versenken ließ. Dafür wurde ein Bohrturm auf dem Platz aufgebaut und unter Aufsicht eines Geologieprofessors in die Erde gebohrt.

Nicht nur in Kassel, sondern auch überregional gab es Proteste gegen das Kunstwerk. Für Gegner war die Aktion eine Verschandelung des Friedrichsplatzes, unter anderem wegen des Bohrturms und der damit verbundenen Lärmbelästigung.

Der Schatten einer Hand greift auf dem Kasseler Friedrichsplatz nach dem "Vertikalen Erdkilometer" des US-amerikanischen Künstlers Walter de Maria

Und noch ein Problem hat der Erdkilometer: Man sieht ihn nicht - schließlich steckt er tief in der Erde. Vom Platz aus ist nur die runde Scheibe zu sehen, die das obere Ende des Stabs markiert. Immerhin macht eine quadratische Sandsteinplatte drumherum darauf aufmerksam, was da unter der Erde liegt.

Diese Treppe führte nirgendwohin - außer zu Diskussionen

Bereits 1989, drei Jahre vor der documenta 9, schrieb die Stadt Kassel einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Königsplatzes aus. Der Landschaftskünstler Gustav Lange setzte sich durch mit seinem Entwurf einer elf Meter hohen und 32 Meter breiten hölzernen Treppe. Oben angekommen, wartete - nichts. So kam das Kunstwerk auch zu seinem Namen: "Die Treppe ins Nichts".

Die 1,1 Millionen D-Mark teure Treppe war schon vor ihrem Bau umstritten, die Kasseler Bürger konnten sich nie für sie erwärmen. Die Stadt wollte sie deswegen schon bald wieder loswerden. Künstler Lange wehrte sich viele Jahre dagegen und pochte auf sein Urheberrecht.

Eine Straßenbahn hält am Freitag (18.08.2000) unter der so genannten Kasseler Treppe auf dem zentral gelegenen Königsplatz. Die linke Seite der Holztreppe sieht aus wie eine Brücke, rechts endet sie aber auf einer Plattform.

2000 setzte sich die Stadt schließlich vor Gericht durch - und ließ die Treppe in einer Nacht- und Nebelaktion abreißen, noch bevor das Urteil rechtskräftig war. Damit riskierten sie ein Ordnungsgeld von 204.500 Euro. Der damalige Oberbürgermeister Georg Lewandowski (CDU), der Rechtsdezernent und der Baudezernent Kassels wurden schließlich wegen Untreue angeklagt und mussten insgesamt 42.000 Euro Strafe zahlen.

Völkerverständigung mittels Socken

Kassel und Catherine David - das blieb bis zuletzt eine schwierige Beziehung. Als erste Frau überhaupt kuratierte die Französin 1997 die documenta 10. Immer wieder schimpfte sie über Kassel und seine - in ihren Augen - fehlende kulturelle Tradition und nannte die Stadt provinziell. Als Beispiel dafür herhalten mussten die Vitrinen eines Sockengeschäfts in einer Unterführung zwischen Hauptbahnhof und Treppenviertel.

Aus Protest gegen die documenta-Chefin riefen zwei Kasseler schließlich die "Sockumenta X" aus und ergänzten das documenta-Logo um eine durchgestrichene Socke. David entschuldigte sich später für ihre Aussage.

Lothar Schluckebier sitzt am Montag (14.03.2005) in seinem Sockenladen in einer Kasseler Unterführung und beobachtet vorbeigehende Passanten.

Die schwebende Wurst

Es war ein spektakuläres Kunstwerk - und ein holpriger Weg dorthin. 1968, noch lange vor seiner Reichstags-Verhüllung, wollte der bulgarische Künstler Christo zur documenta 4 eine Plastik mit dem Namen "5.600-Kubikmeter-Paket" in den Kasseler Himmel schicken. Dazu presste er Luft in einen Kunststoffschlauch.

Es hakte aber immer wieder: Die Plastikwurst platzte mehrfach und sackte in sich zusammen. Schließlich war es eine regionale Firma, die die passende Umverpackung liefern konnte. Im vierten Versuch schickte Christo seinen Ballon mit Unterstützung von Feuerwehr und der britischen Rheinarmee schließlich 85 Meter in die Höhe.

Das Schwarzweiß-Foto zeigt weit entfernte Menschen auf einem Feld. Hinter ihnen wird eine weiße Plastikhülle aufgeblasen.

Vom 3. August bis zum 26. Oktober schwebte das Kunstwerk über der Karlswiese. Die Kasseler Bevölkerung hatte schnell ein paar Spitznamen parat: von "Auespargel" über "documenta-Wurst" bis hin zur "Monster-Zigarre" war alles dabei.

Zerstört und doch unkaputtbar: Ai Weiweis Holzturm

Mit den Elementen haderte auch der chinesische Künstler Ai Weiwei 2007 - aber nur kurz. Zur documenta 12 ließ er einen vierstöckigen Turm aus Resten von chinesischen Holzhäusern an der Karlsaue bauen. Es war sein Kommentar zum Bauboom in China, dem die traditionellen Häuser zum Opfer fielen. Wenige Tage nach der Eröffnung aber brachte ein Unwetter den zwölf Meter hohen Turm zum Einsturz.

Weiwei sprach sich schnell gegen einen Wiederaufbau aus. "Das ist alles ein Produkt der Natur, sogar ich bin das", sagte der Chinese. Sein Werk sei dadurch sogar besser als vorher. Und auch der damalige documenta-Chef Roger Buergel sah darin einen Vorteil: Die Trümmer ließen Raum für Assoziationen zu - genau das wolle man mit Kunst erreichen.

Highlights aus 60 Jahren documenta

Griechisches Weltwunder in Kassel

Die letzte documenta 14 wollte politisch sein wie nie, scheiterte aber letztlich an den eigenen Ansprüchen. Ein Kunstwerk von 2017 blieb aber nachhaltig im Gedächtnis: Die argentinische Künstlerin Marta Minujin platzierte einen maßstabsgetreuen Nachbau des Athener Parthenon-Tempels aus Metall auf den Friedrichsplatz. Aus der Ferne wirkte der "Parthenon of Books", als sei er mit glitzernden Steinchen behangen. Tatsächlich waren es aber ehemals oder aktuell verbotene Bücher. Ein Hingucker - und ein Publikumsliebling: Viele brachten selber ihre Bücher nach Kassel.

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documenta 15

Die documenta ist die weltweit bedeutendste Ausstellungen für zeitgenössische Kunst und findet alle fünf Jahre in Kassel statt. In diesem Jahr kuratiert das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa die Schau. Es stellt nicht einzelne Werke, sondern das Miteinander, Gespräche und Begegnungen in den Vordergrund. Die 15. Ausgabe beginnt am 18. Juni und geht bis 25. September.

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