Pflanzen stehen am Ufer des Teufelsees im hessischen Wetteraukreis.

Der Tatverdächtige im Fall Ayleen stand bis Anfang des Jahres unter Führungsaufsicht. Danach sollte er in ein Programm für Intensivtäter übernommen werden. Doch tatsächlich geschah das nicht sofort - knapp vier Monate wurde der mutmaßliche Mörder von Ayleen nicht überwacht.

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Fall Ayleen – Abstimmungsproblem bei Behörden?

hessenschau vom 11.08.2022
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Der vorbestrafte Tatverdächtige im Fall Ayleen stand zeitweise nicht unter besonderer Beobachtung der hessischen Polizei. Das hat der hr aus Ermittlerkreisen erfahren. Demnach gab es keinen nahtlosen Übergang von der auslaufenden Führungsaufsicht des 29 Jahre alten Mannes aus Waldsoms (Lahn-Dill) ab dem 25. Januar 2022 in das Nachfolge-Programm der hessischen Polizei für Mehrfach- und Intensivtäter (MIT).

Grund dafür könnten Abspracheprobleme zwischen den Behörden gewesen sein. Nach dem Ende der Führungsaufsicht im Januar ist der Verdächtige im Fall Ayleen laut Oberstaatsanwalt Manuel Jung am 19. Mai als Mehrfachintensivtäter eingestuft worden - wegen niederschwelliger Verkehrs- und Diebstahlsdelikte. Es seien neun Anklagen gegen ihn gebündelt worden, bereits am 8. August hätte gegen ihn verhandelt werden sollen. Der Tatverdächtige stand somit knapp vier Monate nicht unter besonderer Aufsicht.

Tatverdächtiger seit 2017 unter besonderer Beobachtung

Der Beschuldigte, der bereits als Jugendlicher wegen eines versuchten Sexualdelikts an einer Elfjährigen in ein psychiatrisches Krankenhaus gekommen war, stand seit seiner Entlassung 2017 unter besonderer Beobachtung durch die Behörden, einer sogenannten Führungsaufsicht.

In dieser Zeit musste sich der 29-Jährige laut dem Landgericht Limburg unter anderem bei der Fachambulanz der forensischen Psychiatrie in Behandlung begeben und regelmäßig ihm verordnete Medikamente einnehmen. Demnach durfte er auch seinen Wohnsitz nicht ohne Absprache mit dem Gericht und der Fachambulanz wechseln.

Das Gericht wies ihn zudem an, alle Arten von Rauschmitteln zu meiden und sich um eine gesetzliche Betreuung zu bemühen. "Weisungen in Bezug auf Aktivitäten im Internet" seien aber nicht erteilt worden, teilte ein Sprecher des Landgerichts dem hr mit.

Kriminologe: Überwachung der Online-Aktivitäten schwierig

Dem Landgericht Limburg zufolge beaufsichtigte die Bewährungshilfe, ob der 29-Jährige seine Auflagen während der Führungsaufsicht erfüllte. Auch das hessische LKA beobachtete ihn im Rahmen des sogenannten ZÜRS-Programms zur Überwachung rückfallgefährdeter Sexualstraftäter. Aktivitäten im Digitalen seien grundsätzlich aber nur schwer zu kontrollieren, erläutert der Strafrechtler und Kriminologe Jörg Kinzig.

Man könne Personen im Rahmen der Führungsaufsicht zwar untersagen, sich einer bestimmten Personengruppe - etwa Kindern - zu nähern oder den Besitz von bestimmten Gegenständen, beispielsweise eines Smartphones, verbieten. Die Maßnahme sei aber keine Rundumüberwachung, sondern in erster Linie ein präventives Mittel, erklärt Kinzig: Einerseits wolle man dadurch die Wiedereingliederung ehemaliger Straftäter begleiten, andererseits zukünftige Straftaten verhindern.

"Man muss sich von der Darstellung verabschieden, dass da eine Person neben dem Straftäter sitzt und immer schaut, was er macht", so Kinzig. "Es wird trotz aller Bemühungen immer darum gehen, eine begrenzte Sicherheit herzustellen."

Führungsaufsicht endete regulär nach fünf Jahren

Im Falle des 29 Jahre alten Tatverdächtigen wollte das Amtsgericht Wetzlar eine zunächst auf drei Jahre begrenzte Führungsaufsicht im Januar 2020 auf unbefristete Zeit verlängern. Dagegen legte der 29-Jährige Beschwerde ein und bekam Recht. Die Aufsicht wurde um zwei Jahre verlängert.

Es habe daraufhin keinen neuen Versuch gegeben, sie noch einmal zu verlängern, teilte das Gericht mit. Das Verhalten des Tatverdächtigen habe dazu keinen Anlass gegeben. Er sei in dieser Zeit ausschließlich wegen Diebstahls und mit Verkehrsdelikten aufgefallen.

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Neue Details zum mutmaßlichen Mörder von Ayleen

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Der ehemalige Polizist und frühere Vorsitzende des hessischen Landesverbands der Hilfsorganisation Weißer Ring, Horst Cerny, hält die Aufhebung der Führungsaufsicht für einen Fehler. "Wenn die Führungsaufsicht einfach endet, weil ein Ladendiebstahl oder ein Rauschgiftdelikt nicht ausreichen, um sie zu verlängern, kann ich nur den Kopf schütteln."

Erster Kontakt oftmals über Social Media

Tatsächlich hat der Tatverdächtige offenbar schon während der Führungsaufsicht, aber auch danach Kontakt zu jungen Mädchen gesucht. Eine Anfang 20 Jahre alte Frau aus Wetzlar schilderte dem hr, er habe vor fünf Jahren mehrfach versucht, sie und ihre Schwester über die App Snapchat zu kontaktieren. Außerdem habe er versucht, sie gegen ihren Willen zu küssen.

Wie die Staatsanwaltschaft Wetzlar am Mittwoch mitteilte, sind dort mehrere Fälle sexueller Belästigung gegen den 29-Jährigen anhängig. Demnach soll er im Frühjahr zwei 14-Jährige in öffentlichen Verkehrsmitteln unsittlich berührt haben. Zuvor hatte die FAZ berichtet. Bereits bekannt ist, dass der Tatverdächtige Ende April 2022 eine 17-Jährige auf einem Fest in Rosbach vor der Höhe (Wetterau) belästigt haben soll - also wenige Wochen bevor die 14-jährige Ayleen verschwand.

Die 14 Jahre alte Ayleen war am Abend des 21. Juli in ihrem Heimatort Gottenheim bei Freiburg verschwunden, Ende vergangener Woche entdeckte die Polizei ihre Leiche im Teufelsee bei Echzell (Wetterau). Der Tatverdächtige und das Mädchen kannten sich aus Chats in sozialen Netzwerken.

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