Polizisten gehen unter dem Schriftzug "Oberlandgericht Frankuft am Main" auf dem Gelände der Notbehilfshalle in der Außenstelle Sossenheim des Oberlandesgericht Frankfurt.

Im Prozess gegen die mutmaßliche Reichsbürger-Truppe um Prinz Reuß hat der Angeklagte Peter W. ausgesagt. Ihm wird die militärische Planung für einen gewaltsamen Umsturz in Deutschland vorgeworfen.

Mit der Aussage eines der neun Angeklagten zu seinen persönlichen Verhältnissen ist am Donnerstag der Prozess gegen die mutmaßliche Reichsbürger-Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß vor dem Frankfurter Oberlandesgericht fortgesetzt worden.

Am Nachmittag gab der Angeklagte Peter W. Auskunft über seinen persönlichen und beruflichen Werdegang. W. gehörte in den 90er-Jahren acht Jahre lang als Berufssoldat der Bundeswehr an und verließ diese 1998 im Rang eines Leutnants. Kommandant des Fallschirmjägerbataillons, dem er angehörte, war der Mitangeklagte Rüdiger von P. Zwischenzeitlich war W. auch im Stab des Kommandos Spezialkräfte (KSK) eingesetzt.

SEK durchsuchte Geschäftsräume

Während seiner Bundeswehrzeit habe er unter anderem eine Einzelkämpferausbildung erhalten, gab W. zu Protokoll. Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr habe er mehrere Jahre als Verkaufsleiter im Medienbereich gearbeitet.

Ab 2009 habe er sich beruflich neu orientiert und unter anderem Überlebenstrainings sowie Kurse in Notfallmedizin oder zur "Flucht aus Ballungsräumen in Krisensituationen" angeboten. Zudem betrieb er über mehrere Jahre einen Online-Shop für Outdoor-Ausrüstung.

Diese Tätigkeiten hätten jedoch "ein jähes Ende" gefunden, nachdem sein Seminar- und Geschäftsräume in Thüringen im Rahmen eines SEK-Einsatzes 2017 durchsucht worden seien. Diese standen im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen die sogenannte "Europäische Aktion" - einem Zusammenschluss von Holocaustleugnern, der vom Verfassungsschutz dem Reichsbürger-Spektrum zugeordnet wurde.

"Ich hatte bis dahin noch nie etwas von einer Europäischen Aktion gehört", betonte W. am Donnerstag. Anlass für die Durchsuchung sei die Teilnahme von Mitgliedern der Vereinigung an einem seiner Kurse gewesen. Seine Survival-Trainings habe er im Anschluss bis zu seiner Festnahme an seinem Wohnort in der Rhön angeboten.

Dennoch: W. stand seinen Angaben zufolge zwischenzeitlich vor einem Schuldenberg, musste sein Haus verkaufen, wurde ein zweites Mal geschieden und verlor den Kontakt zu seinen Kindern. In einer "Findungsphase" begann er ein "naturnahes Leben" mit einem Wolfshund: "Da begann die Wolfszeit." Der enge Kontakt mit Tieren habe bei ihm zu einer "spirituellen Wandlung" geführt. Die Haft mache ihm nichts aus: "Ich bin froh, wenn ich meine Ruhe habe." 

W. soll auf Youtube Machtübernahme angekündigt haben

Die Anklage wirft Peter W. vor, zu den Gründern der sogenannten "Patriotischen Union" gehört zu haben. Der Zusammenschluss um den Hauptangeklagten Prinz Reuß soll - angetrieben von Verschwörungstheorien über ein geheimes pädophiles Netzwerk - den gewaltsamen Umsturz der staatlichen Ordnung in der Bundesrepublik vorbereitet haben. Unter anderem soll geplant gewesen sein, den Reichstag in Berlin zu stürmen und Geiseln zu nehmen.

Peter W. soll dabei eine prominente Rolle im militärischen Arm der "Patriotischen Union" gespielt haben. Unter anderem wird ihm vorgeworfen, das Reichstagsgebäude ausgespäht und Schießtrainings organisiert zu haben. Dabei soll er als "Adjutant" seinem früheren Vorgesetzten Rüdiger von P. unterstanden haben.

Bereits 2021 soll W. in einem Youtube-Video angekündigt haben, dass ein vom Militär gestützter Rat die Macht in Deutschland übernehmen werde.

Sein Anwalt kündigte an, dass sich W. nicht zu den Tatvorwürfen äußern werde.

Rückkehr aus dem brasilianischen Exil

Vor W.s Aussage waren bereits mehrere Polizeibeamte zu Erkenntnissen über die persönlichen Verhältnisse des Angeklagten Rüdiger von P. vernommen worden. Der 73 Jahre alte Oberstleutnant a.D. soll den militärischen Arm der Bewegung geleitet haben.

Rüdiger von P. war zwischenzeitlich nach Brasilien ausgewandert, soll jedoch nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft von seinen Mitverschwörern zu einer Rückkehr nach Deutschland überredet worden sein, um den geplanten Umsturz zu unterstützen.

Am Dienstag und Donnerstag berichteten eine Beamtin und ein Beamter von der Durchsuchung des Hauses der Tochter des Angeklagten, wo dieser zum Zeitpunkt seiner Verhaftung wohnte. Unter anderem seien dort "Blankobescheinigungen für 'Covid negativ' gefunden worden. Zudem sei ein Schaubild mit dem Titel "The Great Awakening Map" sichergestellt worden, das die Beamten dem verschwörungsmythologischen Spektrum zuordneten. Von P.s Verteidiger wiesen darauf hin, dass nicht erwiesen sei, dass die Grafik der Weltanschauung ihres Mandanten entspricht.

Verteidiger beklagen "entwürdigende Behandlung"

Nach Vitalia B., der Lebensgefährtin von Prinz Reuß, ist Peter W. erst der zweite Angeklagte, der sich in dem seit vier Wochen laufenden Prozess selbst äußerst. Weitere Angeklagte - darunter auch Prinz Reuß selbst - haben jedoch angekündigt, sich zumindest zu ihren persönlichen Verhältnissen im Laufe der Hauptverhandlung äußern zu wollen.

Mehrere Verteidiger beklagten derweil den Umgang des Wachpersonals mit den Angeklagten. So müssten sich diese bei An- und Abtransport zum provisorischen Gerichtssaal in Frankfurt-Sossenheim regelmäßig entkleiden und entwürdigenden Kontrollen von Körperöffnungen unterziehen lassen - ohne dass ein konkreter Anlass gegeben sei. Das Staatsschutzsenat unter Vorsitz von Richter Jürgen Bonk kündigte daraufhin an, für Abhilfe zu sorgen.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 18. Juni, fortgesetzt.

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