Bauingenieur im Interview Warum die Bergung des Kirchendaches in Kassel so schwierig ist

Vor zwei Wochen ist das Dach der Kasseler Elisabethkirche eingestürzt. Seitdem hängt es im Inneren des Gebäudes mehr oder weniger wie am seidenen Faden. Was die Arbeiten so schwierig macht und welche Gründe für das Unglück vermutet werden, erklärt der zuständige Ingenieur.

Elisabethkirche
Das Kirchendach liegt im Inneren der Kirche - aber nicht überall auf. Bild © hr/Fabian Schmidt
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Elisabethkirche – Gemeinde muss umziehen | hessenschau vom 18.11.2023

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Bild © hessenschau.de
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Vor gut zwei Wochen ist das Dach der Elisabethkirche in Kassel eingestürzt. Es liegt seitdem im Innenraum der Kirche. Damit die Orgel und wertvolle Tischbein-Gemälde geschützt sind, soll der vordere Teil mit einem provisorischen Dach geschützt werden. Doch das ist gar nicht so einfach, wie Bauingenieur Ulrich Huster erklärt.

Er ist Geschäftsführer von HAZ, einem Ingenieurbüro, das sich vor allem um denkmalgeschützte Bauwerke und Tragkonstruktionen kümmert. Huster erklärt, warum er den verwendeten Leim für die Ursache hält, warum das eingestürzte Dach immer noch gefährlich ist und wie es jetzt weitergeht.

hessenschau.de: Was genau ist in der Elisabethkirche passiert?

Ulrich Huster: Das Dach ist ohne eine erkennbare äußere Zusatzbelastung, wie beispielsweise ein halber Meter Schnee, eingestürzt. Das macht die Sache sehr ungewöhnlich. Das Dach besteht aus geleimten Holzträgern, die im Abstand von 1,30 Metern über dem gesamten Kirchenschiff hintereinander auf der Mauerkrone auflagen.

Diese Träger sind im Firstbereich (im Bereich der oberen Dachkante, d. Red.) gebrochen, vermutlich ausgehend von der Gebäudemitte zu den Giebelwänden. Erst haben sich offenbar Leimverbindungen gelöst. Dann ist das ganze Dach in den Kirchenraum gestürzt. Es liegt genau so im Innenraum der Kirche und ist in einem sehr labilen Zustand. Kleinste Veränderungen können dazu führen, dass die Reste weiter nachgeben und auf den Fußboden abstürzen.

Elisabethkirche
Eine Kamerafrau des hr im Inneren der Kirche. Bild © hr/Fabian Schmidt

hessenschau.de: Was wird jetzt geprüft?

Huster: Wir lassen parallel verschiedene Untersuchungen laufen. Die Tragkonstruktion besteht aus sogenannten geleimten Kämpf-Stegträgern aus den 1950er/1960er Jahren. Diese Kämpf-Stegträger sind oft mit Leimen verbunden, die unter bestimmten Randbedingungen nicht dauerhaft sind.

Die Kämpf-Stegträger sind über sogenannte Keilzinkenverbindungen gefügt. Wir können erkennen, dass der Bruch in diesen Keilzinkenverbindungen stattgefunden hat. Warum das so war, wissen wir noch nicht. Dazu laufen gerade Untersuchungen des Leimes.

hessenschau.de: Welche Rolle spielt das Alter des Kirchendaches?

Huster: Das Dach ist ungefähr 60 Jahre alt. Die Art der Konstruktion war damals in der Nachkriegszeit sehr modern, weil sie sehr materialschonend war. Im Laufe der 60 Jahre haben sich die Bemessungsregeln für diese Träger verändert.

Man hat damals nach bestem Wissen und Gewissen gebaut. Heute wissen wir, dass ein Träger, der im First geknickt ist, zusätzlichen Last- und Spannungskomponenten ausgesetzt ist, von denen man damals noch nichts wusste.

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Bauingenieur Ulrich Huster vor der Elisabethkirche. Bild © hr/Fabian Schmidt

Normalerweise übernehmen die Nachbarträger diese Zusatzlast, wenn einer der Träger kollabiert – aus welchen Gründen auch immer. Dass die Träger wie Dominosteine komplett kollabiert sind, spricht dafür, dass das heutige Sicherheitsniveau nicht oder nicht mehr gegeben war.

hessenschau.de: Wie geht es jetzt weiter?

Huster: Jetzt laufen drei Stränge parallel: Der eine Strang ist eine gutachterliche Tätigkeit, um die Schadensursache herauszufinden. Der zweite ist die Statik, die Tragwerksplanung. Zunächst gab es eine Sperrung des umliegenden AOK-Gebäudes und der dahinter liegenden Küsterwohnung, weil unklar war, ob die Restmauern stehen bleiben.

Wir haben eine Prüfung vorgenommen: Die Ruine steht auch ohne Dach. Sie ist jetzt wie ein offener Schuhkarton. Auf dem Rand lagen Reste des Daches, die bei Wind abzustürzen drohten. Wir haben diese Mauerkrone von Trümmerteilen geräumt - somit sind das AOK-Gebäude und die Küsterwohnung wieder freigegeben. Der dritte Strang ist die Objektplanung, also Planung der Räumung und Sicherung sowie die Organisation der Baustelle.

hessenschau.de: Wie wird das provisorische Dach errichtet?

Huster: Die Kirche wird zunächst im vorderen Abschnitt eingerüstet, weil im Innenraum eine sehr wertvolle Orgel steht, dazu hängen Tischbein-Gemälde an den Wänden. Seit Montag werden entlang der Traufwände Fassadengerüste aufgestellt. Auf diese wird ein Dach aus Gerüstbauelementen aufgehoben.

Der ursprüngliche Plan, den vorderen Kirchenteil bis zum 24. November überdacht zu haben, lässt sich leider nicht realisieren. Die Montage der Dachelemente vor Ort erfordert viel Platz und hätte eine Straßensperrung bedingt. Die vollständige Sperrung ist aber nicht möglich, weil sonst der Anrainerverkehr zu sehr beeinträchtigt würde. Deshalb müssen die Dachelemente woanders montiert und per Schwertransporter zur Baustelle transportiert werden. Das ist zeitaufwändiger.

Die Fertigstellung ist nun für den 1. Dezember vorgesehen, sofern die Windbedingungen ein Heben und Einfädeln in das Fassadengerüst zulassen. Wenn das Dach im vorderen Teil platziert ist, ist der erste Schritt getan. Die Herausforderung an diese Dachkonstruktion ist, dass wir den nächsten Schritt im Auge haben müssen - und das ist die Bergung.

Das eingestürzte Dach der Elisabethkirche in Kassel.
Das eingestürzte Dach der Elisabethkirche in Kassel. Bild © hr

hessenschau.de: Wie wollen Sie das Dach aus dem Innenraum herausheben?

Die Bergung des Daches kann nur von oben erfolgen. Wir werden die einzelnen abgestürzten Elemente nach oben aufhängen, um den labilen Zustand zu sichern. Wenn dann etwas wegbricht, hängt es wie an einer Wäscheleine. Die Gerüstbaukonstruktion ist dafür nicht geeignet.

Deshalb werden Stahlträger unter dem Dach eingeführt und auf der Mauerkrone aufgelegt. Das Tragsystem ist damit unabhängig. Daran können wir dann die Bauteile aufhängen, die in den Kirchenraum gestürzt sind. Dann fangen wir von vorne an, das Dach Stück für Stück mit einem Turmdrehkran rauszuheben.

hessenschau.de: Sind die Wände stabil genug?

Huster: Die Wände sind in einem stabilen Zustand, auch wenn sie 60 Jahre alt sind. Wir werden uns genau anschauen, wie der Zustand der Tragkonstruktion ist - aber erst, wenn das Gerüst steht. Erst dann kann man eine handnahe, bautechnische Untersuchung durchführen.

hessenschau.de: Wie könnte ein neues Dach aussehen? Würde man das in einer ähnlichen Konstruktionsweise bauen?

Huster: So weit sind wir noch nicht. Wir konzentrieren uns jetzt erstmal darauf, dass wir die Bergung in Gang bringen.

Die Fragen stellte Fabian Schmidt.

Weitere Informationen

Sendung: hessenschau, 18.11.2023, 19:30 Uhr

Ende der weiteren Informationen

Quelle: hessenschau.de/Stefanie Küster