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Erich Stieb aus Butzbach baut ein Dorf aus Müll

Seit zwei Jahren wird das Recyclingdorf in Indonesien immer größer, gleichzeitig schrumpfen die Müllberge. Mitverantwortlich ist Erich Stieb aus Butzbach. Er will mit seiner Hilfsorganisation ein Projekt aufbauen, "das die Welt so noch nicht gesehen hat".

Indonesien ist ein Land mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite: Traumstrände, türkisblaues Wasser und ein Regenwald, in dem viele wilde Tiere leben. Auf der anderen Seite: Abfall-Berge. Jedes Jahr landen dort über eine Million Tonnen Plastikmüll im Meer.

Erich Stieb ist 31 Jahre alt, kommt aus Butzbach (Wetterau) und arbeitet mit seiner Hilfsorganisation daran, dass die zweite Seite kleiner wird: Sie bauen in Südostasien aus Müll das, nach ihren Angaben, größte Recyclingdorf der Welt.

Auf dem drei Hektar großen Gelände stehen mehrere Häuser.

"Die Leute waren überfordert mit dem ganzen Müll""

Eigentlich ist Stieb gelernter Dachdecker. Anfang 2019 gründete er zusammen mit einem dreiköpfigen Team die Hilfsorganisation "Project Wings". Nur ein Jahr später begannen sie mit dem Bauen in Bukit Lawang, einem kleinen Dorf auf der Insel Sumatra. "Uns ist aufgefallen, dass die Menschen in Indonesien nicht mehr wussten, wohin mit dem ganzen Müll", sagt Stieb. So kamen sie auf die Idee: "Wir wollen damit ein Projekt aufbauen, das die Welt so noch nicht gesehen hat."

Am Anfang stand dabei eine eher zufällige Begegnung: Ein Mitglied des Gründerteams von "Project Wings" hatte in Indonesien einen Lehrer kennengelernt, der mit seiner Schulklasse eine Wand aus Plastikmüll bauen wollte. Begeistert von dieser Idee nahm ihr eigenes Projekt seinen Lauf.

Das Dorf hat nun eine Müllabfuhr

Die Idee ist simpel: Die Einheimischen bekommen 45 Cent pro Abgabe eines Ecobricks. Das ist eine PET-Flasche, die sie mit Müll vollstopfen, und die der Hilfsorganisation als Baumaterial dient. Diese Einnahmequelle ist für viele ein lukrativer Job - so entstehen Arbeitsplätze. Um die Flaschen zu füllen, muss zuvor Müll eingesammelt werden. Das sorgt für weniger Abfall in der Umwelt. Und durch den Bau der Recycling-Häuser entstehen neue Wohn- und Arbeitsgebäude.

Die gefüllten Plastikflaschen liegen als Mauer aufeinander und werden mit Lehm zusammengehalten.

Eine klassische Win-Win-Situation also und ein neues Abfallsystem, "das es so vorher noch nicht in Indonesien gab. Wir haben dort quasi eine Müllabfuhr eingerichtet", erzählt der 26-jährige Marc Hellwing, der "Project Wings" zusammen mit Erich Stieb gegründet hat.

Bildungszentrum und Sanitärräume aus Müll

Die Mauern der Gebäude im Recyclingdorf bestehen hauptsächlich aus den Ecobricks. Jede Flasche wiegt etwa ein halbes Kilo. Aus einem Gerüst aus Bambusstangen, Lehm als Bindemittel und den müllgefüllten Plastikflaschen entstehen so ganze Häuser. Der Lehm schützt das Plastik zusätzlich vor dem Zersetzen - so gelangt auch kein CO2 in die Umwelt. Über 100.000 solcher Flaschen wurden schon als Bausteine verarbeitet. So entstanden in den vergangenen zweieinhalb Jahren bereits sieben Gebäude, darunter ein Bildungszentrum und eine Sanitär-Anlage.

"Auf diese Weise haben wir circa 40 Prozent des Dorfes gebaut", sagt Stieb. Hinzukommen sollen unter anderem ein Marktplatz mit Unverpacktladen und der erste überdachte Sportplatz in der Region. Alles aus Müll.

Die Wände aus Müll (Plastikflaschen, Lehm und Bambusstangen) bilden ein ganzes Wonzimmer.
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Über eine Million Tonnen Plastikmüll landen jedes Jahr im Meer

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen bezeichnet Indonesien als "zweitgrößten Plastikverschmutzer der Welt" – auf dem unrühmlichen Platz 1: China. Demnach gibt es in Indonesien jedes Jahr drei Millionen Tonnen an unbehandeltem Plastikmüll ("unmanaged plastic waste"), wovon 1,3 Millionen Tonnen im Meer landen.

Auch Deutschland lässt die Müllberge in Indonesien wachsen. Innerhalb der EU zählt Deutschland als größter Plastikmüll-Exporteur: Allein im Jahr 2021 wurden nach Daten des Statistischen Bundesamts 750.000 Tonnen Plastikmüll ins Ausland exportiert. Die Tendenz ist zwar sinkend, aber die Menge ist im Vergleich immer noch groß. Der meiste Müll ging in die Niederlande, die Türkei und nach Polen, aber auch in asiatische Länder wie Indonesien.

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Indonesische Regierung unterstützt das Projekt

Die spendenfinanzierte Organisation hat prominente Unterstützer wie den ehemaligen Nationaltorhüter René Adler und die Reggae-Band Culcha Candela. Die indonesische Regierung sieht scheinbar ebenfalls viel Potential in dem Recyclingdorf, denn sie hat mittlerweile die Projektregion als Pilotprojekt anerkannt. "Das ist für uns eine riesengroße Wertschätzung", sagt Stieb, und es sei gleichzeitig eine große Unterstützung: Die Regierung habe dem Team schon verschiedene Fördermittel und Maschinen zur Verfügung gestellt.

"Wir haben mit Schweiß, Tränen und sehr, sehr harter Arbeit viel auf die Beine gestellt. Ich bin echt stolz auf uns alle", resümiert Stieb nach zweieinhalb Jahren Bauzeit. Am Ende seien sie aber noch nicht: "Unser Ziel ist es natürlich einerseits das Recyclingdorf fertig zu bauen, aber andererseits auch für den Betrieb zu sorgen - also dass die gebauten Gebäude auch bestmöglich genutzt werden."

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