Zwei Karten mit den Wahlkreisen von 2017 und 2021 nebeneinander.

Drei Bundestagswahlen lang war Hessen eine sichere Bank für die CDU. Jetzt liegt sie im Landesergebnis deutlich hinter der SPD - und prominente Christdemokraten verlieren ihr Wahlkreismandat.

Videobeitrag

Video

zum Video Hessen hat gewählt | hessenschau vom 26.09.2021

hessenschau vom 26.09.2021
Ende des Videobeitrags

In der Ära Merkel war das Kräfteverhältnis bei den hessischen Direktmandaten klar verteilt. 2009 holte die CDU bereits 16 von 22 Direktmandaten. 2013 und 2017 waren es sogar 17. Zuletzt waren es nur noch fünf Wahlkreise im Norden (Marburg, Schwalm-Eder, Waldeck, Kassel, Werra-Meißner-Hersfeld-Rotenburg), in denen sich die SPD-Kandidatinnen und Kandidaten durchsetzen konnten.

2021 haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Sieben schwarzen Wahlkreisen stehen 14 rote und - erstmals - ein grüner gegenüber. Der Erfolg der Grünen ist ein historisches Novum und macht obendrein die besonders bittere Niederlage für die CDU in Frankfurt perfekt. Denn in Hessens größter Stadt verloren die Christdemokraten gleich beide Wahlkreise an die Herausforderer von SPD (Frankfurt I) und Grünen (Frankfurt II).

SPD mit fast 5 Prozentpunkten vorne

Das Desaster für die CDU zeigt sich im vorläufigen Ergebnis, das Landeswahlleiter Wilhelm Kanther nach 3 Uhr am Morgen mitteilte: Mit 27,6 Prozent (+4,1 Prozentpunkte) bei den landesweiten Zweitstimmen hat die SPD im einst roten Hessen diesmal wieder deutlich die Nase vorn.

Die CDU landet bei nur noch 22,8 Prozent (-8,1). Dahinter folgen die Grünen mit 15,8 Prozent (+6,1) und die FDP mit 12,8 Prozent (+1,3). Spürbare Verluste müssen sowohl die AfD mit 8,8 Prozent (-3,1) und die Linkspartei mit 4,3 Prozent (-3,8) hinnehmen. Die Wahlbeteiligung liegt bei 76,2 Prozent und damit etwas niedriger als vor vier Jahren (77,0 Prozent).

Kanzleramtsminister verliert Direktmandat

Die rote Welle in Hessen geht für einige prominente CDU-Politiker mit dem Verlust ihres Wahlkreismandats einher. Bekanntestes Opfer dieser Entwicklung wurde Helge Braun, der Spitzenkandidat der Hessen-CDU bei der Bundestagswahl. Braun war als Kanzleramtsminister seit langem die rechte Hand von Kanzlerin Angela Merkel und zuständiger Bund-Länder-Koordinator in der Flüchtlings- und der Coronakrise.

Helge Braun im Porträt

Nachdem der ausgebildete Narkosearzt dreimal hintereinander im Landkreis Gießen (Wahlkreis 173) erfolgreich war, zog er nun gegen den überregional unbekannten SPD-Politiker Felix Maximilian Döring den Kürzeren. Die Entscheidung war sehr knapp: Auf den 48 Jahre alten Braun entfielen 29,6 Prozent, auf Döring 30,4 Prozent.

Als Erstem auf der Landesliste der hessischen Christdemokraten war Braun der Wiedereinzug in den Bundestag dennoch gewiss. Ein Wetzlarer Parteikollege hatte da weniger Glück: Hans-Jürgen Irmer, umstrittenes Mitglied des rechten Parteiflügels, stand nach seiner Wahlniederlage vom Sonntag und einem Vierteljahrhundert als Abgeordneter von Landtag und Bundestag am Ende seiner parlamentarischen Laufbahn.

Auch Irmer ist raus

Der 69-Jährige war vor vier Jahren mit 38,3 Prozent der Stimmen und haushohem Vorsprung vor seiner SPD-Kontrahentin Dagmar Schmidt als Abgeordneter des Wahlkreises Lahn-Dill erstmals direkt in den Bundestag eingezogen. Nun verlor er sein Mandat an Schmidt. Die SPD-Politikerin, die seit acht Jahren über die Landesliste dem Bundestag angehört, kam auf 33,1 Prozent, Irmer auf 30,1 Prozent.

Hans-Jürgen Irmer im Porträt

Irmer kündigte noch am Sonntagabend seinen weitgehenden Rückzug aus der Politik an. Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Lahn-Dill wolle er aber bleiben. Künftig werde er sich verstärkt der Familie und den Hobbys widmen, sagte er laut mittelhessen.de. Im Landtag saß Irmer - nach zwei kürzeren Perioden als Nachrücker - von 1998 bis 2017. Dort hatte er jahrelang wichtige Posten inne, war Vize-Fraktionsvorsitzender und auch schulpolitischer Sprecher.

Dann trat er von beiden Ämtern zurück, um nach eignen Worten das Klima der ersten Koalition von CDU und Grünen in Hessen nicht weiter zu belasten. Irmer war zuvor mit seinen Positionen zu Islam oder Homosexualität auch innerhalb der eigenen Fraktion immer mehr ins Abseits geraten - nicht zuletzt durch umstrittene Artikel in dem von ihm herausgegebenen Wochenblatt "Wetzlar Kurier".

SPD und Grüne ringen um die Großstädte

Auch bei den Zweitstimmen-Ergebnissen in den Wahlkreisen dominieren die Sozialdemokraten. Lediglich in vier Wahlkreisen lag die CDU vorne (Hochtaunus, Rheingau-Taunus-Limburg, Main-Taunus, Fulda).

Besonders wenig zu holen war für die Christdemokraten in den hessischen Großstädten. In Wiesbaden konnte sich zwar der Direktkandidat Ingmar Jung mit 26,3 Prozent knapp durchsetzen, gleichzeitig holte in der Landeshauptstadt jedoch die SPD die meisten Stimmen (24,9 Prozent). Auch der Wahlkreis Offenbach schickt mit Björn Manuel Simon einen CDU-Politiker nach Berlin. Jedoch sind in diesem Wahlkreis die Stadt und der Landkreis Offenbach zusammengefasst - und das Ergebnis im Kreis gab letztlich den Ausschlag für den CDU-Kandidaten.

Um den Titel der Großstadtpartei streiten sich derweil die SPD und die Grünen. In Offenbach (25,1 Prozent) und Hanau (27 Prozent) lagen die Sozialdemokraten mit jeweils rund sechs Prozentpunkten vor der CDU. In Frankfurt (24,6 Prozent) und Darmstadt (28,8) hingegen erhielten die Grünen die meisten Zweitstimmen.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen