Matej Maglica

Es sah alles nach einem Fußballfest des SV Darmstadt 98 aus. Dann schaltete sich der VAR ein - und crashte die Party der Lilien. Ensprechend wütend waren die Hessen nach Abpfiff, das Spiel bietet den Lilien aber wichtige Erkenntnisse.

Das wilde Spiel des SV Darmstadt 98 gegen Borussia Mönchengladbach war gerade erst zu Ende gegangen, da ging es in den Stadionkatakomben ähnlich wild weiter. Eine Traube Gladbacher Spieler blieb vor den Fernsehern stehen, um sich die spielentscheidende Szene noch einmal anzuschauen. Lilien-Kapitän Fabian Holland verschwand mit einem "Gibt’s doch nicht, Mann" samt wütend aufgeworfener Tür vorerst im Kabinentrakt. Ein Lilien-Mitarbeiter und ein Journalist gerieten kurz aneinander, derweil tobte weiter hinten Präsident Rüdiger Fritsch und machte sich dann vor der Presse Luft.

"Frechheit", wütete Fritsch und meinte damit den Platzverweis von Darmstadts Matej Maglica in der 49. Minute samt Elfmeter für Gladbach. "Das ist definitiv nicht nachvollziehbar. Das ist einfache Physik. Wenn unser Spieler den Ball mit der Hand mitgenommen hätte, müsste der Ball rein physikalisch ja 30 Zentimeter oder zwei Meter nach vorne gehen. Aber der Ball fällt senkrecht nach unten. Das heißt: Unser Spieler hat den Ball nicht berührt", so Fritsch.

"Schwachsinn"

Mit Physik hatte die spielentscheidende Szene indes nicht viel zu tun, eher mit Mathematik. Eine 50/50-Entscheidung, vielleicht auch eher 30/70 oder 20/80, in jedem Fall sahen sich die Lilien schwer benachteiligt vom überraschenden Eingreifen des VAR, und auch der ein oder andere neutrale Beobachter sah das so. Im Zweikampf mit seinem Gegenspieler Tomas Cvancara hatte Maglica, der bis dahin ein blütenreines Spiel samt erstem Bundesligator gemacht hatte, den Ball wohl mit der Hand berührt.

Ein hauchzarter Kontakt, der selbst in Slow Motion kaum zu erkennen war. Auf Zuruf des VAR sah sich Schiedsrichter Timo Gerach die Szene noch einmal an – und entschied auf Elfmeter und Rote Karte. Vielleicht nicht "Schwachsinn", wie Fritsch polterte, aber in jedem Fall eine überaus harte Entscheidung.

"Ich habe in dem Moment nicht gespürt, dass ich den Ball mit der Hand spiele. Ich kann das nicht bestätigen", sagte ein ratloser Maglica nach dem Spiel. Schiedsrichter Gerach insistierte: "Der Darmstädter hat den Ball mit der Hand mitgenommen, das zeigen die Bilder in Köln klar. Da ist eine Wischbewegung". Diskutabel sei einzig die Entscheidung ob Rot oder Gelb. "Aus meiner Perspektive war das eine klare Torchance und deshalb mit Rot zu ahnden. Mir ist klar, was für eine Tragweite so eine Entscheidung hat. Aber das ist das Los von uns Schiedsrichtern: Wir müssen auch mal harte und unpopuläre Entscheidungen treffen."

"Wir können mit 4:0 oder 5:0 in die Halbzeit gehen"

Zwar hielt Marcel Schuhen den Elfmeter, das Spiel kippte in der Folge aber dennoch komplett. Denn bis zu Maglicas Handspiel sah alles nach einem echten Festtag für die Lilien aus. Die Hessen gingen mit ungeheurer Wucht ins Spiel und überrannten Gladbach geradezu. "Wir wollten respektlos und eklig sein, wie wir es uns unter der Woche vorgenommen hatten", sagte Holland nach der Partie.

Mit Erfolg, lange standen die Zeichen eher auf Darmstädter Schützenfest als auf Remis, Gladbach war mit der Darmstädter Wucht schlicht überfordert. "Wir können sogar mit 4:0 oder 5:0 in die Halbzeit gehen", so Holland über das Spiel, das den Hessen einen perfekten Abend hätte bescheren können: Flutlicht, ein guter Gegner und eine Klasseleistung samt erstem Saisonsieg.

"Eine Achterbahnfahrt"

Stattdessen wurde es "eine Achterbahnfahrt", wie Maglica sagte. Die Lilien bekamen in Unterzahl kaum noch einen Fuß auf den Boden, im Stadion war deutlich zu spüren, welche Richtung die Partie nehmen würde, als die Gladbacher einen Angriff nach dem nächsten initiierten. "Der Druck am Ende war enorm. Die haben ein paar Jungs, die richtig gut kicken können, wenn sie die Räume haben", sagte Holland.

Und so war es am Ende fast wieder ein Erfolg, dass die Lilien den Punkt über die Zeit brachten. Folgerichtig wurden die Spieler nach der Partie vor dem Fanblock gefeiert. Und waren in der Mixed Zone dann dennoch wieder enttäuscht. Eine Achterbahnfahrt eben.

"Wir haben gesehen, dass wir Bundesliga können"

"Wir haben in der ersten Halbzeit ein fantastisches Spiel gezeigt. Immerhin haben wir noch den einen Punkt ergattert. Das sollten wir honorieren", sagte Torsten Lieberknecht nach der Partie. Und tatsächlich bietet das Spiel bis zum Elfmeterpfiff wichtige Erkenntnisse für die Lilien: Dass man auch guten Gegnern wie Gladbach mit Leidenschaft den Schneid abkaufen kann, ja sogar mehr als das. Dass Spieler wie Marvin Mehlem oder Holland, die in der zweiten Liga latent unterfordert wirkten, in der Bundesliga ganz gut aufgehoben zu sein scheinen.

Aber eben auch, dass eine 3:0-Führung in der Bundesliga weniger wert ist als in der zweiten. Dass einem in der Bundesliga nichts geschenkt wird und jeder Sieg hart erarbeitet werden muss. "Wir haben gesehen, dass wir Bundesliga können", zog Tim Skarke die wichtigste Lehre aus dem Spiel. "Aber als gestandene Mannschaft musst du eine Drei-Tore-Führung verteidigen."