Lilien versöhnen sich mit Publikum Spiel verloren, Fans zurückgewonnen

Der SV Darmstadt 98 verliert deutlich gegen den FC Bayern München, die Chancen auf den Klassenerhalt schwinden. Doch den Lilien ist das erstmal egal, denn viel wichtiger: Die Fans stehen wieder hinter der Mannschaft.

Lilien-Trainer Torsten Lieberkecht läuft an der Fankurve vorbei und klatscht mit den Fans ab.
Lilien-Trainer Torsten Lieberknecht klatscht mit den Fans ab. Bild © Imago Images
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Im Hintergrund sieht man ein Fussballstadion, davor links das Logo von SV Darmstadt 98 und rechts das Logo vom FC Bayern München
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Manchmal gibt es im Fußball Momente, die passen einfach. So wie der in der 78. Minute. Statt dem Ball landete ausnahmsweise ein Bayern-Spieler im Tor vom SV Darmstadt 98. Beziehungsweise im Tornetz. Das riss, musste mit Tape repariert werden. Ein Symbol für diesen Nachmittag in Darmstadt, denn zu flicken gab es im ersten Heimspiel nach dem Augsburg-Debakel, inklusive fliegenden Fäusten unter Lilien-Fans, einiges.

Dass die Fans dafür bereit waren, signalisierten sie schon kurz vor dem Anpfiff: Auf der Gegengerade rollten sie mehrere Spruchbänder aus. "Gegengerade & Südtribüne, Haupt & Nordtribüne. Gemeinsam für das Ziel. Darmstadt gewinnt das Spiel", war dort zu lesen.

Darmstädter wollten für die Fans kämpfen

Und auch die Mannschaft wollte ihren Teil zur Versöhnung beitragen, wie Kapitän Fabian Holland bestätigte: "Wir wollten von Anfang an zeigen, dass wir voll da sind, die Fans wieder mitnehmen, uns auf dem Platz wieder mitnehmen." Und obwohl es mit dem Sieg nicht klappte, die Südhessen am Ende mit 2:5 gegen den FC Bayern verloren, klappte es sehr wohl mit der Versöhnung.

Die Darmstädter waren von Beginn an engagiert und präsent in den Zweikämpfen. Bestes Beispiel: Christoph Klarer, der sich nach einer starken Grätsche gegen Leroy Sané Szenenapplaus abholte.

Lilien verteidigten kompakt – und zu Beginn erfolgreich

Die Lilien machten mit zwei engen Vierer-Ketten das Zentrum dicht, ließen außer zahlreichen Bayern-Flanken nicht viel zu. Und wenn es doch einmal brenzlig wurde, schmissen sich die Südhessen in jeden Ball, blockten allein in der ersten Halbzeit sieben Münchner Abschlüsse.

So weit, so erwartbar, wenn der Tabellenletzte gegen den Rekordmeister antritt. Überraschend war allerdings, dass die Darmstädter sich immer wieder selbst Chancen erspielten. Und das mit erstaunlich einfachen Mitteln.

Lange Bälle sorgen für euphorisches Bölle

Um dem bayrischen Pressing zu entgehen, schlugen die Lilien langen Ball um langen Ball. Wenn danach die Ablage ins Zentrum gelang, wurde es gefährlich. Wie bei Tim Skarkes Tor zur Führung in der 28. Minute – spätestens jetzt war von schlechter Stimmung gar nichts mehr zu spüren.

Im Gegenteil: Es schwappte fast sowas wie Euphorie durch das Stadion am Böllenfalltor – zum ersten Mal seit langem. Das steckte offensichtlich auch die Spieler an, wie Kapitän Holland beschrieb: "Klar hat man das Gefühl, dass da heute was geht. Mit einer 1:0-Führung wird es normalerweise schwer für den Gegner."

Darmstadt im Dreifach-Pech

Normalerweise. Die Darmstädter Führung hielt allerdings gerade mal acht Minuten. Weitere zehn dauerte es, bis die Lilien in Rückstand lagen. Und dann kam wieder all das zusammen, womit die Südhessen diese Saison hadern – und weshalb sie seit nunmehr 19 Spielen nicht gewonnen haben.

Pech, dass Oscar Vilhelmsson bei seiner Riesen-Chance kurz vor der Pause nur die Latte traf (45. + 2). Pech, dass der starke Christoph Klarer verletzt vom Platz musste (50.). Pech, dass einige Schiedsrichterentscheidungen zu Ungunsten der Lilien ausfielen.

Schiedsrichter sorgen für Frust

Letztere sorgten zumindest dafür, dass sich der SV98-Frust nicht wieder gegen sich selbst richtete, sondern gemeinschaftlich gegen die Unparteiischen. Das galt für das Publikum, dass das Schiedsrichtergespann mit "Schieber"-Rufen bedachte, sowie für den Trainer, der immer wieder lautstark mit dem vierten Offiziellen diskutierte.

Auch nach dem Spiel war Lieberknechts Zorn noch nicht ganz verflogen: "Vor dem 3:1 liegt aus meiner Sicht ein klares Foulspiel an Jannik Müller vor. Das muss abgepfiffen werden. Das ist auch aufzunehmen in die Spielgeschichte."

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Die Pressekonferenz nach dem Lilien-Spiel gegen die Bayern
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Macht Bayern ernst, schaut Darmstadt hinterher

Genauso zur Spielgeschichte gehört aber, dass die Darmstädter schlicht nicht hinterherkamen, wann immer die Bayern ernst machten. Das zeigte sich zum Beispiel bei eben jenem 1:3. Jamal Musiala ließ im Sechzehner gleich mehrere Lilien-Verteidiger ganz alt aussehen.

Oder beim 1:5. Eric Maxim Choupo-Moting hatte am Fünf-Meter-Raum Zeit und Platz den Ball in Ruhe anzunehmen, eher er ihn zum Torschützen Mathys Tel weiterleitete. Dazu kamen weitere eklatante Darmstadt-Fehler, die die Münchner aber ungestraft ließen.

Versöhnung mit den Fans stand über dem Ergebnis

Klar, gegen die Bayern hat niemand in Darmstadt Punkte erwartet. Und ja, für die Südhessen stand die Wiedergutmachung über dem Ergebnis, wie auch Lieberknecht nach dem Spiel verdeutlichte: "Mir war gar nicht so wichtig, ob es ein Sieg oder eine Niederlage gibt. Mir war die Haltung wichtig, wie wir das Spiel bestreiten. Wir haben uns heute als Darmstadt 98 ordentlich präsentiert und Zusammenhalt demonstriert mit den Fans."

Der Schulterschluss mit den Fans glückte. Das bewies der ausgelassene Jubel über das 2:5, genauso wie die Stadionrunde, bei der die Mannschaft mit vielen Fans abklatschte. Darmstadt ist wieder eine Einheit.

Auf Darmstadt warten entscheidende Wochen

Das sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die sportliche Lage durch die Niederlage weiter verschärft hat. Denn da Mainz parallel gegen Bochum gewinnen konnte, wuchs der Abstand auf den Relegationsplatz auf sechs Punkte an.

In den beiden kommenden Auswärtsspielen gegen die direkte Konkurrenz – Bochum und Mainz – müssen die Lilien deshalb punkten. Sonst droht beim nächsten Heimspiel Schlimmeres als ein kaputtes Netz oder wütende Fans.

Quelle: hessenschau.de