Vereins-Präsident Peter Fischer macht nach 24 Jahren Schluss "Was wäre aus mir geworden, ohne diese Eintracht?"

Nach 24 Jahren hört Peter Fischer als Präsident von Eintracht Frankfurt auf. Im Interview mit dem hr-sport erzählt er, wie seine Liebe zur Eintracht entflammte, dass er doch niemals aus dem DFB-Pokal "gesoffen" hat und wie viel ihm sein Vater, der starb, als er noch ein Junge war, noch heute bedeutet.

Peter Fischer gegen Mainz
Wehmütiger Abschied: Peter Fischer geht nach 24 Jahren als Eintracht-Präsident Bild © Imago Images
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Peter Fischer beim Interview mit dem hr-sport
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Das war's jetzt. Am Montagabend tritt Peter Fischer auf der Mitgliederversammlung nach knapp 24 Jahren als Präsident von Eintracht Frankfurt ab. In einem letzten großen Interview mit dem hr-sport sprach der 67-Jährige über die unglaublichen Höhen und die bittersten Tiefen seiner Amtszeit. In einem Interview, bei dem Fischer oft Tränen in den Augen standen.

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Das Gespräch führte Carsten Schellhorn.

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hessenschau.de: Peter Fischer, woher kommt Ihre Liebe zur Eintracht?

Peter Fischer: Ich kam als Dorfkind aus Lich nach Frankfurt. Da kanntest Du keine U-Bahnen, Flugzeuge oder Häuser, die höher waren als zwei Stockwerke. Das war alles sehr beeindruckend. Und an jeder Ecke dieser Stadt: Eintracht Frankfurt. Mit dem wenigen Geld, was man damals hatte, ist man dann in den Stehplatzbereich im Waldstadion geschmuggelt worden. Abends in der Kneipe, in der Ausbildung, da war überall Eintracht, das habe ich alles aufgesogen.

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Die Amtszeit von Peter Fischer

Peter Fischer hat die Eintracht in den vergangenen 24 Jahren geprägt - und sie ihn. Der hr-sport blickt in einem Feature zurück auf ein knappes Viertel-Jahrhundert Eintracht-Präsident Peter Fischer. Das Stück von Florian Naß ist ab Dienstagabend in der ARD-Mediathek zu sehen. Im hr-fernsehen ist das Feature am Samstag, 10.02., um 18:45 Uhr, am Sonntag, 11.02., um 22:15 Uhr und am Montag direkt nach dem heimspiel! zu sehen.

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hessenschau.de: Und dann war da Ihr Vater, der ganz großer Eintracht-Fan war...

Fischer: Ja, mein Vater, der gestorben ist, als ich acht Jahre alt war (bei einem Autounfall, Anm. d. Red.). Mein Vater war großer Fan. Der ist damals 1959 aus Lich mit einem Bier-Lkw hinten auf der Ladefläche nach Berlin gefahren, als die Eintracht Meister wurde. Auch wenn ich meinen Vater nur sehr kurz hatte, erinnere ich mich an sehr vieles. Von ihm habe ich ganz viele Dinge gelernt, die mir auch sehr wichtig sind. Dass man nicht denkt, nur weil einer einem fünfzig Pfennige nicht zurückgegeben hat, das alle auf der Welt so mit Dir umgehen. Da sind so viele Dinge haften geblieben in der kurzen Verweildauer mit meinem so geliebten Vater. Halt auch die Liebe zur Eintracht.

hessenschau.de: Wie oft haben Sie gedacht: "Wie schön wäre es, wenn auch mein Vater das erlebt hätte?"

Fischer: Ja, diesen Gedanken, dass er auf dieses oder jenes stolz gewesen wäre, hatte ich oft. Und vielleicht wäre er einer von 35.000 Fans beim Spiel in Barcelona gewesen. Oder er wäre in Sevilla gewesen und ich hätte ihm den Pokal in die Hand drücken können. Es sollte nicht sein.

hessenschau.de: Was bedeutet Ihnen die Eintracht, heute und in der Rückschau?

Fischer: Die Eintracht war eine Familie, die ich nicht hatte. Sie war ganz viel Emotionen, Kennenlernen, war Begeisterung für eine Sache, dankbar zu sein und am Ende des Tages auch ein Stück Eintracht-Geschichte mitgeschrieben zu haben. Ich blicke mit Stolz zurück, ja ich bin stolz.

hessenschau.de: Wie ging es vor 24 Jahren eigentlich los, was hat Sie damals überzeugt, als Eintracht-Präsident zu kandidieren?

Fischer: Überzeugt hat mich gar nichts. Ich bin da reingemogelt worden. Es wurde mir gesagt: Du kommst montags mal für zwei Stunden zur Sitzung, dafür hast Du einen sehr guten Parkplatz direkt vor dem Stadion und musst für die Eintrittskarte auch nichts bezahlen. Reinhard Gödel war zu diesem Zeitpunkt der Chefanführer der Lügner und Betrüger (lacht). Er ist ein guter Freud von mir, von daher darf ich das sagen. Da bin ich reingeschummelt worden, mit allen Tricks. So war das damals.

Peter Fischer bei seiner Wahl im Jahr 2000 zum Eintracht-Präsidenten
Peter Fischer im August 2000 bei seiner Wahl zum Eintracht-Präsidenten Bild © Imago Images

hessenschau.de: Wie haben Sie das Image der Eintracht damals wahrgenommen?

Fischer: Also ich weiß nicht, was sprachlich das Gegenteil von Image ist. Also kein Image. Mit der Eintracht wollte niemand was zu tun haben. Wenn Du Eintracht Frankfurt gesagt hast, haben die Leute am Telefon aufgelegt. Für die sogenannte Stadtgesellschaft waren wir Persona non grata (unerwünschte Person, Anm. d. Red.). Das war schon relativ schwer.

hessenschau.de: Sportlich waren die 2000er-Jahre relativ schwierig mit drei Abstiegen. Wie sehr hat Sie das belastet?

Fischer: Ok, ich schieße keine Tore. Natürlich war das schlimm, nicht nur wegen des Image-Verlustes, sondern in erster Linie auch wegen der wirtschaftlich bedrohlichen Dinge, Mitarbeiter entlassen zu müssen, Geld einzusparen. Das hat weh getan, schlaflose Nächte. Das waren auch immer Abnehm-Kuren für mich. Aber das brauche ich nicht mehr, ich lebe dann lieber mit mehr Kilos auf den Rippen. Aber ich habe dann ja immer auch die Aufstiege erleben dürfen.

hessenschau.de: Wer war Ihr wichtigster Wegbegleiter?

Fischer: Das war Axel Hellmann von Anfang an bis heute. Wir waren am Riederwald ein geniales Duo. Was der eine nicht konnte, das konnte der andere umso besser. Wir sind beide von Leidenschaft und einer wahnsinnigen Liebe zum Verein geprägt. Aber auch die vielen Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter in den verschiedenen Abteilungen bei der Eintracht waren für mich wichtig. Sie waren teilweise vor mir da und es gibt sie zum Teil noch immer.

Peter Fischer (re.) mit Axel Hellmann 2013
Gut gelaunt: Peter Fischer (re.) mit Axel Hellmann 2013 Bild © Imago Images

hessenschau.de: Sie haben sportliche, aber auch menschliche Dramen hautnah miterlebt. 2004 waren Sie in Thailand, als ein Tsunami die Region verwüstete. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Fischer: Das sind schreckliche Bilder, das vergisst Du nie. Was geblieben ist, sieht man am Präsidenten-Kollegen der Hertha, Kay Bernstein, der morgens einfach nicht mehr wach wird. Dir wird bewusst, dass es keine Garantien für morgen oder die nächste Minute gibt. Wir glauben das immer alle, ich habe das lange auch geglaubt. Ich möchte das nicht dramatisieren, aber es gibt einfach keine Garantien.

hessenschau.de: Dann haben Sie 2017 in einem Interview "klare Kante" gegenüber der AfD gefordert. Heute ist das Thema eher noch größer geworden. Warum war und ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Fischer: Ich habe das damals gesagt, weil die Politik der AfD schlichtweg der Satzung der Eintracht widerspricht. Bei uns hat Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus keinen Platz. Ich bin stolz, dass wir bei der Eintracht eine bunte Familie sind, die ich aktuell auch auf den Demonstrationen sehe, wo wir gegen Rechtsextremisten jetzt auf der Straße sind. Mein ganzes Engagement auch in der Nach-Präsidentenzeit wird ganz stark damit zu tun haben, dass ich gegen die Menschen kämpfe, die den Rechtsextremismus und die Spaltung in diese Gesellschaft getragen haben. Ich werde mich da immer positionieren. Wir werden immer mehr sein als die. Aus der Solidarität von tausenden Eintracht-Fans in dieser Sache ziehe ich unglaublich viel Kraft.

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Peter Fischer mit Tränen in den Augen und Mikrofon in der Hand.
Peter Fischer vor dem Spiel gegen Mainz 05 Bild © Imago Images
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hessenschau.de: Kommen wir zu den Highlights in Ihrer Präsidenten-Karriere. Der Pokalsieg 2018, der Europapokal-Erfolg 2022. Was haben diese unglaublichen Erfolge mit Ihnen gemacht?

Fischer: Es gibt ein paar Dinge, die kannst Du Dir als reichster Mann der Welt nicht kaufen. So einen Autokorso nach dem Europapokal-Sieg, die Fans auf den Straßen, alles war voll. Du bist vom Flughafen mit dem Flieger ja schneller in Amerika gewesen als wir zum Römer. Die Bilder habe ich immer noch vor Augen. Die alte Frau, die sagte, sie sei vorher extra beim Friseur gewesen und habe das schönste Kostüm angezogen. Ich zehre von diesen Momenten, auch in traurigen Stunden. Ich habe übrigens nie aus dem Pokal gesoffen, da ging es nur um die Symbolik. Dieser Pokal ist von innen sowas von versifft, da schmeckt nichts daraus.

hessenschau.de: Kommen wir zu Ihnen ganz persönlich. Ihnen geht es im Moment gesundheitlich nicht so gut...

Fischer: Ich habe große Probleme mit den Beinen und bin ein paarmal operiert worden. Ich fühle mich aber über den Berg. Das war wirklich nicht schön, aber die Beine sind noch dran und ich hoffe, dass sich das stabilisiert und mich die Beine auch wieder dahin tragen, wo ich gerne hin will.

hessenschau.de: Warum hören Sie als Präsident auf?

Fischer: Es ist Zeit, zu gehen. Es ist eine Frage von Energie und Belastbarkeit. Der Verein ist stabil und hat wunderbare Mitarbeiter. Ich gehe zufrieden, weil ich einen geordneten Klub an einen wunderbaren Nachfolger übergebe, der diese Eintracht weiter voranbringen wird.

hessenschau.de: Welche Rolle spielen dabei die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Sie in der sogenannten Koks-Affäre? Das waren ja Ermittlungen, die allesamt ziemlich schnell eingestellt wurden.

Fischer: Das war der letzte Mosaikstein beim Rücktritt. Wenn Dein Kind Dir sagt, dass es nicht mehr in diesem Land leben möchte, da gibt es auch einen Menschen Peter Fischer, der für alles da ist und für alles kämpft, aber irgendwann gibt es eine normative Macht des Faktischen. Und irgendwann ist jetzt einfach auch mal Schluss. Ich war lange genug eine öffentliche Person und hoffe jetzt, ein Stück weit ein privater Mensch sein zu dürfen.

hessenschau.de: Worauf sind Sie stolz nach 24 Jahren als Eintracht-Präsident?

Fischer: Ich hab' es überlebt. Ich hab' es überlebt im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin sehr zufrieden, dass ich einen stabilen Verein in gute Hände übergeben kann. Jetzt bin ich bald Ehrenpräsident. Die Eintracht wird immer meine Familie bleiben. Ich werde in die Geschichtsbücher eingehen als der Typ, der ein Viertel-Jahrhundert gerne den Kopf für die Eintracht hingehalten hat. So viel haben mein Team und ich nicht falsch gemacht.

Peter Fischer vor dem Spiel gegen Mainz 05
Der Gang zu den Fans rührte Peter Fischer an Bild © Imago Images

hessenschau.de: Was wünschen Sie sich und was wünschen Sie der Eintracht für die Zukunft?

Fischer: Dass ich noch viel dazulerne, neugierig und kritisch bleibe. Der Eintracht wünsche ich, dass sie weiter die Stabilität hat, dass wir weiter diese tollen Sportler haben. Immer wieder kommen Sportarten dazu. Mich würde es nicht wundern, wenn wir irgendwann am Goetheturm eine Skisprung-Schanze bauen. Ich hoffe, dass der Verein dieser bunte, verrückte, kritische Verein bleibt, der geschlossen und stabil steht. Das ist meine Familie.

hessenschau.de: Zum Schluss nochmal die Frage vom Anfang: Was bedeutet Ihnen die Eintracht?

Fischer: (denkt lange nach)...Was wäre aus mir geworden, wenn es die Eintracht nicht gibt? In dieser kryptischen Formulierung versteckt sich viel. Vielleicht lassen wir es einfach genau so stehen: Was wäre aus mir geworden, ohne diese Eintracht...?

Quelle: hessenschau.de/Florian Naß, Gerald Schäfer