Fans von Eintracht Frankfurt stürmen den Platz

Das erste europäische Finale seit 42 Jahren, ein Platzsturm und überschäumende Emotionen: Eintracht Frankfurt zeigt gegen West Ham wieder einmal, wie groß die Liebe von Club, Stadt und Fans zur Europa League ist. Der Endspiel-Gegner macht den Kitsch perfekt.

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Die komplette Eintracht-PK nach dem Spiel gegen West Ham

Oliver Glasner
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Es ging schon stramm in Richtung Mitternacht, als Kevin Trapp am späten Donnerstagabend und weit mehr als eine Stunde nach Abpfiff des 1:0-Siegs von Eintracht Frankfurt gegen West Ham United die entscheidenden Worte an seinen Trainer richtete. "Heute darf jeder feiern", betonte der Torhüter lautstark, um dann etwas kleinlauter und mit einem Blick zu Oliver Glasner hinterherzuschieben: "Also glaub ich?!"

Der angesprochene Österreicher grinste sich einen und schüttelte kurz den Kopf. Am Sonntag sei ja immerhin Borussia Mönchengladbach zu Gast in Frankfurt. Die Entwarnung folgte aber auf dem Fuße: "Jeder soll diesen Abend genießen, ich werde mir auch ein paar Gläschen gönnen."

Man muss die Feste eben feiern, wie sie fallen. Und einen besseren Anlass für das eine oder andere Kaltgetränk als den Einzug ins Finale der Europa League gab es in Frankfurt schon sehr lange nicht mehr. Genauer: seit 1980. "Wir stehen zum ersten Mal seit 42 Jahren in einem europäischen Endspiel", fasste ein sichtlich ergriffener Trapp zusammen. "Das ist schon etwas sehr Besonderes. Für mich ist es das schönste Spiel in meiner Karriere." Die Eintracht ist dabei, Geschichte zu schreiben.

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Choreo, Platzsturm, Party: Die Bildergalerie vom Eintracht-Finaleinzug

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West Hams Endstation: die weiße Wand

Zuvor hatten sich die Hessen in einem nicht immer hochklassigen, aber höchstemotionalen Spiel gegen den Tabellen-Siebten der Premier League durchgesetzt und sich die Final-Teilnahme mit einer Mischung aus Mut, vollem Einsatz und jeder Menge Herz redlich verdient. Fußballerisch gab es in dieser Saison mit Sicherheit schon weitaus bessere Spiele der Eintracht, die durchgehend spürbare Leidenschaft machte letztlich aber den Unterschied aus. "Die sportliche Analyse kann man heute vernachlässigen, es überwiegen die Emotionen", unterstrich deshalb auch Glasner. "Diesen Abend wird keiner vergessen."

Begonnen hatte das Feuerwerk der angesprochenen Emotionen bereits 30 Minuten vor Anpfiff. Die Fans der Eintracht, die erneut komplett in weiß und ungewöhnlich früh im Stadion erschienen waren, feuerten ihr Team bereits beim Aufwärmen lautstark an und entfachten schon dabei die für Frankfurter Europapokal-Abende so typische Wucht von den Rängen. Die Anhänger in der Kurve und die Spieler auf dem Rasen schafften es wieder einmal, eine Symbiose herzustellen und West Ham optisch wie akustisch zu beeindrucken. Die weiße Wand als Endstation.

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Rote Karte, Tor, Jubel - die Highlights des Eintracht-Siegs zum Nachhören

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Nach Abpfiff brechen alle Dämme

Die Stimmung, die durch eine Choreo in der Nordwestkurve noch zusätzlich angeheizt wurde, bekam durch die frühe Oberschenkel-Verletzung samt Auswechslung (8.) von Fan-Liebling und Abwehrchef Martin Hinteregger zwar einen Dämpfer. Spätestens die Rote Karte gegen West Hams Aaron Cresswell wegen Notbremse (17.) und der Führungstreffer durch Rafael Borré kurz drauf (26.) verwandelten das Stadion dann aber endgültig in ein Tollhaus. "Man hat einfach gemerkt, wie viel dieses Spiel den Fans bedeutet", sagte Trapp. "So etwas Lautes wie heute habe ich selten gehört."

Wie groß und ungebremst die Freude der Fans über die Reise zum Finale ist, bekamen alle Anwesenden nach Abpfiff dann auch zu sehen. Die Anhänger der Hessen, die bereits in den letzten Spielminuten im Innenraum direkt hinter der Werbebande gestanden hatten, stürmten wie in früheren Aufstiegs- oder Nichtabstiegs-Endspielen mit Schlusspfiff den Rasen und fielen ihren Helden um den Hals. Einige Unverbesserliche bauten sich vor der Londoner Gästekurve auf, hier und da gab es kleinere Scharmützel mit der Polizei, insgesamt passte aber sogar der Platzsturm zu diesem Abend.

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Frankfurt feiert Eintracht-Final-Einzug

hessenschau von 16:45 Uhr
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"Die Fans wollten ihre Dankbarkeit mit uns teilen, meine Kinder waren auch mit mir auf dem Platz. Das waren tolle Momente, das brennt sich ein", betonte selbst der sonst eher nüchterne Glasner. Sein Sportvorstand Markus Krösche ergänzte: "Diese Liebe, diese Leidenschaft der Fans, das ist außergewöhnlich." In einer Beziehung wie der zwischen der Eintracht und der Europa League kochen die Emotionen eben einfach mal über. Und das Highlight dieses wilden Ritts durch Europa kommt erst noch: am 18. Mai in Sevilla.

Rangers komplettieren das Traumfinale

Gegner dann, und natürlich konnte auch das an diesem Abend nicht anders sein, sind die Glasgow Rangers. Der legendäre Club aus Schottland kegelte zeitgleich zum Erfolg der Eintracht den nicht ganz so legendären Club aus Leipzig aus dem Wettbewerb und machte damit das Traumfinale perfekt. "Im Finale spielt Tradition gegen Tradition, das ist Weltklasse", jubelte Präsident Peter Fischer, der den Fans damit wohl aus der Seele sprach. Die Eintracht gegen die Rangers im Endspiel um einen internationalen Titel. Viel mehr geht nicht.

Und da die Vorbereitung auf dieses große Ereignis, das noch zwei bedeutungslose Bundesliga-Spiele und zwölfmal Schlafen entfernt ist, nicht früh genug beginnen kann, drückte Glasner am Ende des Abends dann doch noch ein wenig auf die Partybremse. "Ich habe morgen nicht freigegeben, wir treffen uns um 12 Uhr zu einem Waldlauf. Die Jungs werden sicher etwas rausschwitzen müssen." 

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