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Marburg: Auto abmelden und profitieren

Auto in Marburg

Wer ein Jahr lang auf ein Auto verzichtet, soll in Marburg künftig belohnt werden. Die Stadt will eine Prämie einführen, die Zugang zu Carsharing und ÖPNV ermöglichen soll. Ein bundesweit bislang einmaliges Projekt.

Die Stadt Marburg will ein neues Anreizprogramm auflegen, das Bürgerinnen und Bürger zum Verzicht auf ein Auto motivieren soll. Wer ein Auto – gemeint sind auch Zweit- oder Drittwagen – ein Jahr lang abmeldet, soll dafür eine Prämie bekommen. Eine Prämie, mit der man Carsharing, Bus und Bahn nutzen sowie in lokalen Geschäften und Gastronomie bezahlen kann, wie die Stadt ihre Pläne am Mittwoch erläuterte.

Die Prämie soll nicht ausgezahlt werden, sondern als Guthaben verfügbar sein, das die Nutzerinnen und Nutzer sich aus verschiedene Bausteinen individuell zusammenstellen können. Insgesamt soll die Prämie einen Gegenwert von 1.250 Euro haben.

Verschiedene Szenarien möglich

Zu den Angeboten gehört die Nutzung von Carsharing im Wert von bis zu 800 Euro oder ÖPNV im Wert von bis zu 600 Euro. Zudem können auch bis zu 400 Euro an sogenannten Marburg-Gutscheinen abgerufen werden. Sie können bei vielen Marburger Geschäften, Lokalen oder Dienstleistern eingelöst werden.

Die Stadt rechnet vor: Ein mögliches Szenario sei, von der Prämie ein komplettes Jahr das Deutschlandticket (600 Euro) und vereinzeltes Carsharing zu bezahlen. Zusätzlich könne man dann noch mit den Marburg-Gutscheinen einkaufen.

Stadt: Geparkte Autos blockieren wertvollen Raum

Die Veröffentlichung des neuen Prämienprogramms erfolgt inmitten einer aufgeladenen Diskussion rund um die Frage, wie die Mobilität in der engen, hügeligen Unistadt in Zukunft gestaltet werden soll.

Die Stadt hat ein umfangreiches Verkehrskonzept ("MoVe35") an den Start gebracht, das unter anderem die Halbierung des Autoverkehrs bis zum Jahr 2035 vorsieht. Da besonders diese Frage die Bevölkerung spaltet, wird an diesem Sonntag per Bürgerentscheid darüber abgestimmt.

Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) ist überzeugt: Immer mehr Menschen würden darüber nachdenken, ob sie wirklich ein eigenes Auto benötigen. Tatsächlich werde ein Privatauto in Deutschland im Schnitt 23 Stunden am Tag nicht bewegt, meint Spies. Manche Autos würden sogar Tage, Wochen oder Monate an Ort und Stelle stehen und in der Innenstadt wertvollen Raum blockieren.

Umweltdezernent: Autos sind für Halter und Kommunen teuer

Auch Umweltdezernent Michael Kopatz (Klimaliste) setzt sich vehement für den Auto-Verzicht ein. Welche Vorteile eine Auto-Abschaff-Prämie aus seiner Sicht haben könnte, hatte er schon 2022 in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau erläutert. Damals hatte er sogar 2.000 Euro als Belohnung vorgeschlagen.

Kopatz meint: Autos seien nicht nur für die Halter teuer, sondern auch für die Kommunen, in denen sie gemeldet sind. Jedes abgestellte Auto verbrauche beispielsweise 12 bis 15 Quadratmeter Fläche. Für ein am Marburger Straßenrand geparktes Auto würden sich die Grundstückskosten auf 2.400 Euro und die jährliche Unterhaltung auf 360 Euro belaufen.

Besonders in Stadtteilen mit dichter Bebauung und viel Verkehr würden Teile der Fläche aber dringend "für die Klimaanpassung" gebraucht, etwa für mehr Grün, Rad-Infrastruktur oder Carsharing.

Stadt Marburg will Vorreiterin sein

Das Marburger Modell ist nach Angaben der Stadt bundesweit einmalig. Man wolle damit auch Menschen motivieren, Mobilität ohne Privatauto einfach mal auszuprobieren – zeitlich beschränkt und mit Kostenübernahme der Alternativen. Gleichzeitig wolle man die lokale Wirtschaft unterstützen.

Noch steht in Marburg allerdings der Beschluss in der Stadtverordnetenversammlung aus, die am 14. Juni tagen soll. Bei Zustimmung soll danach direkt eine Pilotphase für die ersten 50 abgemeldeten Autos starten.

Den Antrag für die Prämie können laut Stadt alle Marburger KfZ-Halterinnen und -halter dann auf einer Webseite stellen, wenn sie mindestens noch ein Jahr in Marburg wohnen und in der Zeit ihr in Marburg zugelassenes Privatauto abmelden.

Darmstadt belohnt mit Klimatickets

Marburg ist zwar nicht die erste Stadt, die den Pkw-Verzicht belohnt, geht damit aber tatsächlich deutlich über bisherige Ansätze hinaus. In Darmstadt beispielsweise gibt die Stadt dafür sogenannte Klimatickets aus, die drei Monate lang eine kostenfreie Nutzung des Darmstädter ÖPNV ermöglichen.

Wie aus einer Kleinen Anfrage der Linksfraktion hervorgeht, wurden in Darmstadt 2022 und 2023 insgesamt 189 Anträge von Bürgerinnen und Bürgern genehmigt, die ihre Autos abgemeldet hatten.

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Korrektur: In einer früheren Version hatten wir geschrieben, die Abstimmung solle am 15. Juni erfolgen. Korrekt ist, dass sie am 14. Juni geplant ist.

Ihre Kommentare Was halten Sie von der Auto-Abschaff-Prämie in Marburg?

50 Kommentare

  • Natürlich. Klasse.
    Wer möchte denn nicht das letzte bisschen Freiheit aufgeben, um dann eine müde Mark des Steuerzahlers für Busfahrten und andere ausgewählte Unannehmlichkeiten bereitgestellt zu kriegen.
    Ist das nicht schön?

  • Welche Ideen hat Marburg noch zu bieten. Ich finde, dass das Geld in Kita und Schule sinnvoller investiert wäre.

  • Was mich immer wieder beeindruckt, als Marburger, wie positiv über das Thema außerhalb gesprochen wird. Die Stadtgesellschaft ist 50/50 in dem Thema gespalten und ein Großteil des Umlands, dass auf die Stadt (Ärzte, Ämter, Einzelhand) angewiesen sind, werden ignoriert. Diese sind mehrheitlich gegen diesen Vorstoß. Marburg plant 17 Busse und 43 neue Fahrer einzustellen, wobei die derzeitige Auslastung nicht dauerhaft gehalten kann.

    Journalisten würden sich gut tun, nicht nur Herrn Spieß und Kopaz (welcher an anderer Stelle schon beeindruckend versagt hat) zu befragen, sondern auch Opposition zu Wort kommen zu lassen.

    Die Stadt macht im Move 35 Konzept das Auto so unattraktiv wie nur möglich, um die derzeitig unzufrieden stellenden Lösungen im Vergleich besser zu machen. Die Prämie fürs abmelden wird insbesondere denen zu Gute kommen die das Auto sowieso nicht brauchen. Also 2-3 Drittwagen Besitzer. Ich habe keine Möglichkeit darauf zu verzichten - egal ob 1000 oder 5000.

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