Kontroverse um City-Verkehr Warum Fulda Parkhaus-Rabatte einführt

Während andere Städte den Autoverkehr einzudämmen versuchen, gibt eine neue Bonuskarte in Fulda Anreize fürs Parken in der Innenstadt. Für den ungewöhnlichen Schritt nennt die Stadt mehrere Gründe. Doch es gibt auch Kritik.

Bonus-Parken mit Rabatt in Fuldaer Parkhäusern
Mit einer kostenpflichtigen Bonus-Karte (Bonicard) bekommen Besucher städtischer Parkhäuser einen 20-Prozent-Rabatt. Bild © Stadt Fulda
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Verkehrte Welt in Fulda? Während viele Städte in Hessen versuchen, zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel zu motivieren, lockt die Stadt in Osthessen Autofahrer mit vergünstigten Parkhaus-Preisen. In Fulda wurde vor kurzem ein neues Parksystem vorgestellt. Verbunden damit ist ein 20-Prozent-Rabatt in allen städtischen Parkhäusern.

Wer das Angebot nutzen will, muss eine sogenannte Bonicard in Form einer Scheckkarte erwerben. Sie kostet einmalig 12,50 Euro und gilt dann für alle sechs städtischen Parkhäuser, wie die Stadtverwaltung erklärte. Wer also häufig genug ins Parkhaus fährt, hat die Einmalkosten wieder raus und profitiert dann vom Rabatt.

Schritt in Richtung Digitalisierung

Die Stadt sieht Vorteile im Boniparken: Der Zahlvorgang an der Kasse entfällt, Nutzende erhalten eine monatliche Abrechnung. Das Ein- und Ausfahren soll je nach Parkhaus mit der Karte oder per Kennzeichenerkennung an der Schranke funktionieren. Das sei ein weiterer Schritt in Richtung Digitalisierung.

Der Fuldaer Verkehrsdezernent Dag Wehner stellte das Angebot pünktlich zum Start des Weihnachtsmarkts vor. "Das Rabattsystem spricht vor allem Menschen aus der Stadt und der Region an, die regelmäßig in die Innenstadt kommen und dabei auf das Auto angewiesen sind", erklärte der CDU-Bürgermeister. "Das kann zum Einkaufen sein, um Kulturangebote zu nutzen oder auch zur Arbeit."

Andere Städte wollen Autoverkehr in der City begrenzen

Mit Blick auf die Umweltschutz-Initiativen anderer Städte wie Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt und Kassel wirkt der Fuldaer Weg ungewöhnlich. So will Frankfurt etwa Parkplätze innerhalb des Anlagenrings nahezu komplett abschaffen, Wiesbaden Gäste von außerhalb vermehrt in Parkhäuser am Stadtrand leiten.

Auch in Marburg wird es wegen eines neuen Mobilitätskonzepts künftig wohl unbequemer für Autofahrer. In Gießen hingegen war ein Verkehrsversuch der Stadt zur Begrenzung des Autoverkehrs zuletzt vor Gericht gescheitert.

"Das völlig falsche Signal"

Die Grünen in Fulda halten der Umwelt wegen gar nichts vom Bonus-Programm in ihrer Stadt. "Natürlich werden mit dem Parkrabatt die völlig falschen Signale gesetzt. Aber in Fulda gehen die Uhren viel langsamer als anderswo", kritisierte Ernst Sporer, Stadtverordneter bei den Grünen. Er sagt: "Dem Auto wird noch immer der absolute Vorrang eingeräumt. Der ÖPNV in Fulda ist schon immer ein Stiefkind."

Sporer hält die Rabatte "in erster Linie für eine Marketingmaßnahme, um die Parkhäuser vollzukriegen". Denn die Anzahl der Parkhausplätze sei eigentlich zu hoch. Das in diesem Jahr zur Landesgartenschau erbaute Parkhaus am Rosengarten stehe im Winter nun weitgehend leer.

Silvia Brünnel, Grünen-Landtagsabgeordnete aus Fulda, sagt: "Die Fokussierung auf Parkhaus-Rabatte wie beim Boni-Parken begünstigt das Autofahren und macht den ÖPNV eher unattraktiv." Anstelle von Anreizen für den Individualverkehr müssten die Weichen für ein umweltfreundliches Mobilitätskonzept gestellt werden. Die Taktung des öffentlichen Nahverkehrs sollte erhöht werden, insbesondere am Wochenende und in den Abendstunden, forderte Brünnel.

Auto im ländlichen Raum oft unverzichtbar

Die Stadt Fulda verteidigte die Parkhaus-Rabatte. Für viele Menschen sei das Auto unverzichtbar. Denn Fulda mit seinen rund 70.000 Einwohnern habe ein großes Einzugsgebiet im ländlichen Raum. Und der sei mit dem ÖPNV – vor allem in Randzeiten – nicht gut erschlossen. "Hier liegen deutlich andere Voraussetzungen vor als in Großstädten, die komplett mit dem ÖPNV erschlossen sind – und zwar auch an den Wochenenden und in den Abend- und Nachtstunden", erklärte eine Stadt-Sprecherin.

Täglich kämen mehr als 30.000 Menschen aus der Region nach Fulda. Mehr als 60 Prozent nutzten dabei das Auto, erläuterte die Stadt. Das Boni-Parken biete sich etwa auch für Teilzeit-Pendler an, für die sich ein dauerhaft gemieteter Stellplatz nicht lohne.

Kritik an Konsumenten: Bequemlichkeit siegt

Die in der Fuldaer Stadtverordnetenversammlung oppositionelle SPD hat mit den Parkhaus-Rabatten kein Problem. "Wir haben daran nichts auszusetzen", sagte der Fraktionsvorsitzende Jonathan Wulff, "denn der ÖPNV bietet keine ernsthaft in Erwägung zu ziehende Alternative." Um das Parken am Straßenrand unattraktiver zu machen, möchte die SPD allerdings die Zahl der Parkbuchten verringern. Das würde auch dazu führen, dass schneller Parkhäuser angesteuert werden, meint Wulff. 

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) richtet seine Kritik vor allem an Innenstadt-Besucher. "Jeder Mensch sollte sich ernsthaft hinterfragen, ob es wirklich notwendig ist, mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Leider siegt zu oft die Gewohnheit und Bequemlichkeit", sagte Anja Zeller, Sprecherin des hessischen Landesverbands im VCD.

Wenn mit dem Auto in die Innenstädte gefahren werde, dann sollten möglichst rasch Parkhäuser angesteuert werden, empfahl Zeller. Plätze gebe es reichlich. "Die meisten Parkhäuser in Deutschland stehen leider zur Hälfte leer."

Stadt will Innenstadt-Handel stärken

Die Stadt Fulda will mit den Parkrabatten auch den Innenstadt-Handel stärken. Die Hoffnung: Weniger Online-Shopping, dafür mehr Einkäufe in der City. Günstiger Parkraum sei dafür ein wichtiges Argument. Die Bonus-Karte soll die Autofahrer dazu animieren, verstärkt städtische Parkhäuser zu nutzen, statt im öffentlichen Verkehrsraum auf der Suche nach einer Lücke herumzukurven.

Dieser Plan kann nach Einschätzung des ADAC Hessen-Thüringen aufgehen. Das Bonus-Parksystem könne dazu führen, dass der Verkehr von Parkplatz suchenden Autos verringert werde. "Der Park-Such-Verkehr, der einen großen Teil des innerstädtischen Verkehrs darstellt, wird dadurch deutlich weniger", prognostiziert ADAC-Sprecher Oliver Reidegeld.

Erfahrungswerte mit Parkhaus-Rabatten in Hessen hat Reidegeld nicht. Er sagte, dass ihm keine weiteren hessischen Städte mit einem ähnlichen Bonus-System wie in Fulda bekannt seien.

Weniger "Park-Such-Verkehr" soll Umwelt entlasten

Die Stadt Fulda glaubt: Weniger Park-Such-Verkehr erhöhe die Aufenthaltsqualität in der City. Und die Umwelt werde dadurch auch entlastet. Generell versuche Fulda, die Innenstadt noch attraktiver für den Rad- und Fußverkehr zu gestalten.

Im Fall der Bahnhofstraße, die vom Bahnhof in die Innen- und Altstadt führt, ist das in den jüngster Vergangenheit bereits gelungen. Dort wurde der Autoverkehr verbannt. Die Straße ist jetzt eine Fußgängerzone - und hat sichtbar an Aufenthaltsqualität gewonnen.

Weitere Informationen

Sendung: hr4, 28.11.2023, 7.30 Uhr

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Quelle: hessenschau.de

Ihre Kommentare Wie ist die Parksituation in Ihrer Stadt?

20 Kommentare

  • @ Hazal Bretsch aus Mühltal:
    genauso sehen wir es auch.
    Gruß aus Pfungstadt

  • Bin zufrieden. Ich finde es gut, dass es noch Städte gibt die den Einzelhandel, Museen und andere Einrichtungen unterstützen, statt die Menschen fern zu halten.

  • Grundsätzlich finde ich Maßnahmen zur Verkehrslenkung von Seiten der Verantwortlichen okay. Leider fehlt in Fulda ein umfassendes Verkehrskonzept. Gefördert wird einseitig der Individualverkehr, ich fahre seit etwa 30 Jahren täglich mit dem Rad zur Arbeit nach Fulda, da habe ich schon viele gefährliche Situationen erlebt. Die Radwege sind entweder nicht vorhanden oder in schlechtem Zustand, ich behaupte weiterhin, dass 90 % aller Pendler im Radius von 10 bis 15 km zum Stadtzentrum wohnen, ich kann auch verstehen, das der ÖPNV keine wirkliche Alternative darstellt, zu teuer, viel zu zeitaufwendig. Deshalb gilt es, das Rad als umweltfreundliches Verkehrsmittel zu fördern. Dabei frage ich mich immer, wo sind die ganzen E-Bike Fahrer? Sind wir doch ehrlich, die meisten sind einfach zu träge und setzen sich ins Auto, es wird einem ja auch immer noch zu leicht gemacht
    So lange nicht wirklich in z. B. sichere Radwege investiert wird, wird sich am Verhalten der Bürger nichts ändern.

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