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Themenschwerpunkt Geflüchtete in Hessen, Teil 1: Ankommen in der Aufnahmeeinrichtung in Gießen

Geflüchtete

Wer in Deutschland Asyl sucht, hat oft eine lange und gefährliche Reise hinter sich. In Hessen können vom Ankommen bis zur Asylanhörung Monate vergehen. Motivierte Mitarbeiter begleiten die Menschen in der Erstaufnahme in Gießen bei den aufwändigen Prozessen.

Es ist halb neun Uhr morgens – über Nacht sind 59 Asylsuchende in der Erstaufnahme in Gießen angekommen. Seval Görgülü Ülger leitet das Ankunftszentrum. "Viele sind nervös, was sie erwartet, und hoffen auf eine Bleibeperspektive", erklärt sie. "Für uns ist es wichtig, dass wir da eine Ruhe ausstrahlen, sie erstmal ankommen lassen und auf ihrem Weg begleiten."

Jeder wird aufgenommen

Die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen ist die größte von insgesamt zehn in Hessen. Sie ist rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, geöffnet. Jeder Geflüchtete, der einen Asylantrag stellen will, muss das in der Erstaufnahme tun. Derzeit sind es etwa 300 Anträge pro Woche. "Das ist nicht viel, kann sich aber schnell ändern", sagt Görgülü Ülger. Es sei eine Herausforderung nicht zu wissen, wie viele Menschen täglich kommen. "Wir sind gesetzlich verpflichtet, alle Menschen, die in Hessen ankommen, hier in Gießen auch aufzunehmen."

Backstein-Kasernengebäude aus der Luft fotografiert, davor drei große weiße Leichtbauhallen
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Die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen

Die größte Erstaufnahme des Landes liegt auf dem Gelände der ehemaligen US-Kaserne in Gießen und beschäftigt rund 200 feste Mitarbeiter. Neben den Kasernengebäuden sind dort mehrere weiße Leichtbauhallen aufgebaut.

Es gibt Platz für bis zu 5.800 Menschen, aktuell (Stand März 2024) leben dort rund 1.350. 70 Prozent sind männlich, 30 Prozent weiblich – unter ihnen fast ein Viertel Kinder. Über ihren Asylantrag entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

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Endstation Hessen?

Zunächst werden Neuankömmlinge nach Angaben der Unterkunftsleitung medizinisch auf übertragbare Krankheiten untersucht. Dazu gehört etwa auch eine Röntgenaufnahme der Lunge und möglicherweise eine Impfung, damit keine ansteckende Tuberkulose verbreitet werden kann.

Danach kommt die sogenannte erkennungsdienstliche Behandlung: Eine Sachbearbeiterin des Regierungspräsidiums Gießen registriert die Fingerabdrücke eines pakistanischen Mannes über ein Lesegerät. "Hat er schonmal Fingerabdrücke abgegeben?" Ein Dolmetscher übersetzt in seine Muttersprache Urdu. "Nein."

Die Daten werden jeweils genau erfasst und ins bundesweite Ausländerzentralregister eingetragen. So wird unter anderem sichergestellt, dass Asylanträge nicht doppelt in verschiedenen Bundesländern eingehen.

Ein dunkelhaariger Mann (von hinten zu sehen) legt seine Hand auf einen Fingerabdruck-Scanner in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen

Bundesweite Verteilung nach Herkunftsland und Anzahl

Auch für die Entscheidung, wohin genau der Mann in Deutschland kommt, ist die Registrierung wichtig: Im System ist festgelegt, wie viele Asylsuchende ein Bundesland aufnehmen muss, um eine gerechte Verteilung zu gewährleisten. Diese richtet sich nach Steuereinnahmen und der Bevölkerungszahl.

Hessen ist für Pakistanerinnen und Pakistaner nicht zuständig. In Hessen werden vor allem Fälle aus Syrien, Afghanistan und Nordafrika geprüft. Für den Mann aus Pakistan heißt es deshalb, dass er nach Chemnitz weiter reisen muss, wo die für ihn zuständigen Behörden sind.

BAMF-Entscheider als Schlüsselfigur

80 Mitarbeitende des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) arbeiten direkt auf dem Gelände der Erstaufnahme in Gießen, in einer von drei hessischen Außenstellen. Peter Gärtner ist als sogenannter Entscheider für die Asylsuchenden eine Schlüsselfigur: Mit Unterstützung von Dolmetschern führt er mit ihnen die Interviews, die darüber entscheiden, ob sie in Deutschland Asyl bekommen.

Wie etwa eine jungen Somalierin, die im September 2023 mit ihrer kleinen Tochter nach Deutschland eingereist ist. Ihre Fluchtroute ging nach eigenen Angaben durch halb Afrika und Italien. Gärtners Befragung dauerte mehrere Stunden, es ging um ihre Erlebnisse auf der Reise, aber auch um die Gründe, warum sie Somalia verlassen hat. Drohte ihr die Beschneidung, wurde sie aufgrund einer Clanzugehörigkeit verfolgt oder ist sie aus wirtschaftlichen Gründen hergekommen? All das versucht der Entscheider herauszufinden.

Peter Gärtner sitzt an einem Schreibtisch, neben ihm ein Übersetzer und vor dem Tisch eine junge Somalierin mit Kopftuch und ihrer kleinen Tochter

"Wir müssen eigentlich alles wissen"

Die Entscheider des BAMF brauchen für ihre Arbeit fundierte Kenntnisse über die jeweiligen Herkunftsländer der Asylsuchenden. "Was sind dort für Konflikte, welche Akteure sind da unterwegs, wie ist die politische und humanitäre Lage? Das spielt alles für das Verfahren hier eine Rolle", erklärt Gärtner.

Schwierig werde es vor allem dann, wenn Erzählungen nicht stimmig seien und die Entscheider misstrauisch würden. "Manchmal sind auf Nachfrage keine Details zu erfahren, zeitliche Abläufe sind nicht erklärbar oder sie wissen nicht, wann dieses für die Flucht eigentlich entscheidende Ereignis stattgefunden hat."

Viele kommen ohne Papiere

In der Befragung der Somalierin stößt Peter Gärtner schnell auf einen anderen kritischen Punkt: Die Frau hat keine Ausweispapiere. Der Dolmetscher übersetzt: "Ich hatte keine Dokumente in Somalia und meine Geschwister auch nicht." Kein Einzelfall, so Gärtners Erfahrung.

Gut die Hälfte aller Antragsteller komme ohne Papiere. Oft hätten sie ihre Unterlagen nicht mitnehmen können, oder sie gingen auf der Flucht verloren. Manche Asylsuchenden hätten aber bewusst keine Papiere, um eine mögliche Abschiebung zu erschweren.  

Andreas Westrupp vom BAMF hält einen Ausweis prüfend im Tageslicht flach vor sein Gesicht und kontrolliert die Oberfläche auf Rasuren

Ausweismanipulationen kommen selten vor

Sind Papiere vorhanden, werden sie in der physikalisch-technischen Urkundenuntersuchung auf Echtheit geprüft. Mitarbeiter Andreas Westrupp nutzt unter anderem ein Mikroskop oder UV-Licht, um Fälschungen zu erkennen. Manchmal zeigt schon ein geübter Blick unter Tageslicht, ob Manipulationen mit einer Rasierklinge vorgenommen wurden.

"Bei Rasuren ist die Oberfläche des Passes dann aufgeraut, das kann man gut erkennen." Manipulationen kämen nicht häufig vor. "Ich würde sagen, in unter einem Prozent der Fälle gibt es überhaupt einen Manipulationsverdacht."

Bei Ablehnung zerplatzen Träume

Jeder Asylantrag und auch jeder Folgeantrag muss einzeln geprüft werden - das gebietet die Genfer Flüchtlingskonvention. Im vergangenen Jahr haben die BAMF-Mitarbeiter in Hessen 23.539 Asylanträge bearbeitet und knapp 60 Prozent der Antragsteller wurde Schutz gewährt. Im Schnitt dauerte das vier bis fünf Monate.

Entscheider Peter Gärtner erlebt oft mit, wenn Hoffnungen zerplatzen. "Wir haben häufig Situationen, wo Geschichten ausgedacht sind oder so harmlos, dass wir den Asylantrag ablehnen müssen."

Nahaufnahme von Peter Gärtner, dem BAMF-Entscheider - er hat graues, schütteres Haar, braune Augen, lächelt leicht und trägt Jeanshemd und Lederjacke
Zitat
„Es sind so viele Fälle, in denen wir den Asylantrag ablehnen, dass ich mich manchmal frage: Was mache ich hier eigentlich, was ist der Sinn meiner Arbeit? Aber die eine Person, die wirklich schutzbedürftig ist, die möchte ich eben finden und sie bekommt dann auch hier ihren nötigen Schutz!“ Peter Gärtner, Entscheider beim BAMF Peter Gärtner, Entscheider beim BAMF
Zitat Ende

Hilfe für eine spätere Integration

Während die Asylsuchenden teils monatelang auf ihren Asylbescheid warten, versuchen die Mitarbeitenden der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, die Menschen auf eine spätere Integration vorzubereiten – etwa mit Angeboten wie Kindergarten oder Schulunterricht.

Manfred Becker vom Regierungspräsidium Gießen ist seit vielen Jahren für die Erstaufnahme verantwortlich. "Wir bieten auch vielfältige Kurse für die Erwachsenen an – Integrationskurse, Sprachkurse – um sie auf das Leben in Deutschland vorzubereiten."

Steigende Zahlen erwartet

Aktuell stehen Zimmer in der Erstaufnahme leer – in den vergangenen Wintermonaten ist die Zahl der Geflüchteten nach Deutschland gesunken. Doch das wird sich jetzt im Frühling wieder ändern, erwartet Manfred Becker. "Die Anlandungszahlen aus dem Mittelmeerraum sind überproportional hoch und viele, die dort ankommen, haben Deutschland als Ziel."

Deshalb bleiben mehrere große Leichtbauhallen vor den Kasernengebäuden weiterhin aufgebaut. Denn spätestens zum Sommer wird hier wieder mit steigenden Flüchtlingszahlen gerechnet.

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