Kinderarzt Sujet

Zu viel Arbeit für zu wenig Personal: Damit kämpfen viele Arztpraxen. Besonders prekär ist die Lage aber bei Kinderärzten. Der Fachkräftemangel gefährdet dort die Versorgung der Kleinsten.

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Fachpersonal für Kinderärzte fehlt

hessenschau vom 26.08.2022
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"Ich kann verstehen, dass Sie verzweifelt sind, aber leider können wir da nichts machen", sagt Miriam Djorgimajkoski in den Hörer. Die medizinische Fachangestellte sitzt hinter dem Empfangstresen einer Kinderarztpraxis in Frankfurt und erteilt Absagen. Mal wieder.

Die Praxis ist an der Kapazitätsgrenze, kann keine neuen kleinen Patienten mehr aufnehmen: Rund zwanzig muss sie jede Woche abweisen. "Man geht morgens schon mit Bauchschmerzen zur Arbeit", sagt Djorgimajkoski. "Man weiß schon um den Stress, der einen erwarten wird." Zu viel Arbeit für zu wenige Leute bei zu wenig Lohn. Dieser Dreiklang herrscht in vielen Praxen und gefährdet vor allem die Versorgung von Kindern.

Mehr als 600 Arzthelfer-Azubis fehlen

Medizinische Fachangestellte (kurz MFA) wie Miriam Djorgimajkoski werden händeringend gesucht - Sprechstundenhilfen oder Arzthelferinnen, wie man sie früher genannt hat. Allein in Hessen sind 660 Ausbildungsstellen für diesen Beruf unbesetzt. Ein Teufelskreis aus Stress und Personalmangel schlage die Fachkräfte in die Flucht, klagt der Verband medizinischer Fachberufe.

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Umfrage unter Kinderärzten:

Antworten von 340 niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten:

  • 92 Prozent: Arbeitsbelastung hat immens zugenommen
  • 90 Prozent: Anfragen nach Neu-Aufnahmen gestiegen
  • 85 Prozent: lehnen Teile der Anfragen ab
  • 50 Prozent: nimmt Anfragen zu U2/U3 an
  • 54 Prozent: mindestens eine MFA-Stelle unbesetzt
  • 38 Prozent: wegen offener Stellen Leistungen reduziert
  • 33 Prozent: haben nicht-medizinisches Personal in der Anmeldung

Quelle: Verband der Kinder- und Jugendärzte in Hessen.

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Zwar trifft dieser Mangel alle Praxen, doch besonders die Kinderärzte. Bei einer Umfrage, die der Verband der Kinder- und Jugendärzte in Hessen aktuell durchführt, gaben bislang 92 Prozent der befragten Praxen an, die Arbeitsbelastung habe enorm zugenommen. 85 Prozent müssen Anfragen ablehnen.

Für die Kleinsten zu sorgen, erfordert Zeit, Geduld und zusätzliches Personal. Knappe Ressourcen - nicht erst seit Corona, sagt Thomas Kolb, Gesundheitsökonom an der Wiesbadener Hochschule Rhein-Main: "Im Verhältnis zu anderen Vertragsärztinnen und Vertragsärzten ist bei den Kinderärzten einfach eine sehr hohe Leistungsdichte und eine sehr große Zuwendung zu den kleinen Patientinnen und Patienten erforderlich."

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„Die Situation der medizinischen Fachangestellten kann man mit drei 'Us' beschreiben: unentbehrlich, unterschätzt, unterbezahlt.“ Thomas Kolb, Gesundheitsökonom Thomas Kolb, Gesundheitsökonom
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Obwohl MFAs in etlichen Bereichen Bescheid wissen müssen - medizinisch, psychologisch, organisatorisch - bekommen sie rund 1.000 Euro weniger im Monat als Pflegerinnen und Pfleger im Krankenhaus, rechnet Kolb vor: rund 2.700 Euro brutto verdienen sie im Hessenschnitt. Ihre Lage beschreibt der Ökonom daher mit drei "Us": "unentbehrlich, unterschätzt, unterbezahlt".

Fachkräfte werden abgeworben

Einem kleinen Kind in den Mund schauen: Schon dazu braucht es manchmal nicht nur den Arzt, sondern eben Arzt plus Assistentin, erzählt Doktor Burkhard Voigt, der Chef von Miriam Djorgimajkoski. In seiner Praxis bräuchte er eigentlich sechs medizinische Fachkräfte. Drei hat er nur. Dabei bezahlt er schon über Tarif, um seine Leute zu halten.

Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt biete oftmals mehr Anreize. "Immer wenn ich jemanden finde, steigt der nächste aus oder wird abgeworben", sagt Voigt: teilweise von Kliniken, teilweise von Impfzentren, die besser bezahlen können als die Kinderarztpraxis.

Kinderkliniken bauen Betten ab

Kliniken geht es allerdings kaum besser - jedenfalls nicht, wenn es um Zeit und Geld für die Versorgung von Kindern geht: Bundesweit gibt es heute nur noch halb so viele Betten für die stationäre Behandlung von Kindern wie vor 30 Jahren, so die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

In Kinderkliniken wurde die Zahl allein in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent gekürzt, rechnet der Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen Deutschlands (VLKKD) vor. "Das ist ein enormer Abbau – insbesondere, wenn man bedenkt, dass sich die Anzahl der Patienten in diesem Zeitraum erhöht hat", sagte Generalsekretär Wolfgang Kölfen im Dezember gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

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Kindermedizin rentiert sich nicht

Als Grund für den Bettenabbau sehen viele das System der sogenannten Fallpauschalen: Kliniken bekommen für einen Fall, also die Behandlung einer bestimmten Krankheit, einen fixen Geldbetrag - egal wie teuer sie wird. Weil Kinder mehr Zuwendung brauchen, zahlen Kliniken für ihre Versorgung oft drauf.

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Um die stationäre Versorgung von Kindern zu verbessern, fordert Kölfen eine Grundfinanzierung für Kinderkliniken: "Es ist wie mit der Finanzierung der Feuerwehr, die aus gutem Grund auch nicht über ihre Einsätze finanziert wird."

Immerhin: Gesundheitsminister Lauterbach hat im Frühjahr angekündigt, im Zuge einer Krankenhausreform Kinderkliniken aus dem Fallpauschalensystem herauszunehmen zu wollen.

Auch für Kinderarztpraxen würde die naheliegende Lösung lauten: mehr Geld ins System geben, sagt Gesundheitsökonom Thomas Kolb - gibt aber zu bedenken: "Es muss uns aber als Solidargemeinschaft klar sein, dass dann unsere Beiträge steigen würden."

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„Wir können nicht mit immer weniger Honorar immer mehr Leistung erbringen.“ Soraya Seyyedi, Kinderärztin, Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Soraya Seyyedi, Kinderärztin, Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte
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Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sieht die Politik in der Pflicht: "Wir fordern, dass einfach mehr Geld in die ambulante Versorgung gesteckt werden muss" , sagt Verbandssprecherin und Kinderärztin Doktor Soraya Seyyedi. "Wir können nicht mit immer weniger Honorar immer mehr Leistung erbringen"

Landesregierung: "keine Möglichkeiten"

Die Hessische Landesregierung sieht sich dagegen nicht zuständig. Aus dem Sozialministerium heißt es auf hr-Anfrage: "Möglichkeiten, etwa die Ausbildung oder Vergütung betreffend unmittelbar auf die beteiligten Akteur*innen einzuwirken, hat die Landesregierung nicht." Die Vergütung der Vertragsarztpraxen sei Sache der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Krankenkassen – und damit nicht der Politik.

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