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Obdachlose in Krisenzeiten

Hohe Strom-, Gas- und Lebensmittelpreise machen fast allen Menschen zu schaffen. Aber wie kommen Menschen zurecht, die ohnehin kaum Geld haben? Ein Obdachloser und ein Frührentner aus Frankfurt berichten.

Wenn Jens S. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) durch den Supermarkt geht, greift er nur nach den günstigsten Produkten im Regal. Aber selbst das kann er sich kaum noch leisten. Der 40-Jährige lebt in einem Zimmer in einer WG in Frankfurt. Die Miete wird vom Sozialamt bezahlt. Als Frührentner hat er knapp 500 Euro im Monat zum Leben. Das Geld reicht hinten und vorne nicht, sagt S.

Für eine Packung mit billiger Wurst habe er zum Beispiel bisher 89 Cent bezahlt, nun koste sie 1,29 Euro. Das seien zwar nur ein paar Cent, aber die durchweg höheren Preise würden dafür sorgen, dass er am Ende des Monats oft rechnen müsse. "Wenn man dann merkt, man hat sich doch ein bisschen verkalkuliert, tut das schon weh", sagt der Frührentner.

Flaschensammeln für fünf Euro am Tag

Damit das Geld reicht, geht Jens S. öfter mal zum Essen in sozialen Einrichtungen, zum Beispiel in der Teestube Jona im Frankfurter Bahnhofsviertel. Dorthin geht auch der Obdachlose Christian (vollständiger Name der Redaktion bekannt) regelmäßig. Um sich sein Geld für Essen zu verdienen, durchsucht der 58-Jährige Mülleimer in der Frankfurter Innenstadt nach weggeworfenen Pfandflaschen. Ungefähr fünf Euro pro Tag kämen so zusammen, erzählt er.

Diese Summe mit Flaschensammeln zu verdienen, sei schwieriger geworden, sagt Christian: "Wenn ich vor einem oder zwei Jahren noch 30 Flaschen gesammelt habe, sammle ich jetzt im selben Zeitraum vielleicht nur noch 20."

Größere Konkurrenz auf der Straße

Dass weniger Pfandflaschen zum Sammeln da sind, habe mit der aktuellen Lage zu tun, sagt Katharina Alborea von der Diakonie Hessen. Die Menschen müssten generell mehr auf ihr Geld achten. Viele würden ihre Flaschen lieber selbst abgeben und die 25 oder 8 Cent Pfand einstreichen, anstatt sie anderen zur Verfügung zu stellen. Auch die Konkurrenz unter Flaschensammlern ist nach Aussage von Alborea größer geworden, weil eben auch mehr Menschen sammeln würden, die früher nicht darauf angewiesen waren. "Das finde ich schon sehr erschreckend", sagt Alborea.

Mit wenig Geld auszukommen, bezeichnet Frührentner Jens S. als eine Überlebensfrage. Er verzichte auf sehr viele Sachen, sagt er. Er bräuchte zum Beispiel eigentlich seit Monaten ein neues Mobiltelefon. Weil das ihn aber 150 Euro kosten würde, kaufe er sich keines. Lebensmittel und Hygieneartikel sind für den 40-Jährigen wichtiger als ein Luxusgerät, auf das er sparen müsse. Genau das könne er ohnehin nicht von dem Geld, das ihm monatlich zur Verfügung stehe. "Ich bin stellenweise froh, wenn ich am Ende des Monats noch zehn Euro übrig habe", sagt Jens S.

Hilfseinrichtungen fürchten um ihre Existenz

Gerade für Leute, die finanziell auf Kante genäht lebten, werde es jetzt eng, sagt Katharina Alborea, die bei der Diakonie Hessen als Referentin für Wohnungsnotfallhilfe zuständig ist. Das gelte für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die am unteren Ende der Gehaltsstufen stehen, bis hin zu wohnungslosen Menschen.

Aber auch die 85 Dienste und Einrichtungen der Diakonie in Hessen hätten Angst um ihre eigene Existenz, berichtet Alborea. Auch die Hilfseinrichtungen selbst seien von hohen Energiepreisen und hohen Betriebskosten betroffen. "Und wenn da Beratungsstellen wegbrechen, dann wird das ganz fatal, unabhängig von der Krise."

Auch die stellvertretende Leiterin der Teestube Jona, Korinna Egger, sieht bei ihrer Einrichtung wenig Energie-Einsparpotenzial. "Bei uns halten sich die Menschen ja auf. Sie kommen zu uns, um sich aufzuwärmen, um sich auszuruhen. Wir können nicht die Heizung ausmachen."

Eigene Wohnung als Lichtblick

Einer der 80 bis 100 Menschen, die sich jeden Abend in der Teestube Jona aufwärmen, ist der Obdachlose Christian. Sein ganzer Alltag stützt sich auf die Hilfe von sozialen Einrichtungen, wie er berichtet: Dort könne er duschen, dort bekomme er ein Frühstück für 50 Cent oder Kleider. Die Unsicherheit, wie es mit den Einrichtungen weitergehe, führe bei den Menschen, die auf der Straße leben, zu einer massiven psychischen Belastung, betont Katharina Alborea von der Diakonie: "Die Leute werden zum Teil sehr mutlos."

Der Mut hat Christian nicht verlassen, auch wenn er finanziell stark an seine Grenzen kommt. Einen Lichtblick gibt es für ihn aber: Das Sozialamt habe ihm noch für dieses Jahr eine Wohnung zugesagt, verkündet der Obdachlose aus Frankfurt glücklich. "Ich gehe davon aus, dass es vorwärts geht. Auf jeden Fall habe ich eine gewisse Hoffnung."

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