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Im Wald werden neue Baumarten gepflanzt. Bild © hessenschau.de

Stürme, Trockenheit, Schädlinge – Hessens Wälder sind bedroht. Wissenschaftler und Förster suchen neue Baumarten, die dem Klimawandel trotzen. Eine Mammutaufgabe.

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Kaum zu glauben, dass sie nicht von hier ist. Sie ist nur ein wenig kleiner und wächst ein wenig wilder als ihre deutschen Verwandten. Der entscheidende Unterschied aber ist unsichtbar. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen aus Deutschland liebt die Flaumeiche hohe Temperaturen, und auch Trockenheit macht ihr nichts aus. Kein Wunder, denn die neue Baumart, die im Schwanheimer Versuchswald angepflanzt wurde, stammt aus dem mediterranen Raum. Ein Vorteil gegenüber der heimischen Stieleiche.

Trockenstress setzt Bäumen zu

Angepflanzt wurde die Flaumeiche von den Wissenschaftlern des South Hesse Oak Project der Frankfurter Goethe-Uni. Bereits seit zehn Jahren untersuchen die Biologin Vera Holland und ihre Kollegen, welche Eichenarten langfristig die heimische Stieleiche ersetzen könnten. Denn um diese Baumart steht es schlecht – besonders im Rhein-Main-Gebiet. Die dichten Baumkronen der kräftigen, erhabenen Bäume lichten sich zunehmend. Ein sichtbares Zeichen, dass es den Bäumen nicht gut geht. Doch die Probleme liegen nicht oben in den Baumwipfeln, sondern ganz unten an den Wurzeln – im Boden.

"Wo der Boden sehr trocken oder sandig ist, da merkt man die Einflüsse vom Dürresommer 2018 schon massiv", sagt Holland. "Wenn den Bäumen zu wenig Wasser zur Verfügung steht, sind sie geschwächt." Entweder vertrockne der Baum schlicht und ergreifend oder er verfüge nicht mehr über genügend Abwehrkräfte, um sich gegen Schädlinge wie den Borkenkäfer durchzusetzen. Wissenschaftler nennen dieses Phänomen Trockenstress.

Der schwarze Borkenkäfer sitzt auf einer Baumrinde
Kleiner Käfer, großer Schaden: Die vom Trockenstress geplagten Bäume können sich gegen den Borkenkäfer nicht mehr ausreichend wehren. Bild © picture-alliance/dpa

André Schulenberg vom Landesbetrieb Hessenforst spricht von einer dramatischen Lage. "In den hessischen Wäldern spielt sich als Folge der extremen Dürre im vergangenen Jahr derzeit eine Tragödie ab", warnte er bereits im Frühjahr. Bis Ende Juni hat sich die Situation weiter verschärft. In den ersten sechs Monaten des Jahres sei bereits das Doppelte einer normalen Holzernte angefallen, teilte Hessenforst mit - wegen Sturmschäden und dem Befall durch Borkenkäfer.

Fichten und Buchen sind bedroht

Nicht nur der heimischen Eiche setzt der Klimawandel bereits heute stark zu. Das stellte die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) fest, die in Göttingen zum Zustand des Waldes in Hessen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein forscht. Laut dieser sind aktuell auch ein Fünftel der hessischen Fichten und dreizehn Prozent der Buchen bedroht. In Zukunft wird sich die Situation noch weiter verschärfen, denn nach dem Jahrhundertsommer 2018 werden weitere Dürre- und Trockenperioden erwartet. In den nächsten 50 Jahren soll sich die Zahl der gefährdeten Fichten mindestens vervierfacht, die der gefährdeten Buchen sogar versechsfacht haben.

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"Unsere Bäume stehen 100 oder 200 Jahre auf ihrem Platz. Sie können sich nicht wegbewegen. Wenn sich aber die grundlegenden Standortbedingungen ändern, dann muss ich andere Bäume auswählen", sagt Hermann Spellmann von der Forstlichen Versuchsanstalt - ein Jahrhundertprojekt. Denn neu gepflanzte Bäume brauchen Jahrzehnte bis sie ausgewachsen sind. Das Ziel ist klar: Der hessische Wald muss für den Klimawandel fit gemacht werden.

Mediterrane Bäume sind robuster

Mediterrane Arten sind dafür prädestiniert, Hitze und Trockenheit zu trotzen. Denn sie sind wesentlich robuster als mitteleuropäische Bäume. Sie sind kleiner, ihr Wurzelwerk ist jedoch großflächiger und reicht weiter in die Erde. Dadurch kommen sie auch an Wasserreserven aus tiefen Bodenschichten.

Ein weiterer Vorteil: Die Blätter vieler mediterraner Arten haben eine spezielle Beschichtung. Diese verhindert, dass der Baum durch Verdunstung an der Blattoberfläche viel Flüssigkeit verliert. Die Blätter der Flaumeiche fühlen sich daher leicht pelzig an, die anderer Baumarten eher wachsartig.

Detailaufnahme Blätter Flaumeiche
Sie könnte es in Hessens Wäldern in Zukunft häufiger geben: Die Flaumeiche ist als mediterrane Verwandte der heimischen Eiche besser gegen Hitze gewappnet. Bild © Saskia Leidinger

Eine Frage des Standorts

Für Wissenschaftler wie Vera Holland kommt der Moment der Wahrheit allerdings erst in den Wintermonaten. Denn der hitzeresistenteste Baum bringt nichts, wenn er nicht gut durch den Winter kommt. Letztlich geht es darum, Baumarten zu finden, die sich im hessischen Wald wohlfühlen und auch von den Waldbewohnern, Pflanzen und Insekten, angenommen werden. Bei der Flaumeiche scheint dies gut zu klappen.

Die Frage, welcher Baum in Zukunft überlebt, ist grundsätzlich vom Standort abhängig. Ein Baum, der im Norden Hessens gut wächst, ist im Rhein-Main-Gebiet noch lange nicht überlebensfähig. Ob eine bestimmte Baumart angepflanzt wird, ist aber nicht nur eine ökologische Frage. Deutschlands Wald ist vor allem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Interessant sind deshalb Arten, die schnell wachsen und hochwertiges Holz liefern. Hochleistungsbäume, wenn man so will. Lange Zeit waren das für deutsche Wälder vor allem die heute bedrohten Fichten und Buchen. Gesunde Bäume liegen daher nicht nur im Interesse der Biologen, sondern auch in dem der Forstwirtschaft.

Trockener Waldboden mit Fichtenbestand
Die Trockenheit der Böden bereitet vor allem den flachwurzelnden Fichten große Probleme. Bild © Hans-Christian Kammergruber/ Hessenforst

Förster: "Naturschutzgesetze sind zu statisch"

Förster können allerdings nicht frei entscheiden, welche Bäume gepflanzt werden. Naturschutzgesetze geben hier Grenzen vor. So sollen laut Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union von 1992 Waldgebiete nur mit "natürlicher Vegetation" aufgeforstet werden, das heißt zum Beispiel, dass in Eichenwäldern auch nur Eichen nachgepflanzt werden.

Hermann Spellmann von der forstwirtschaftlichen Forschungseinrichtung NW-FVA hält wenig von diesem Konzept: "Ich bin der Meinung, dass dieser Ansatz zu statisch ist." Er berücksichtige den Klimawandel zu wenig. Dessen Auswirkungen seien aber teilweise jetzt schon spürbar: "Es sterben Buchen und Fichten. Weil sich Umweltfaktoren verändern, ist es nicht sinnvoll, diese Baumarten weiter aufzuforsten."  

Eine Aufgabe für Generationen

Damit es auch in hundert Jahren noch einen intakten Wald gibt, setzt Spellmann daher auf Roteichen und Douglasien als neue Hochleistungsbäume. Diese sind bereits seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland heimisch und gut an den Klimawandel angepasst, sie bringen guten Ertrag und gefährden das Ökosystem nicht, so der Forstwirtschaftler. 

Noch ist nicht abzusehen, welche Baumarten sich am Ende durchsetzen werden. Bis aus den kleinen Pflänzchen im Schwanheimer Wald ein ausgewachsener Baum wird, vergehen mindestens 50 Jahre. Bis dahin sind sowohl Spellmann von der NW-FVA als auch Biologin Vera Holland längst in Rente. Den Wald fit für den Klimawandel zu machen, ist eine Aufgabe für Generationen.

Die Autor*innen studieren am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Hier finden Sie Infos über das Projekt der Uni Mainz in Kooperation mit hessenschau.de.