Feuerwehren begeistert Fuldaer Starkregen-Alarmsystem stößt auf großes Interesse

Mit einem Alarmsystem bei Starkregen werden Menschen und Einsatzkräfte im Landkreis Fulda frühzeitig vor drohenden Überschwemmungen gewarnt. Das Fazit nach einer Pilotphase fällt durchweg positiv aus. Jetzt wollen auch andere Städte die Technik übernehmen.

Die Feuerwehr pumpt die vollgelaufene Tiefgarage eines Hotels in Wiesbaden leer
Die Feuerwehr muss nach Starkregen immer wieder Häuser, Keller und Garagen auspumpen. Bild © picture-alliance/dpa
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Ein im Landkreis Fulda erfolgreich erprobtes Warnsystem soll hessenweit Schule machen und Kommunen besser vor Starkregen und Überflutungen schützen. Sensoren und die Digitalisierung sollen dabei helfen, Schäden durch Wassermassen zu begrenzen.

Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus und der Fuldaer Landrat Bernd Woide (beide CDU) nahmen am Donnerstag das fertig ausgebaute Starkregen-Frühalarmsystem bei einem Treffen am Grumbach in Künzell (Fulda) final in Betrieb.

Bereits vor rund anderthalb Jahren wurde das Pilotprojekt zum Schutz vor Hochwasser und Starkregen im benachbarten Eichenzell vorgestellt. Zunächst nahmen daran nur drei weitere Kommunen teil. Mittlerweile sind alle 23 Städte und Gemeinden an das System angeschlossen, wie der Kreis Fulda mitteilte.

Mehr als 180 Sensoren im Einsatz

Das System misst in Echtzeit Niederschlag, Pegelstände und Abflussverhalten und kombiniert diese Daten mit den Werten des Deutschen Wetterdienstes. Bei den Messungen kommen mehr als 180 Sensoren zum Einsatz. Sie sind zum Beispiel in Gewässern, an Brücken und in Abwasserkanälen angebracht.

Kristina Sinemus und Ramona-Margarita Ruppert stehen in der Abendsonne auf einer Fußgängerbrücke, an welcher ein Senor angebracht ist.
Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus (links) ließ sich einen Sensor des Starkregen-Frühwarnsystems an einer Fußgängerbrücke über der Fliede von einer Mitarbeiterin des Landkreises Fulda zeigen (Aufnahme von November 2022). Bild © hessenschau.de / Jörn Perske

Wenn bestimmte Mess- und Grenzwerte überschritten sind, wird automatisch in Sekundenschnelle Alarm ausgelöst. Übermittelt wird die Meldung an Bürger, Rettungskräfte und die Verwaltung; zum Beispiel per Kurznachricht, E-Mail oder Sprachanruf (VoiceCall).

Bürger können den Alarm über eine dafür eingerichtete, kostenlose Starkregen-App erhalten oder über eine Webseite, auf der Infos für ihr Einzugsgebiet abrufbar sind. Zudem können sie auch Starkregen-Ereignisse melden und auf einer Karten eintragen.

Ministerin Sinemus rief Bürger und Bürgerinnen dazu auf, die App zu installieren und zu nutzen. So könnten sie im Ernstfall rechtzeitig gewarnt werden. "Überflutungen werden damit zwar nicht verhindert, aber die Folgen können dank des Zeitvorsprungs verringert werden", erklärte Sinemus.

Längere Reaktionszeit für die Feuerwehr

Besonders wertvoll ist das Frühwarnsystem auch für die Feuerwehr und andere Hilfsorganisationen. "Normalerweise werden wir erst alarmiert, wenn es schon zu spät ist. Jetzt haben wir eine längere Reaktionszeit und können besser auf den Ernstfall reagieren", befand der Fuldaer Kreisbrandinspektor Adrian Vogler. Das System habe daher großen Nutzen für die Bevölkerung und Einsatzkräfte.

Seit dem Beginn der Installation wurde nach Kreis-Angaben schon mehrfach der Praxistest bestanden und Alarm ausgelöst. Besonders wertvoll gewesen sei dies etwa bei einem Starkregen Mitte August vergangenen Jahres. Einige Kommunen erreichten dabei sogar die zweite von drei Hochwasser-Meldestufen und konnten frühzeitig Sicherheitsmaßnahmen einleiten. Sandsäcke stapeln, Barrieren errichten und vieles mehr.

"Leuchturmprojekt" soll Vorbild für andere sein

Ministerin Sinemus bezeichnete das Starkregen-Frühalarmsystem als "echtes Leuchtturmprojekt". Angesichts vermehrt auftretendem Extremwetter in Folge des Klimawandels würden solche Systeme an Bedeutung gewinnen. Das Projekt zeige, wie die Digitalisierung bei bedrohlichen Notfällen den Kommunen helfen könne.

Sinemus appellierte an alle Kommunen in Hessen, sich das Fuldaer Modellprojekt anzuschauen. Beim Landkreis Fulda und der dortigen Unteren Wasserbehörde sind in den vergangenen Monaten bereits zahlreiche Anfragen eingegangen, wie der hr auf Anfrage erfuhr.

Interesse am Frühwarnsystem ist hoch

"Das Interesse kommunaler Verwaltungen am System ist sehr hoch", sagte eine Kreissprecherin. Drei Dutzend Vorträge seien zudem schon gehalten worden, 16 davon in Kommunen außerhalb Hessens. Aus Hessen hätten bereits die Städte Hanau und Schlitz (Vogelsberg) das System übernommen.

Nach Angaben des Digitalministeriums sei es aktuell das einzige System auf dem Markt, das flächig einen kompletten Landkreis bei drohender Gefahr in mehreren Stufen alarmiere. Die Meldestufen sind dreigliederig: Der Vorwarnstufe (S1) folgen eine Überflutungswarnung (S2) und der Hinweis auf eine Sturzflutgefahr (S3). In der ersten und zweiten Stufe gab es bis Jahresende 2023 zusammen 180 Warnungen.

Nutzer bekommen Tipps für den Notfall

Sobald eine Meldung der Stufen ausgesandt wird, erhalten Nutzer Tipps für Sicherheitsmaßnahmen und Handlungsempfehlungen. Etwa: Keine Tiefgarage mehr betreten. Oder: Im Haus besser Räume in höher gelegenen Etagen aufsuchen.

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Kosten und Akteure im Hintergrund

Eine Vielzahl an Akteuren hat an dem Projekt mitgewirkt. Neben der Unteren Wasserbehörde und dem Amt für Bodenmanagement in Fulda auch die Firmen Spekter und Edag. Unterstützt haben das RP Kasel und das Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Die Kosten beliefen sich auf knapp eine Million Euro. Rund 830.000 Euro davon kamen vom Digitalministerium und dem Programm "Starke Heimat Hessen".

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Für den Fuldaer Landrat Woide ist das Warnsystem wichtig: "Unsere Ausgangsbasis waren die zehn Pegel des hessischen Landesamtes, die an den größeren Gewässern wie der Haune, der Ulster und der Fulda die Wasserstände gemessen haben." Mit den nun knapp 200 vorhandenen Sensoren gebe es mehr Daten. Das System berücksichtige auch ländliche Besonderheiten. Die Sensorik komme insbesondere an kleineren Gewässern zum Einsatz, die "bei Sturzflutereignissen zu reißenden Flüssen werden können", wie Woide sagte.

Bürgermeister: System erhöht den Eigenschutz

In Künzell-Dirlos wurde am Donnerstag beispielhaft gezeigt, was im Notfall unternommen werden kann. Denn der Grumbach steigt auch immer mal wieder an und über die Ufer. In diesem Fall können die Einsatzkräfte frühzeitig mobile Hochwasser-Barrieren auslegen. So soll verhindert werden, dass das Wasser in den Ort läuft.

Künzells Bürgermeister Timo Zentgraf (parteilos) sagte: "Das Starkregen-Frühalarmsystem ist eine absolut sinnvolle Ergänzung unserer bisherigen Bemühungen. Die Möglichkeit des Eigenschutzes wird dadurch ebenfalls erhöht. In der Vergangenheit hätte uns diese Einrichtung bestimmt schon gute Dienste erwiesen."

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Kommunen nutzen Spezialkarten zum Starkregen

Die Kommunen in Hessen beschäftigten sich auf verschiedenen Wegen mit der Gefahr von Unwetter-Folgen. Mehr als 320 Kommunen verfügen inzwischen über spezielle Karten für einen besseren Schutz vor den Folgen von Starkregen. Diese sogenannten Fließpfadkarten sind besonders gut für kleinere Kommunen geeignet und zeigen, welche Straßen oder Plätze bei Starkregen besonders gefährdet sind, wie das Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie vor kurzem in einer Mitteilung erklärte. Seit der Katastrophe im Ahrtal im Sommer 2021 sei das Bewusstsein für diese Art von Bedrohung deutlich gestiegen.

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Sendung: hr4, 26.4.2024, 6.30 Uhr

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Quelle: hessenschau.de