Portugiesische Community im Odenwald Eine Geschichte vom Fortgehen, Ankommen und Bleiben

In den 1960er-Jahren kamen viele portugiesische Arbeiter nach Groß-Umstadt - mitsamt ihrer Familien, Hoffnungen und Ängste. Ein hr-Film erzählt die Geschichte der größten Community in Hessen: Alles begann mit einer Moped-Panne.

Ein Mann auf einem alten Motorrad blickt auf Groß-Umstadt
Hat es so begonnen? Der "erste Portugiese" in Groß-Umstadt soll hier wegen einer Panne gelandet sein. Bild © hr
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Die Geschichte der portugiesischen Gastarbeiter in Groß-Umstadt

hs
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Vor mehr als 60 Jahren fuhr ein Portugiese auf einem knatternden, kleinen Motorrad nach Deutschland, bis der Motor auf den Straßen von Groß-Umstadt (Darmstadt-Dieburg) den Geist aufgab. Dort wurden Arbeiter gesucht, und so blieb Antonio Carneiro. Viele seiner Landsleute folgten ihm in das Städtchen in Südhessen.

Bis heute erzählt man sich in Groß-Umstadt diese Geschichte vom "ersten Portugiesen", der wegen einer Panne im Odenwald strandete. Eine Sage vom Fortgehen, Ankommen und Bleiben. Ob sie so stimmt? Wer weiß das schon.

Klein-Portugal in Südhessen

Klar ist, dass die Neuankömmlinge Groß-Umstadt verändert haben: Die Stadt sei heute noch ein bisschen wie Klein-Portugal, erzählt Adolfo de Castro Costa: "Jeder Dritte ist ein Portugiese, es gibt portugiesische Läden, eine portugiesische Schule."

Adolfo de Castro Costa kam mit elf Jahren nach Südhessen, eingezwängt zwischen seinen Geschwistern im Opel Kadett seiner Eltern. In der hr-Dokumentation "Der erste Portugiese" für den Fernsehsender arte erzählen er und andere Groß-Umstädter mit portugiesischer Herkunft ihre Geschichte.

Gruppe von Männern sitzt um einen Baum
Unter einem "Münzbaum" in Groß-Umstadt traf sich früher die portugiesische Community. Bild © hr

In deutschen Fabriken gab es in den 1960er-Jahren viel zu tun, das sprach sich bis nach Portugal rum. Dort reichte der Lohn oft nicht, um eine Familie zu ernähren. Und so machten sich viele auf den Weg. Später stammen von 12.000 Einwohnern in Groß-Umstadt mehr als 2.000 aus Portugal.

In dem Städtchen lebt noch immer die im Verhältnis zur Einwohnerzahl größte portugiesische Gemeinde Deutschlands. "Portugal liegt mitten in Groß-Umstadt" - so wirbt der Kulturverein Clube Operário Portugès, der 1969 von 30 Neu-Groß-Umstädtern gegründet wurde und in dem bis heute getanzt, gegessen und gefeiert wird.

"Am Anfang mieden sie uns"

In den 1960er- und 1970er-Jahren brachten die Portugiesen ihre Kinder, ihre Musik und ihre Hoffnungen mit nach Südhessen. Clara Pereira Ferreira kam mit ihrem Mann und verpackte wie viele andere Portugiesen glitzernde Kronleuchter und Lampen in der Fabrik Palme und Walter, oft bis spät in die Nacht.

Mit über 80 Jahren blickt sie in der hr-Doku auf die erste Zeit zurück: "Am Anfang wirkten die Deutschen, als hätten sie Angst vor uns. Alles, was wir kochten, roch für sie schlecht. Am Anfang mieden sie uns." Aber auch Clara Pereira Ferreira war zunächst nicht begeistert von Deutschland. "Ich dachte: Das hier ist Deutschland? Es stank! Ich wollte nicht hier sein", erinnert sie sich.

Clara Pereira Ferreira näht sie noch die Kleider für das portugiesische Johannisfest
Clara Pereira Ferreira näht Kleider für das portugiesische Johannisfest Bild © hr/ Ausschnitt "Der erste Portugiese"

Dass die Portugiesen in den Fabriken von früh bis spät schufteten, habe dazu beigetragen, dass die Deutschen ihre Meinung langsam änderten, erzählt sie: "In der Fabrik näherten sie sich uns langsam, weil sie sahen, dass wir was taugten."

"Ohne Opa wären sie alle gar nicht hier"

Eine der Firmen, für die viele Portugiesen arbeiteten, ist der Schichtstoffplatten-Hersteller Resopal. Albano Carneiro arbeitet dort seit fast 40 Jahren, er fing im Alter von 14 Jahren an. Antonio Carneiro, "der erste Portugiese", war sein Großvater, auch er arbeitete schon bei Resopal. "Ohne Opa wären sie alle gar nicht hier", sagt Albano mit Stolz.

In Deutschland werden Zugewanderte gerne am Nutzen für den Wirtschaftsstandort gemessen, bewertet nach Kategorien wie Integration, Assimilation, Deutschkenntnissen, Leistungsbereitschaft, Fähigkeiten und der Bereitschaft, für geringe Löhne zu arbeiten.

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Wie Saudade in den Odenwald kam

Die Dokumentation des hr-Filmemachers Adrian Oeser dreht diese Perspektive um, indem er die portugiesische Community ihre Sicht auf Deutschland erzählen lässt: darüber, was es heißt, in der Fremde zu stranden und ganz von vorne anzufangen - mit harter Arbeit, Sehnsüchten und Zerrissenheit.

"Wie Saudade in den Odenwald kam" lautet der Untertitel des Films. Saudade, erklärt Alice Coutinho, die als kleines Kind mit ihren Brüdern nach Groß-Umstadt kam, sei ein besonderes Wort, für das es keine deutsche Übersetzung gebe. "Es ist eigentlich die Sehnsucht nach Menschen und die Sehnsucht nach einem Ort. Es ist schön, aber auch traurig", sagt sie: "Ich bin so ein Mensch, der in zwei Welten lebt."

Fachwerkhäuser, viele Autos, mächtige Männer

Alice Coutinho wuchs auf einem Bauernhof in Groß-Umstadt auf. Die Deutschen, die dort lebten, wurden zu ihrer Zweitfamilie. Bis die Eltern zurück nach Portugal gingen, sie mitnahmen und ihre beiden Brüder zurückließen, die bis heute in Deutschland leben.

Adolfo de Castro Costa auf seinem Motorrad, im Hintergrund fahren andere Männer mit alten Motorrädern
Sonntagsausfahrt: Adolfo de Castro Costa pflegt die Motorrad-Tradition in Groß-Umstadt - mit original portugiesischen Maschinen. Bild © hr

Einer ihrer Brüder ist Adolfo de Castro Costa. Als er mit elf Jahren 1968 in Groß-Umstadt ankam, habe er Tränen in den Augen gehabt, erzählt er im Film, weil alles so anders gewesen sei: die Fachwerkhäuser, die vielen Autos. "Auch die Menschen waren anders, groß, blond, mächtige Männer." Wie es damals aussah, als die ersten Portugiesen in die Stadt zogen, zeigen Videoaufnahmen des Stadtarchivs.

An jedem Sonntag eine Moped-Tour

Eine Tradition halten Adolfo und seine Freunde bis heute am Leben: Sie pflegen ihre portugiesischen Mopeds und treffen sich an jedem Sonntag für eine Ausfahrt. Wenn Adolfo auf seiner kleinen Maschine durch die Stadt knattert, winken ihm die Groß-Umstädter zu. Sie kennen die Geschichte vom ersten Portugiesen.

Diese stößt auch heute noch auf großes Interesse: Am vergangenen Wochenende hatte die hr-Doku "Der erste Portugiese" Premiere in Groß-Umstadt. Die Stadthalle war voll, es kamen 600 Menschen.

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"Der erste Portugiese" im Fernsehen

Die Filme "Der erste Portugiese" und "Nelken für die Revolution" über den Umsturz durch linksgerichtete Offiziere im Jahr 1974 liefen im April auf arte und sind dort in der Mediathek zu sehen.

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Weitere Informationen

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 29.04.2024, 19.30 Uhr

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Quelle: hessenschau.de