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Forscher starten Praxisversuch mit Pendlern

Die Forscher locken mit kostenlosen E-Bikes und einem Gratis-Ticket für Bus und Bahn. Im Gegenzug müssen die Studienteilnehmer ihr Auto für den Weg zur Arbeit stehen lassen. Der Versuch soll zeigen, was es braucht, damit Pendler dauerhaft umsteigen. Und vor allem: Was sie noch daran hindert.

Die Homeoffice-Pflicht hat während der Corona-Pandemie für eine kurzzeitige Verschnaufpause gesorgt, doch der Trend ist klar: Die Zahl der Pendler in Hessen wächst beständig. Fast 400.000 Menschen pendeln der Bundesagentur für Arbeit zufolge regelmäßig allein nach Frankfurt. Mehr als die Hälfte davon ist "mangels attraktiver Alternativen auf das Auto angewiesen", sagen Verkehrsexperten der Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt. Die Folge: Staus - und Stress, noch bevor die Menschen auf der Arbeit angekommen sind.

Auf genau diese Alternativen zum Auto - und ihre vermeintlichen Mankos - wollen Wissenschaftlerinen und Wissenschaftler nun in einem Praxis-Experiment einen detaillierten Blick werfen. Rund 40 Freiwillige, die regelmäßig aus den Kreisen Hochtaunus und Groß-Gerau pendeln müssen, sollen daran teilnehmen. Für den Weg zur Arbeit müssen sie ihr Auto stehen lassen, ab Mitte August bis zum Ende des Jahres.

Dafür bieten ihnen die Forscher kostenlos verschiedene Alternativen an: ein Fahrrad, ein E-Bike, eine RMV-Monatskarte oder einen Platz im Co-Working-Space. Falls das alles wegen der Strecke oder der Möglichkeiten vor Ort nicht in Frage kommt, stehen auch einige wenige E-Autos zum Testen bereit.

Wie kann die Umgestaltung gelingen?

Geleitet wird der Versuch vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt. "Für mich ist besonders spannend, wie die Umorganisation vom Pendeln mit der Umorganisation vom Alltag zusammenwirkt", sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter, Luca Nitschke. "Es ist zu einfach betrachtet, zu sagen: Ich ersetze meinen Weg mit dem Auto durch einen Weg mit dem Fahrrad. Da gehört ganz viel dazu, das hat sehr viele Auswirkungen."

Wie kann die Umgestaltung gut funktionieren? Welche Rahmenbedingungen braucht es dafür? Das sind laut Nitschke die Kernfragen des Versuchs. Dabei könne es um den Wohnort, den ÖPNV oder auch Radwege vor Ort gehen. Aber auch der Blick auf die persönliche Ebene sei wichtig: "Müssen die Leute eine bestimmte Einstellung haben? Was sind vielleicht auch typische Motivationen?"

Mobilitätsexperten beraten

Seit Mitte Juni können sich Interessierte für das Experiment bewerben, rund 60 Anfragen sind laut Nitschke in den ersten eineinhalb Wochen eingegangen. "Das ist ein extrem guter Rücklauf, wir sind sehr angetan davon, wie gut das Thema angenommen wird." Unter allen Bewerberinnen und Bewerbern wählt er zusammen mit seinen Kollegen aus. Die Gruppe soll die Diversität von Pendlern abdecken: jung und alt, mit und ohne Kinder im Haushalt, Schichtdienst oder klassischer Bürojob.

Die ersten Teilnehmer sind schon ausgewählt, mit ihnen startet Nitschke nun in die nächste Phase: Ein Interview zu ihrer aktuellen Situation und der Frage, welche Angebote für sie interessant sein könnten. Mobilitätsexperten helfen ihnen im Anschluss bei der Organisation ihres neuen Pendel-Alltags – zum einen bei der konkreten Planung, aber auch mit kleinen Tipps. Wie kann ich auch ohne Auto gut Sachen transportieren? Welche Kleidung taugt fürs Fahrradfahren? Wie mache ich mir das Bahnfahren angenehmer?

Es gehe aber auch um das Zusammenwirken von Pendeln und Alltag, erklärt Nitschke, und wie kleine Dinge dazu beitragen können, das man das Auto dafür nicht mehr brauche: "Das klassische Beispiel bei uns ist die Wasserkiste im Kofferraum, die man auf dem Heimweg noch wegbringen will - da wäre die Alternative ein Wassersprudler. Das sind ganz praktische Alltagstipps."

Nitschke: "Ganzheitlich denken"

Dieser umfassende Ansatz ist dem Wissenschaftler wichtig. "Oft ist das größte Problem, dass man eine Maßnahme einführt, die dann verpufft, weil man nicht ganzheitlich genug denkt." Die Methode, mit der sie bei diesem Versuch arbeiten, sei nicht komplett neu: In einem "Reallabor" – also unter normalen Alltagsbedingungen - zu testen, wie Maßnahmen und Angebote wirken, sei ein zielführender Ansatz. Das werde in der Forschung seit mindestens zehn Jahren gemacht. "Aber im Kontext des Pendelns ist es meines Wissens nach eines der ersten Projekte", so Nitschke.

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Projekt "Pendellabor"

Weitere Informationen zum Projekt sowie den Fragebogen für die Bewerbung finden Sie auf der Internetseite pendellabor.de.

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Doch wie repräsentativ kann ein Versuch mit ein paar Dutzend Teilnehmern sein? "Was uns in dem Experiment sehr stark interessiert ist, wie soziale Veränderungsprozesse und Dynamiken funktionieren", erklärt Nitschke. Das könne man nur am Einzelfall untersuchen. Und relativ schnell würden sich dabei Muster zeigen, davon gebe es am Ende nicht so viele. "Wir können dann für unterschiedliche Personengruppen oder -typen Aussagen treffen: Bei diesen Personen funktioniert es eher so, bei anderen so." Eine große Fallzahl sei da eher hinderlich, weil man dann nicht so sehr in die Tiefe schauen könne.

Pendeln hat viele Auswirkungen

Doch auch größere Studien wurden im Rahmen des "Pendellabors", wie das Gesamtprojekt heißt, durchgeführt. In Interviews und Umfragen haben die Forschenden Menschen rund um Frankfurt bis nach Darmstadt im Süden und den Rheingau-Taunus-Kreis im Westen befragt. "Die quantitative Forschung ist sehr relevant – die machen wir ja auch im Projekt, um es gegenspiegeln zu können." Alle Erkenntnisse sollen in die abschließende Auswertung einfließen.

In einem Vorab-Bericht haben sie zudem den aktuellen Forschungsstand zum Pendeln und Perspektiven zusammengefasst. Zwei wichtige Erkenntnisse habe das Team dabei gewonnen, so Nitschke. "Pendeln ist deutlich komplexer als man auf den ersten Blick vermuten mag." Man müsse es mehr verstehen als Übergang zwischen Privat- und Arbeitsleben. "Und diesen Übergang wollen wir verträglicher gestalten."

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Projektpartner

Am "Pendellabor" sind neben der ISOE weitere Forschungsinstitute beteiligt: die TU Dortmund, die Integrierte Verkehrs- und Mobilitästmananagement GmbH (ivm) und die Hochschule RheinMain. Die Stadt Frankfurt, der Regionalverband FrankfurtRheinMain sowie die Kreise Groß-Gerau und Hochtaunus unterstützen das Projekt.

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Außerdem habe Pendeln noch mehr Auswirkungen als den viel zitierten Umweltaspekt, negative und positive. Straßen seien zum Beispiel für viele Zeiten des Tages überdimensioniert, weil sie auf die Rushhour ausgerichtet seien. Außerdem beeinflusse Pendeln auch die Gesundheit und die Lebensqualität. "Das hat starke Auswirkungen darauf, wie man Leute motivieren kann: nicht nur mit 'wir müssen die Umwelt schonen', sondern auch: man kann etwas für die eigene Gesundheit tun, das Leben verbessern."

Ziel: Handlungsempfehlung

Ende des Jahres werden alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem Abschluss-Interview zu ihren Erfahrungen befragt. In der Zwischenzeit können sie sich in einem Onlineforum austauschen – mit den anderen Freiwilligen und den Wissenschaftlern. Über die schönsten Pendlerstrecken, den Ärger wegen der Bahnverspätung. Das soll sie motivieren und die Forscher auf dem Laufenden halten. Und wenn jemand zwischendrin merkt, dass die Alternativen doch nichts für ihn sind? "Das vermeintliche Scheitern, das jemand mal abbricht, ist für uns ganz wichtig. Weil wir sehr viel darüber lernen, warum es gescheitert ist", betont Nitschke.

Im kommenden Jahr soll das Experiment ausgewertet werden. Wie genau, das ist laut Nitschke noch in Planung. Ein klassischer Abschlussbericht mit 300 Seiten sei aber nicht das Ziel. "Wir wollen versuchen, sehr stark mit der Praxis - also mit der Verwaltung, der Politik - in einen Empfehlungsmodus zu kommen, Handlungsempfehlungen zu geben". Erfahrungen, Hemmnisse und Erfolgsfaktoren für die Umsetzung von Maßnahmen sollen so möglichst breit gestreut werden - und bei den richtigen Stellen ankommen.