Rechtsanspruch Das Recht auf einen Kitaplatz ist und bleibt ein Papiertiger

Seit genau zehn Jahren gibt es den bundesweiten Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Doch das blieb graue Theorie. Der Mangel an Kitaplätzen ist Alltag - zum Beispiel im südhessischen Langen.

Schild mit der Aufschrift Kindertagesstätte.
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Kitaplatz-Lotterie in Langen

Mama mit drei Kindern
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Jeanette Fischer sitzt auf dem Boden des Wohnzimmers und spielt mit Sohn Ed. Es ist ein Vormittag unter der Woche, Ed ist eineinhalb Jahre alt. Laut Rechtsanspruch könnte er in der Krippengruppe einer Kita sein. Doch einen Platz suchen Eds Eltern bislang vergeblich. Dabei täte der ihrem Sohn gut, glaubt seine Mutter. "Weil ich natürlich sehe, dass ihm der Umgang mit Kindern in seinem Alter fehlt." Bei anderen Familien sei die Situation weitaus brenzliger. "Da gibt es Alleinerziehende ohne Einkommen, ohne Unterhaltszahlungen. Es ist dramatisch!"

Der Mangel an Kita-Plätzen hat der Stadt Langen eine zweifelhafte Berühmtheit beschert. Jedenfalls war die Situation der Süddeutschen Zeitung jüngst eine längere Reportage wert – und die Feststellung, es handle sich um einen Extremfall. Jeanette Fischer hat eine andere Erklärung. "Langen ist nicht alleine mit diesem Problem. Aber Langen ist sehr transparent mit seinen Zahlen."

"Familien an der Belastungsgrenze"

Fast 300 ein- bis dreijährige Kinder stehen derzeit in Langen auf der Warteliste. Die Stadt ist exemplarisch für ganz Hessen und auch deutschlandweit. Hessen hat unlängst beschlossen, dass mehr Quereinsteiger als Erziehende einsteigen dürfen, weil die Not so groß ist.

Bei Kindern ab drei Jahren ist die Lage in Langen deutlich besser, aber auch längst nicht gut. Eltern zahlen die Zeche. Jeanette Fischer arbeitet für eine Frankfurter Bank und würde gern zurück in den Job. Im Moment muss sie aber zwangsläufig darüber nachdenken, die Elternzeit zu verlängern. "Da sind Familien, die kommen an ihre Belastungsgrenze." Das könne dazu führen, "dass die Stimmung zuhause kippt".

Bürgermeister Werner: "Habe den Mangel geerbt"

Die Stadt mit knapp 40.000 Einwohnern auf halber Strecke zwischen Frankfurt und Darmstadt stellt sich dem Problem und arbeitet daran, neue Plätze aus dem Boden zu stampfen. Der seit drei Jahren amtierende Bürgermeister Jan Werner betont aber, er habe den Mangel geerbt. "Jedes dritte Kind hatte in Langen keinen Kita-Platz. Seitdem haben wir 280 Plätze geschaffen. Die sind in Betrieb, die Kinder sind in den Kitas." Das reiche aber wegen des großen Zuzuges immer noch nicht aus. "Deshalb haben wir hier so massiven Druck."

Bürgermeister warnt vor eigener Stadt

Werner, ein Professor der Volkswirtschaft, ist Vater zweier Kinder und sagt, er habe selbst erlebt, wie schwer die Suche nach einem Kitaplatz sein kann. Jungen Familien habe er deshalb sogar davon abgeraten, nach Langen zu ziehen. Das habe medial die Runde gemacht, und ihm ein paar bissige Kommentare eingebracht. Aber Werner steht dazu. "Ich muss doch den Eltern reinen Wein einschenken. Ich kann sie doch nicht einfach hierherlocken, ohne das vorher ganz klar zu kommunizieren. Das gehört zu Transparenz und Ehrlichkeit dazu."

Erst bauen, dann Personal finden

Langens Einwohnerzahl wächst, die Zahl der Betreuungsplätze auch - wenn auch nicht umfangreich genug. Zwei neue Kitas stehen vor der Fertigstellung, in einem Neubaugebiet sind weitere eingeplant. Auch im Bestand werden die Möglichkeiten ausgereizt.

Die Rappelkiste, Langens älteste Kita, nutzt vorübergehend Räume in der benachbarten Johannesgemeinde. Die evangelische Kita wird um- und ausgebaut. Statt 50 sollen bald 75 Kinder betreut werden. Leiterin Friederike Fornefett lobt die Anstrengungen in Langen, um die Zahl der Betreuungsplätze nach oben zu treiben. "Zuerst muss ich Platz schaffen, und hier in Langen wird Platz geschaffen. Jeder Platz zählt, selbst die 25 in der Rappelkiste."

Personal ist schwer zu bekommen

Ein Engpass aber lässt sich nicht durch Baumaßnahmen auflösen. Das weiß auch Fornefett. "Die nächste Herausforderung ist, Menschen zu finden, die diese Kinder auch gut begleiten." Personal ist heiß begehrt und schwer zu kriegen.

Langen lockt mit besonderen Konzepten. Dort gibt es sogar Kitas, die auf Sport oder auf Musik spezialisiert sind. Und bei den Stellenangeboten sind Hilfe bei der Wohnungssuche, ein E-Bike vom Arbeitgeber und Job-Tickets oft inklusive. Trotzdem könnten laut Stadt 140 Kinder nicht betreut werden, für die es räumlich zwar Platz gebe, aber die Erzieherinnen und Erzieher fehlten.

"Fachkräfte werden gut bezahlt"

Dass es an der Bezahlung liegt, glaubt Christine Großebörger nicht. Sie ist Geschäftsführerin im Kita-Bereich des Evangelischen Dekanats Dreieich-Rodgau, das neben der Rappelkiste noch 17 weitere Kitas betreibt. Ihr zufolge werden Fachkräfte "inzwischen gut bezahlt". Doch der Mangel an Betreuungsplätzen, ob nun baulich oder personell bedingt, halte sich hartnäckig.

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Mutter Jeanette Fischer in Langen wird sich jedenfalls weiter darum bemühen müssen, Sohn Ed unterzubringen. Vielleicht klappt es ja im Herbst. "Ich habe von der einen oder anderen Kita gehört, dass es eine zweite Runde geben wird. Wenn wir da drankommen, würde ich mich sehr freuen, dann kann ich meine Arbeit wieder antreten." Und wenn nicht? Fischer macht eine kleine Kunstpause, schüttelt kurz nachdenklich mit dem Kopf. "Ich kann es gar nicht sagen."

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 01.08.2023, 19:30 Uhr

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Quelle: hessenschau.de/Katrin Kimpel